Kreuz & Quer - Predigt vom 29.5.03 über Matthäus 28,16-20
Worauf du dich verlassen kannst

Himmelfahrt ist ja ein Fest, das mit vielen Missverständnissen besetzt ist. Ein Missverständnis, das fast nicht auszurotten ist, lautet: Jesus ist raketengleich in den Himmel aufgefahren und ist dann irgendwie in den Weltraum entschwunden. Aber es war ganz anders: An Himmelfahrt ist Jesus in die unsichtbare Welt Gottes gegangen und nicht in den Weltraum geflogen. Dazu musste er übrigens überhaupt nicht fliegen. Denn der Himmel Gottes ist nicht über uns sondern er umgibt uns von allen Seiten. So steht es auch in der Bibel, im Psalm 139.

Und ein anderes Missverständnis lautet: An Himmelfahrt hat sich Jesus von dieser Erde und von den Menschen verabschiedet. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Jesus ist nicht weg, sondern auf eine neue Weise da. Sicher ist Himmelfahrt Abschied vom irdischen Jesus. Aber gleichzeitig ist Himmelfahrt Ankunft. Er kommt auf eine ganz neue Art und Weise bei uns an. Als einer, den wir nicht sehen können, aber doch erfahren können. Wir alle können ihn erleben als den, der eine ungeheure Macht besitzt, ja der alle Macht hat. Jesus redet davon im letzten Kapitel des Matthäusevangeliums, Vers 16 bis 20.

(Text vorlesen)

Vier Jahre lang war ich Pfarrer in einer Gemeinde in der Nähe von Erlangen. Viele Gemeindeglieder waren bei einem großen Elektrokonzern angestellt. Und sie waren sichtlich stolz darauf, wenn sie davon erzählten, dass sie bei einer mächtigen, weltumfassenden Firma angestellt waren.

Auch ich bin bei einem mächtigen, weltumfassenden Unternehmen angestellt. Damit meine ich nicht die Kirche. Sie ist zwar mein Arbeitgeber. Aber die Kirche, bei der ich arbeite, ist gewissermaßen nur ein Subunternehmen einer viel größeren Firma. Damit meine ich das Reich Gottes. Und mein eigentlicher Chef ist der Chef des Himmelreiches, Jesus Christus. Wenn ich recht darüber nachdenke, bei wem ich angestellt bin, und wer mein Chef ist, dann freue ich mich und bin stolz. Denn es gibt keine mächtigere Person in diesem Universum als Jesus Christus.

Ich weiß, diese Aussage klingt floskelhaft und theoretisch. In unserem praktischen Leben sieht es oft ganz anders aus. Da scheinen ganz andere Mächte die Oberhand zu gewinnen. Es gibt wirtschaftliche Verhältnisse, denen wir unterworfen sind. "Was nützt mir denn die Allmacht Jesu Christi, wenn ich meinen Arbeitsplatz verloren habe?" mag sich einer fragen, oder wenn ich in der Schule oder in einer Beziehung Probleme habe? Es gibt Krankheitsmächte, denen sind wir anscheinend hilflos ausgeliefert. Oder wir haben mit Menschen zu tun, deren Willkür wir ohnmächtig gegenüber stehen. Sünde und Schuld belastet unser Leben. Wir können tun und lassen, was wir wollen: Immer wieder tun wir die gleiche Sünde. Und schließlich kann uns bei jeder Tagesschau im Fernsehen der Zweifel überkommen: "Hat Gott diese wirre, chaotische Welt wirklich noch in seinen Händen? Oder ist sie ihm nicht schon längst entglitten?"

Angesichts dieser Mächte, die nach unserem Leben greifen, wirkt die Aussage Jesu: "Ich habe von Gott alle macht erhalten!" wie eine Provokation. Und es stellt sich die Frage: Wer ist nun wirklich der Herr dieser Welt und in unserem Leben?

Martin Luther und sein Freund Melanchthon befanden sich auf der Reise nach Wittenberg. Sie kamen an die Elbe, die Hochwasser führte. Der kleine Kahn, in dem sie übersetzen wollten, schwankte bedenklich auf den wilden, vom Wind gepeitschten Wogen. Ein schweres Unwetter stand drohend am Himmel. Luther wollte beherzt in den Kahn springen. Aber der zaghafte Melanchthon packte ihn am Arm, riss ihn zurück und rief: "Martin, Martin steig nicht ein! Die Sterne sind gegen uns!"

Darauf rief Luther zurück: "Wir sind des Herrn, und darum sind wir die Herren auch über die Sterne!" Riss sich los und sprang in den Kahn.

Oft haben wir den Eindruck, dass die Mächte dieser Welt gegen uns sind. Nöte und Leiden erheben sich. Stürme des Lebens peitschen die Wogen auf, drohende Gewitter zeigen sich am Horizont, zerbrechlich klein wirkt das Lebensschiff gegen die Gewalt dieser Mächte. Aber wer ist nun der Herr der Welt? Wir müssen uns entscheiden, von wem wir unser Leben bestimmen lassen: Von den furchtbaren Mächten um und in uns, oder von Jesus, der gesagt hat: "Ich habe von Gott alle Macht erhalten!"

