Kreuz und Quer - Gott rechnet anders
Bayreuth, den 16.2.03; Matthäus 20,1-16a

Liebe Gemeinde!

„An Jesus kommt keiner vorbei!“ So stand es einmal dick und provozierend auf einem Plakat im Ruhrgebiet. Und ein Witzbold hatte dazu gesetzt: außer Libuda! Das war damals ein dribbelstarker Fußballer von Schalke 04. Der kam tatsächlich an vielen seiner Gegner vorbei, um seine gefährlichen Flanken zu schießen.

Aber wie ist das mit Jesus ? Kommt man an ihm wirklich so leicht vorbei? Jesus erhebt einen Anspruch auf unser Leben. Das erkennen viele Menschen und versuchen sich zu drücken! Vor dem Anspruch eines Plakates mag es gelingen. Die witzige Bemerkung beweist das. Aber an Jesus selbst kann sich niemand vorbeidrücken. Auch durch witzige und spritzige Bemerkungen nicht. Dazu ist er zu sehr an uns interessiert.

Er ist so sehr an uns interessiert so wie jener Weinbergsbesitzer, von dem wir eben gehört haben. Er kommt zu Männern, die auf dem Marktplatz herumlungern. Es sind Tagelöhner, das heißt, sie haben keine feste Arbeitsstelle. Sie warten darauf, daß sie jemand für einen Tag einstellt. Und am Ende dieses Tages wird der Lohn ausbezahlt. Der Weinbergsbesitzer bietet einen Denar pro Tag, eine gute Bezahlung für die damalige Zeit. Die Leute, die er dort trifft, gehen mit in seinen Weinberg.

Nach ein paar Stunden kommt der Weinbergsbesitzer noch einmal auf den Marktplatz. Erstaunte Gesichter. „Was will denn der schon wieder?“ Noch einmal bietet er Arbeit in seinem Weinberg an. Und wieder ziehen einige mit ihm ab. Um Mittag taucht der merkwürdige Mann schon wieder auf und um drei Uhr ein viertes Mal. Dieser Mann scheint ja dringend nach Arbeitern zu suchen. Er will wohl so schnell wie möglich seine Ernte einbringen. Fast aufdringlich wirkt das Verhalten dieses Weinbergsbesitzers, wie das eines Hausierers. Aber dieser Vergleich paßt nicht ganz. Denn ein Hausierer will etwas los werden, aber der Weinbergsbesitzer hat etwas anzubieten: Arbeit und gute Bezahlung. Und jedesmal lassen sich ein paar Tagelöhner anstellen.

Es ist fünf Uhr. Die Leute auf dem Marktplatz trauen ihren Augen nicht. Da steht doch der Mann von vorhin schon wieder vor ihnen und fragt sie: „Wollt ihr nicht bei mir arbeiten? Was steht ihr den ganzen Tag untätig herum?“ Ein paar versuchen es mit einer Ausrede: „Es hat uns niemand angestellt!“ Doch dann gehen sie mit.

Gott verhält sich ebenfalls wie dieser Weinbergsbesitzer. Er geht uns Menschen nach, ruft uns zu sich, will, daß wir ganz und gar für ihn leben und will uns dafür belohnen.

Gott läuft uns nach wie ein verliebter junger Mann einem Mädchen. Warum macht er das nur? Ein Pfarrer saß mit einem Mann zusammen, der nichts vom Glauben wissen wollte. Der stellte auch diese Frage: „Es ist ja komisch, wie Ihr Jesus den Menschen nachläuft. Er ist wohl auf uns angewiesen? Der braucht uns wohl? Er ist offenbar fertig, wenn keiner sich um ihn kümmert?“

Der Pfarrer erwiderte: „Jawohl! Jesus läuft uns nach. Aber nicht darum, weil er uns braucht. Sondern – weil er weiß, daß wir ihn brauchen. Weil er weiß, wie unsagbar einsam und verloren wir ohne ihn sind.“

Jesus liebt uns ausnahmslos. Er will nicht, daß auch nur einer von uns ein sinnloses Leben ohne ihn führt. Deshalb ruft er uns zu sich.

Wie oft hat er dich schon gerufen? Vielleicht rief dich Jesus durch einen Unfall oder eine Krankheit. Du wurdest aus dem alltäglichen Trott herausgerissen, von einem Tag auf den anderen. Du wurdest ruhiggestellt, hattest Zeit zum Nachdenken, zum Beten, zum Bibellesen. Du hattest Gelegenheit, Gott dankbar zu sein. Bist du auf den Ruf Gottes eingegangen?

Oder du warst schon oft in einem Gottesdienst. Aber wie ging es nach dem Gottesdienstbesuch weiter im Alltag?

