Kreuz & Quer - Predigt vom 17.4.2003 über Johannes 13,1-15
Wie er mir, so ich dir

Liebe Gemeinde!

Ein kleiner Junge putzt abends voller Eifer seine Schuhe. Dabei kommt ihm ein merkwürdiger Gedanke. Der läßt ihn nicht mehr los. Schließlich fragt er seinen Vater. Papa, wer putzt eigentlich dem lieben Gott die Schuhe? Der Vater wußte verständlicherweise keine Antwort. Aber bald darauf stieß er auf die Geschichte aus dem Neuen Testament. Da holte er seinen Jungen und erklärte ihm: Wer Gott die Schuhe putzt, das weiß ich immer noch nicht. Aber eines weiß ich jetzt: Er will uns die Schuhe putzen. Ja, Gott will uns Schuhe putzen, so wie die jungen Leute in der Innenstadt von Bayreuth es getan haben. Und dann las er seinem Sohn folgende Geschichte aus Johannes 13 vor.

(Vorlesen Johannes 13,1-15)

Diese Geschichte zeigt uns ein ganz merkwürdiges Bild von Gott. Welche Begriffe verbindest du eigentlich mit Gott? Vielleicht Macht. Gott ist mächtig, klar. Schließlich hat er die ganze Welt geschaffen. Vielleicht denkst du auch an den Begriff Liebe. Gott ist Liebe, steht ja schon in der Bibel. Jeder Tag, den wir erleben dürfen, ja, daß wir überhaupt leben, ist ein Zeichen seiner Liebe. Aber was die Liebe Gottes wirklich bedeutet, darauf kann kein Mensch kommen. Dafür reicht die kühnste Phantasie nicht aus. Gott zeigt uns in dieser Geschichte, wie seine Liebe wirklich ist. Sie kennt keine Grenzen. Auch vor den stinkenden Füßen von 12 Männern macht sie nicht halt. Gottes Liebe kommt uns buchstäblich hautnah. Eigentlich unbegreiflich!

Das, was Jesus tat, ging auch seinen Jüngern nicht in den Kopf. Sie hatten einen anstrengenden Tag hinter sich. Und jetzt war es endlich soweit, das lang ersehnte Fest zu feiern: Passa. Das ist, wie wenn wir Weihnachten und Ostern zusammen feiern. Nur Jesus und seine 12 Jünger waren zusammen, eine gemütliche, vertraute Runde. Der Tag war heiß gewesen, die Straßen staubig und die Füße waren dabei schmutzig geworden. Und niemand ist da, der sie hätte waschen können. Wer macht das auch gern, wenn man auf Feiern eingestellt ist! Füße waschen ist Sklavenarbeit. Und Sklaven sind keine da. Vielleicht denken die Jünger: Soll doch ein anderer diese Drecksarbeit machen. Ich nicht! Soll es doch der Petrus machen! Der reißt immer seinen Mund so weit auf. Soll er doch auch einmal was machen. Oder der Johannes. Der redet immer soviel von Liebe. Hier kann er seine Nächstenliebe unter Beweis stellen. Vielleicht rechnet auch keiner der Jünger damit, daß sich irgendeiner aufraffen wird, um diesen Sklavendienst zu tun.

Und dann steht er plötzlich auf, - Jesus , ihr Herr. Auf einmal hat er einen Arbeitskittel an. Er schleppt Wasser herbei und gießt es in das bereitstehende Becken. Und dann fängt er an, einem nach dem anderen die Füße zu waschen. Die Jünger sind entsetzt. Das geht doch nicht! Jesus kann doch nicht die Arbeit eines Sklaven übernehmen! Petrus traut sich das zu sagen, was wohl alle denken: Du kannst mir doch nicht die Füße waschen. Das geht zu weit!

Ich kann seine Reaktion verstehen. Der Chefarzt einer Klinik leert ja auch nicht die Schieber seiner bettlägerigen Patienten und putzt ihnen nachher noch den Hintern ab. Dafür gibt es doch Krankenschwestern. Und der Uniprofessor schleppt auch nicht die Abfalleimer zum Müllcontainer. Dafür gibt es ja Putzfrauen.

Aber Jesus wäscht die schmutzigen Füße seiner Jünger. Er hat alle Macht im Himmel und auf der Erde. So hat er es selber gesagt. Und er benutzt seine Macht dazu, um sich mit dem Schmutz von Füßen zu beschäftigen. So ist Jesus. So ist seine Macht. Und so ist seine Liebe.