Es ist sicher ein Wagnis, Jesus sein Leben anzuvertrauen, so wie der Sprung Luthers in den Kahn mitten in Unwetter und Bedrohung. Aber Jesus setzt uns ans Ufer über. Er bringt uns durch, dass wir gut nach Hause kommen. Wir sind des Herrn. Darum sind wir auch Herren über dunkle und widrige Mächte. Paulus hat es einmal so gesagt: "Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus!"

Die entscheidende Frage lautet also nicht, ob Jesus wirklich mächtiger ist als alle anderen Mächte dieser Welt, sondern ob wir ihm auch zutrauen, dass er alle Macht hat. Jeder, der dem Herrn Jesus Christus vertraut, wird immer wieder die Erfahrung machen, dass er wunderbar in ein Leben eingreift. Er kann Stürmen eine andere Richtung geben, wie es die Bewohner der Karibikinsel Jamaika im Jahr 1980 erlebten. Unheilbare Krankheiten kann er heilen. Auch in wirtschaftlich unsicherer Zeit kann er die versorgen, die ihm vertrauen, ihnen Brot und Arbeit geben. Er vergibt Schuld und macht auch Menschen frei von der Macht der Sünde. Er bringt dich gut durch dieses Leben ans andere Ufer, an das Ziel der Ewigkeit.

Wer an der Macht Jesu zweifelt, der steht einmal am Ende seines Lebens mit leeren Händen da. Aber wer Jesus immer wieder vertraut, dem werden sie immer neu gefüllt mit seinen Hilfen und seinen Wundern. Streck doch auch du in der Not, in der du gerade drinsteckst, deine Hände Jesus entgegen und lass dich von ihm beschenken! Er wird dich nicht enttäuschen! Darauf kannst du dich verlassen! Ich kann dies so sagen, weil ich es selbst so oft erlebt habe, Jesus mich nicht im Stich gelassen hat und oft sogar einen Funken von Glauben belohnt hat!

Jeder, der glaubt, macht die Erfahrung: Jesus ist ganz für ihn da. Deshalb kann er nun auch mit Recht von mir erwarten, dass ich ganz für ihn da bin, um seine Aufträge entgegenzunehmen.

Auch in unserem Predigtabschnitt verbindet Jesus eine Zusage mit einem Befehl. Und dieser lautet: "Geht hinaus in die ganze Welt und ruft alle Menschen in meine Nachfolge! Tauft sie und führt sie hinein in die Gemeinschaft mit dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist! Lehrt sie, so zu leben, wie ich es euch aufgetragen habe."

Für uns übersetzt heißt dieser Auftrag: Tu deinen Mund auf für Jesus. Verschweige nicht, dass er der Herr deines Lebens ist. Gerade in der heutigen Zeit sind die Christen dazu geneigt, sich ihres Glauben zu schämen. Sie sind froh, wenn sie nicht als Christen enttarnt werden, weil sie Hohn und Spott fürchten. Deshalb schweigen sie bei Diskussionen im Religionsunterricht, wenn der christliche Glaube angegriffen wird. Deshalb bringen sie ihren Mund nicht auf, wenn ein anderer in Not ist und verschweigen, was ihnen selber geholfen hat. Deshalb lädt man auch keinen anderen zu Gottesdiensten und anderen christlichen Veranstaltungen ein.

Irgendwie steckt die Feigheit in uns allen. Aber stellen wir uns einmal folgende Situation vor: Ein Mann stürzt in den Strom. Hilflos treibt er in den Wellen. Nur noch eine kurze Zeit trennt ihn vom sicheren Tod. Dann taucht ein Helfer am Ufer auf, mit einem Rettungsseil in der Hand. Er wird doch nicht dastehen und nichts tun, so wie viele Gaffer sich tatsächlich verhalten. Sondern er wird das Seil hineinwerfen und rufen: Halt dich fest!

So sind Menschen in den Strom der Sünde gestürzt. Hilflos treiben sie in den Wellen. Nur noch eine kurze Zeit trennt sie vom ewigen Tod. Können wir denn anders, als das Seil der Liebe Gottes hineinwerfen und den Mund auftun: Halt dich fest! Der du keinen Boden mehr unter die Füße bekommst: Halt dich fest! Der du vor lauter Aufgaben nur noch schwimmst: Halt dich fest! Der du im Strudel der Ängste nach unten gezogen wirst: Halt dich fest!

So sehe ich meine Aufgabe als Pfarrer: Anderen zu sagen, wo sie sich festhalten können, um in alle Ewigkeit gerettet zu sein. Ich möchte nicht schuldig werden an den Menschen, die Gott mir anvertraut hat. Ich möchte nicht, dass jemand in der Ewigkeit von mir sagen kann: Er hat gewusst, wie ich hätte gerettet werden können, und er hat es mir nicht gesagt.