Gott hat jeden von uns schon angesprochen, damit er doch das Angebot seiner Liebe annimmt. Gott ist geduldig. Er läßt nicht so schnell locker. Immer wieder kommt er wie der Weinbergsbesitzer, um ihm ewiges Leben anzubieten.

Aber keiner kann denken: „Wenn Gott so gnädig ist, dann kann ich mir mit ihm ja Zeit lassen. Jetzt lebe ich erst mein Leben, und später kann ich immer noch auf das Angebot Gottes eingehen.“

Ja, das stimmt. Gott ist ungeheuer geduldig. Aber keiner kann mit seiner Geduld spielen. Keiner weiß, wann er das letzte Mal ruft. Keiner weiß doch, wieviel Zeit er noch hat.

Manche beruhigen sich falsch, wie jener Mann, der mit seinem Pfarrer sprach: „Wenn Gott so gnädig ist, wie Sie sagen, dann bleibt mir immer noch Zeit, um an die Religion zu denken.“ Der Pfarrer wandte ein. „Aber woher wollen Sie wissen, daß Ihnen Gott noch Gelegenheit gibt, um zum Glauben zu finden, ehe Sie sterben?“ Der Mann sagte. „Aber das steht doch so in der Bibel! Denken Sie nur an den Verbrecher, der mit Jesus gekreuzigt wurde!“ Daraufhin erwiderte der Pfarrer trocken: „An welchen der beiden?“

Ja, an welchen? Der eine wurde im letzten Augenblick noch gerettet, weil er sich an Jesus wandte und an ihn glaubte. Diesem konnte Jesus zusagen: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“

Für den anderen Verbrecher, der da am Kreuz hing, gab es keinen Augenblick der Umkehr, keinen Augenblick des Glaubens. Er starb, wie er gelebt hatte, und keiner konnte ihm den Trost zusprechen, daß es für ihn im Tod anders sein würde als im Leben. Er war getrennt von Gott und das änderte sich auch nicht, als er starb, weil er nicht anders wollte.

Es gibt ein zu spät. Aber heute gilt noch das Angebot Gottes. In erster Linie bietet uns Gott Vergebung an. Denn das haben wir am allernötigsten. Der Ruf Gottes „Komm doch zu mir!“ beinhaltet immer auch das Angebot der Vergebung. Das braucht jeder Mensch immer wieder neu. Denn ohne Vergebung kommt niemand in der Ewigkeit bei Gott an. Jeder Mensch lädt in einem Leben soviel Schuld auf sich, daß es ausreicht für eine Ewigkeit ohne Gott.

Und dann bietet er mir auch Arbeit an. Ich soll und darf für Gott etwas tun: z. B. meinen Glauben bekennen, in der Kirchengemeinde mitarbeiten und vor allen Dingen mein Leben von der Liebe Christi bestimmen lassen, daß man mir anmerkt: der oder die ist irgendwie anders als die anderen. Diese Liebe will dir Jesus auch schenken, wenn du nur darum bittest.

Jesus will unser Leben ganz und gar in den Griff bekommen, und zwar von jedem. Die Voraussetzungen sind zwar verschieden: der eine ist alt, der andere jung, der eine sehr begabt, der andere etwas weniger, der eine kommt aus einem frommen Elternhaus, der andere ist ohne den Glauben an Gott aufgewachsen, der eine ist brav, der andere ist unmöglich. Gott ruft sie alle, den einen wie den anderen. Wir meinen oft, bei dem sind die Voraussetzungen zum Glauben günstiger, und bei anderen scheint uns Hopfen und Malz verloren.

Aber Gott sieht das oft ganz anders. Er gibt keinen auf. Er geht jedem nach. Er wendet sich auch an die, deren Leben verpfuscht ist, die irgendwie bei anderen abgeschrieben sind. Es sind die Leute, die der Weinbergsbesitzer noch um fünf Uhr aufgabelt und sie anstellt, die, die sonst keiner mehr haben will. Die Leute sagen vielleicht: Der taugt nichts! Die Bekannten lachen ihn aus: Mit dem kann man nichts anfangen! Mit einem Wort: Abgeschrieben! Aber nicht bei Gott! Bei ihm gibt es keine hoffnungslosen Fälle. Gott beurteilt uns nicht nach unserer Vergangenheit, sondern, ob wir jetzt, in diesem Augenblick, ihm vertrauen.

Wenn du jetzt glaubst, daß dir deine Schuld um Jesu Christi willen vergeben ist, dann ist alles vergangene Böse deines Lebens ausgelöscht, alles! Wer du auch warst: Du bekommst die gleiche Belohnung wie die heiligsten Heiligen – das ewige Leben.