Eigentlich hätte er seinen Jüngern den Kopf waschen müssen. Aber er zog die Füße vor. Aus Liebe.

Eigentlich müßte Gott uns allen den Kopf waschen. Er müßte uns Vorwürfe machen wegen unserer Bequemlichkeit, unseres Egoismuses, unserer Lieblosigkeit und auch wegen unseres Unglaubens und Mißtrauens Gott gegenüber. Statt dessen wäscht er uns von unserer Sünde und Schuld rein: am Kreuz auf dem Hügel Golgatha. Sein Sterben war auch so eine peinliche Sache wie die Fußwaschung am Abend vorher. Aber so ist Jesus: Lieber setzt er sich den peinlichsten Situationen aus, in denen er mißverstanden, verspottet, ausgelacht und verachtet wird, als uns im Stich zu lassen. Wir hätten gern einen mächtigen Gott, zu dem wir aufsehen können. Aber Jesus weiß: Wir brauchen seine Liebe. Seine Liebe, die uns reinwäscht von unserer Sünde und Schuld.

Um nichts anderes geht es auch heute beim Abendmahl. Die Geschichte der Fußwaschung spielt ja kurz vor der Einsetzung zum Abendmahl. Auch beim Abendmahl will Jesus uns dienen. Er macht sich ganz gering und unscheinbar. In einem unscheinbaren Schluck Wein und einer Oblate ist er anwesend. Eigentlich auch eine peinliche Sache, wenn man recht darüber nachdenkt: Gott in einem Stück Brot und einem Schluck Wein! Was soll das? Wie sehr erniedrigt sich Jesus dadurch! Er tut dies auch aus lauter Liebe. Jesus verbirgt sich in Brot und Wein, damit wir ihn aufnehmen können. Er will uns unsere Sünden vergeben.

So ist Jesus. Seine Vergebung dürfen wir so einfach aufnehmen wie Essen und Trinken. Er erwartet nichts von uns als daß wir uns von ihm beschenken lassen.

Das klingt so einfach. Aber gerade damit, mit dem sich beschenken lassen, haben wir oft unsere Probleme, - so wie Petrus. Er protestiert gegen diese Art von Fußpflege, die Jesus seinen Jüngern zukommen läßt. Er wehrt sich dagegen, von Jesus gewaschen zu werden. Irgendwie ist dieses sich Sträuben verständlich. Ein Geschenk ohne Anlaß, vielleicht gar unverdient, macht uns verlegen, ist uns peinlich. Das hätte es doch nicht gebraucht, so reagiert ein echter Oberfranke, wenn jemand ihm etwas schenkt. Eigentlich typisch bayreutherisch, wie sich auch manche in der Fußgängerzone verhalten haben: Sich die Schuhe putzen lassen? Das brauchts doch nicht! Erst einmal zweimal ablehnen, bevor man beim Essen zugreift. Und dann sauer sein, wenn man nicht ein drittes mal gefragt worden ist. Aber vielleicht verhalten sich ja nicht nur Oberfranken so.


Petrus lehnt also zunächst ab, daß Jesus ihm die Füße wäscht. Warum? Es war sein Stolz, der sich nichts schenken lassen will. Er hat gar nicht gemerkt, wie sehr er es nötig hat, daß Jesus ihn liebhat.

Wie ist das bei uns? Wissen wir, daß wir Jesu Liebe brauchen, nötiger brauchen als alles andere auf der Welt? Brauchen wir es wirklich, daß Jesus uns unsere Schuld vergibt?

Vielleicht müssen wir alle heute neu lernen, wer wir sind. Daß wir Menschen sind, die vor Gott einmal nicht bestehen können, die verloren gehen, so wie sie sind, daß wir Menschen sind, die Vergebung brauchen. Brauchst du das nicht auch: Vergebung? Ist wirklich alles in deinem Leben in Ordnung, daß du sagen kannst: Ich kann ganz gut auch ohne Vergebung leben?

Und vielleicht müssen wir heute neu lernen, wer Jesus ist: Jemand, der gerade dir vergeben will, der dich von allem Schmutz, den du mit dir herumschleppst, befreien will. Laß dir diese Liebe Jesu heute einfach gefallen, laß dich von ihr beschenken.