Jeder, der Jesus kennt, hat den Auftrag, in seiner Umgebung von dem zu erzählen, der alle Macht im Himmel und auf Erden hat. Noch leben sie ja, deine Eltern, deine Geschwister, Kinder, Freunde und Arbeitskollegen. Noch kannst du ihnen von deinem Glauben an Jesus erzählen, für sie beten oder sie zu Gottesdiensten einladen. Aber irgendwann einmal kann es zu spät sein. Dann kannst du ihnen nichts mehr erzählen, weil sie tot sind. Schäme dich doch nicht des Auftrages, das weiterzugeben, was dein Leben reich gemacht hat. Sonst musst du dich einmal schämen, dass du es nicht getan hast.

Warum entschuldigen wir uns, dass wir Christen sind? Wir gehören dem Herrn der ganzen Welt, dem Herrn über Raum und Zeit. Da brauchen wir uns nicht ängstlich zu verstecken. Wir dürfen fröhlich weitersagen: "Das ist mein Herr!"

Wenn ich ängstlich werden wollte, als es darum ging, von diesem Jesus zu erzählen, dann hat mir das Wort Jesu oft geholfen: "Ihr dürft sicher sein :Ich bin immer und überall bei euch, bis an das Ende dieser Welt ." Wenn er bei uns ist, dann haben wir nicht den geringsten Grund, verzagt zu sein. Er gibt unseren Worten die nötige Kraft und Weisheit. Er lässt uns nicht im Stich, wenn wir uns zu ihm bekennen. Wer sich für Jesus einsetzt, den wird er nie allein lassen.

Ein Pfarrer sollte den Gottesdienst in einer kleinen Dorfkirche halten und übernachtete in einem alten Haus gegenüber. Als er am Morgen aufgestanden war und die Rolläden hochzog, sah er, dass jemand in die Fensterscheibe die Worte geritzt hatte: "Dies ist der Tag!"

Beim Frühstück fragte er die Frau des Hauses, was die Worte im Fenster zu bedeuten hätten. Die Frau erzählte ihrem Gast, wie viel Leid sie in ihrem Leben erfahren habe und dass sie immer große Angst vor dem nächsten Morgen gehabt habe. "Eines Tages", sagte sie, "las ich in der Bibel das Psalmwort: Dies ist der Tag, den der Herr macht; lasset uns freuen und fröhlich darinnen sein! Bisher hatte ich immer gedacht, das gelte nur für besondere, festliche und glückliche Tage. Doch dann wurde mir klar, dass damit jeder Tag gemeint ist. Warum sollte ich mich vor den Tagen fürchten, die der Herr selber gemacht hat? So ritzte ich die Worte in die Fensterscheibe, damit ich jeden Morgen, wenn ich die Läden öffne, daran erinnert werde: Diesen Tag hat Gott für mich gemacht. Es ist sein Tag, und ich muss mich nicht davor fürchten!"

Keinen Tag in meinem Leben allein sein, auch wenn kein Mensch bei mir ist, das ist ein wunderbares Versprechen, auf das du dich verlassen kannst. Das bringt in dem Grau unseres Alltages und in der Öde unserer Feiertage einen Glanz und ein Leuchten hinein. Montag, wenn die Last der kommenden Arbeitswoche uns erdrücken will, da gibt er uns die nötige Kraft und Zuversicht. Dienstag, wenn es zu hause Streit gibt, und wir gekränkt und niedergeschlagen sind, da glättet er die Wogen und gibt uns seinen Geist des Friedens. Mittwoch, wenn alles schief geht und nichts gelingt, Pleiten, Pech und Pannen uns einholen, wartet Gott schon auf uns, um uns zu trösten. Donnerstag, wenn Finanz- oder Krankheitsprobleme uns einholen, ist zu aller Not auch der Nothelfer gegenwärtig. Freitag, wenn wir an Einsamkeit und Enttäuschung ganz krank geworden sind, ist Gott wie ein guter Freund plötzlich nah bei uns. Samstag, wenn wir frei haben, aber nicht frei sind, sondern gebunden an törichte Dinge irgendeinen Mist bauen, der uns abends leid tut, dann ist Gottes Vergebung für uns da. Sonntag, wenn wir Freude und Großes erwarten und alles ganz anders ist, hat Gott ein gutes Wort für uns und richtet uns auf.

Glaubende sind keine Phantasten, sondern Realisten, die mit der Gegenwart Gottes rechnen und fortgesetzt Erfahrungen mit ihr machen. Einer, der optimistisch in die Welt blickt, tut sich sicher leichter im Leben, als einer, der immer alles schwarz in schwarz sieht. Bei einem, der an Jesus glaubt, ist es ähnlich und doch anders. Der Optimismus bewahrt mich nicht vor Schwierigkeiten und Leid, ebenso wie der Glaube. Aber der Glaubende erfährt immer wieder etwas von der Macht Gottes. Er muss sich nicht einreden: "Es wird schon alles wieder gut!" Sondern er sieht ja immer wieder in seinem Leben: Gott macht alles gut! Und auf diese Wahrheit darf ich mich jeden Tag verlassen!

Amen

© 2003 Dieter Opitz, Bayreuth