Deshalb kann es oft sein, daß Gott über einen Menschen ganz anders urteilt als wir Menschen. Wir sehen die Fehler und Schwächen des anderen, wir rechnen schneller als ein Computer seine Sünden zusammen. Und dann geben wir unsere Ergebnisse von uns: Der ist Spitze, - der geht schon, - und der, der ist der Letzte!“ Aber Gott rechnet die Sünden nicht zu, wenn ihn jemand um Vergebung bittet. Wer bei uns der letzte ist, kann bei Gott schon längst der Erste sein.

Ich will euch von so einem Mann erzählen. In den Augen seiner Mitmenschen war er der letzte Dreck. Er wurde als uneheliches Kind geboren. In der Zeit, in der lebte, war ihm dafür die Verachtung sicher. Er wurde Alkoholiker, ruinierte seine Gesundheit und sein Familienleben. In seiner Verzweiflung beging er einen Selbstmordversuch. Er sprang kopfüber von einer Mauer. Aber in der Luft drehte es ihn und er kam mit den Füßen auf. Nach seinem mißglückten Selbstmordversuch begann er nach Gott zu fragen. Und er fand ihn und bekam Vergebung! Sein Leben veränderte sich radikal. Er konnte das Trinken aufgeben, wurde wieder gesund, konnte sich wieder um seine Familie kümmern. Unzähligen Menschen verhalf er zum Glauben an Jesus Er wurde ihnen wie ein Vater. Deshalb nannte man ihn auch bald Vater Stanger. Ein bekannter Theologieprofessor sagte: Überall in ganz Deutschland habe ich die Segensspuren dieses Mannes gefunden.

Doch wegen seiner Herkunft und Vergangenheit verachteten ihn trotzdem bestimmte Menschen, auch aus frommen Kreisen. Sie begriffen nicht, daß Gott einen Letzten zum Ersten gemacht hatte, und regten sich so über die Güte Gottes auf.

Dabei leben wir doch alle von dieser Güte Gottes, auch die ganz Braven unter uns, auch die, die keiner Fliege etwas zu leide tun können. Auch in ihrem Herzen steckt das Böse. Und irgendwann kommt es auch zum Vorschein, so wie bei den tüchtigen Arbeitern, die den ganzen Tag im Weinberg geschuftet hatten. Auf einmal fühlen sie sich ungerecht behandelt, auf einmal können sie so böse auf den Weinbergsbesitzer sein. Irgendwann kommt bei jedem heraus, was in ihm steckt, der Egoismus, der sich nur um sich selbst dreht, der Gott nicht liebt und arrogant auf andere herabschaut.

Wir alle haben es nötig, daß Gott uns ungerecht behandelt, - ja ungerecht! War es nicht ungerecht, wie Jesus gehandelt hat? Er, der Gerechte, stirbt am Kreuz wie ein Verbrecher, er, der nie etwas Böses getan hat. Und wir, die Ungerechten, kommen mit dem Leben davon. Ist das nicht ungerecht? Ja, es ist ungerecht, weil Jesus uns so unendlich liebt.

Eine alte Legende erzählt von zwei Mönchen, die Streit miteinander hatten. Sie können sich nicht einigen, denn jeder von beiden fühlt sich im Recht. Schließlich tragen sie dem Abt ihre Sache vor und bitten ihn, den Streit zu schlichten und für Gerechtigkeit zu sorgen. Der Abt möchte eine Nacht Bedenkzeit und gibt den Mönchen am nächsten Morgen seine Antwort:

„Gerechtigkeit gibt es nur in der Hölle, im Himmel regiert die Barmherzigkeit!“

Lange reibt man sich an dieser Antwort, bis man einsieht, daß dieser alte Abt recht hatte. Wenn Gott konsequent gerecht ist, dann muß er jeden in die Hölle schicken. Aber aus Barmherzigkeit möchte er uns bei sich in seinem Reich haben. Und wer in den Himmel kommen möchte, dem bleibt nichts anderes übrig, als auch so wie Gott barmherzig zu sein.

Wir alle leben von Gottes Barmherzigkeit und nicht von seiner Gerechtigkeit. Wir alle sind in seinen Augen nicht Erste sondern Letzte.

Gott ruft auch die Letzten unter uns, die , die Schuld und Sünde auf sich geladen haben und die sie erkannt haben. Sie dürfen zu Jesus kommen. Keiner braucht der Letzte zu bleiben. Gott möchte, daß wir alle zu Ersten werden, zu seinen Lieblingen, die er mit seiner Liebe segnen kann. Es liegt nur an uns, an unserem Glauben, ob er dies auch tun kann.

Amen

© 2003 Dieter Opitz