Wenn ich dir nicht die Füße wasche, gehörst du nicht zu mir. sagte Jesus zu Petrus. Das heißt ja: Nur wer sich von Jesus lieben läßt, vergeben läßt, der gehört zu ihm: Nur der ist ein Christ. Laß dich deshalb mit Jesu Liebe beschenken, jetzt im Abendmahl.

Glaube es doch: Die Vergebung Jesu ist immer größer als deine Schuld. Seine Liebe wäscht auch dich rein. Keiner unter uns braucht daran zu zweifeln. Auch wenn seine Sünde noch so groß ist. So ein Zweifel an der Liebe Gottes ist auch eine Form von Stolz. Man meint dann, so ein Spezialfall zu sein, dem Gott nicht vergeben kann. Nein, nein, du bist kein Spezialfall. Sei nicht so eitel. Du bist ein ganz normaler Sünder, dem Jesus vergeben will. Und wenn in deinem Leben viel Sünde da ist, dann ist noch viel mehr Vergebung da.

Hol dir diese Liebe jetzt beim Abendmahl ab. Sie wird dein Leben ganz und gar verändern. So wie Jesus uns behandelt hat, so sollen und können wir auch mit unseren Mitmenschen umgehen. Wie er mir, so ich dir.

Füßewaschen 2003, wie kann das in unserem Leben aussehen? Es können wie bei Jesus ganz unscheinbare Dinge sein, Dinge, die keiner gerne tut, die aber gemacht werden müssen: Abspülen, Babysitten, Oma und Opa besuchen, Kranke besuchen, einem anderen helfen, wenn er in Not ist. Manche unter uns machen dies ja auch, zum Beispiel jeden Mittwoch in einem bayreuther Krankenhaus Patienten Glaubenslieder singen. Weil sie selber Liebe von Jesus bekommen haben, wollen sei sie an andere weitergeben, an die, die es besonders nötig haben. Ganz praktische Dinge also, oft Kleinigkeiten, die keine Schlagzeilen machen. Die aber gut tun, so wie es den Jüngern auch gut tat, als Jesus ihnen den Staub von den Füßen abwusch. Kleinigkeiten, die das Leben eines anderen erst schön machen. Denn das braucht doch jeder: Liebe, die Liebe Jesu. Enthalte diese Liebe dem anderen nicht vor! Du brauchst diese Liebe doch auch, und der andere erst recht.

Du brauchst dabei nicht übereifrig zu sein. Nicht alle Not dieser Welt schreit nach deiner Hilfe! Laß den anderen auch eine Chance! Es gibt faule Christen, die keinen Finger krumm machen, wenn es um freiwillige Hilfe geht. So ein Verhalten ist nicht in Ordnung und stinkt zum Himmel. Es gibt aber auch besonders pflichtbewußte und gewissenhafte Christen, die immer Hier! schreien, wenn Hilfe gesucht wird. Sie engagieren sich sozial, halten Gemeindegruppen, sind in einigen Gremien, helfen überall, wo man sie fragt oder nicht fragt. Gott kann ja auch einmal viel von einem verlangen, und dann gibt er auch die Kraft dazu. Aber er ist kein Sklaventreiber, der einen permanent überfordert. Du darfst dir auch Ruhe gönnen. Du darfst auch einmal Nein! sagen. Du mußt nicht alles sofort erledigen. Du darfst, ja du mußt dir auch einmal Zeit nehmen für dich und dein Verhältnis zu Gott.

Du kannst ja nur das weiter geben, was Gott dir vorher gegeben hat. Ansonsten überforderst du dich, erstickst in Betriebsamkeit und Leerlauf, hilfst keinem und schadest nur dir und irgendwann deiner Gesundheit.

Hinter dieser Haltung steckt oft das Denken: Ich bin so viel wert, wie ich leiste. Oft läuft so eine Einstellung unbewußt ab: Je mehr ich leiste, desto lieber hat mich Gott. Aber das ist nicht wahr. Er liebt dich, weil er beschlossen hat, dich zu lieben. Du kannst dir den Himmel nicht durch fromme Leistungen verdienen. Du kannst dich nur lieben lassen und diese Liebe an andere weitergeben. Mehr brauchst du und kannst du auch nicht tun.

Amen

© 2003 Dieter Opitz, Bayreuth