Kreuz & Quer vom 20.11.02 - "Aber ehrlich!" zu Lukas 6,39-42

Liebe Gemeinde!

"Mensch, bist du blind?" So fragen wir manchmal. Meist sagen wir es nicht in einem sehr liebevollen Ton, sondern eher von oben herab, in dem Sinne von "Wie kann man nur so blöd sein!" Denken wir nur an unser Anspiel!

Jesus richtet diese Frage "Mensch, bist du blind!" an uns alle. Nicht lieblos, nicht von oben herab. Sondern voller Liebe, wie ein guter Freund, der uns auf etwas aufmerksam machen will, um uns zu helfen.
Manchmal sind sogar die blind, die führen sollen, sagt Jesus Ich denke zum Beispiel an das Dritte Reich. Viele in unserem Land haben damals einem blinden Führer vertraut, der sie mitgerissen hat in den Untergang.

Sind sie nicht beide in die Grube gefallen? Und wie! Und wir?
Mir fällt auf, daß auch die Menschen von heute, selbst die jungen, nicht so kritisch denken, wie man ihnen nachsagt:
Da kommt einer daher und schwingt große Worte oder singt ein paar flotte Töne oder spielt auf einer Gitarre ein paar schräge Griffe, und schon sind alle begeistert. Und in Wirklichkeit ist nicht mehr dahinter als eine große Schnauze oder eine große Show oder ein paar Watt in der Verstärkeranlage.

Werden sie nicht beide in die Grube fallen? Wir lassen uns von Blinden führen. Und wir sind selbst blind für die Menschen, mit denen wir zu tun haben. Was bekommen wir eigentlich mit von unseren Klassenkameraden, Lehrern, Kollegen, Eltern, Kindern, Geschwistern, Nachbarn? Da merkt einer überhaupt nicht, wie viele Sorgen sein Vater auf der Arbeit hat. Stattdessen löchert er ihn, weil er mehr Taschengeld will. Und umgekehrt sieht ein Vater nicht, wie problembeladen sein Sohn ist. Stattdessen macht er ihm nur Vorwürfe, weil sein Verhalten zu wünschen übrig läßt. Vielleicht haben wir den komischen Typ von nebenan nie gefragt, was mit ihm los ist, wenn er sich so merkwürdig benimmt. Wir setzen gerne unsere Scheuklappen auf und wollen gar nicht sehen, was neben uns vorgeht.
Ob da nun in der Schule oder auf der Arbeit einer den anderen fertigmacht: was geht es mich an?
Und wir? Wo sind wir blind? Seien wir mal ehrlich: Übersehen wir so manches einfach, wo es unser eigenes Verhalten betrifft? Wir machen uns lustig über die Fehler anderer, denken: "Mann, ist der blöd! Ist die bescheuert!" Wir halten uns für besser als andere, sehen oft haarklein die Schwächen anderer. Doch was unsere eigenen Fehler anbelangt, sind wir blind. Wir merken nicht, daß wir oft genau das Gleiche tun, was wir einem anderen vorwerfen.

Du gehst vielleicht fortgesetzt durch deine Art anderen auf die Nerven, durch deine Faulheit, deinen Egoismus, deine Dickfelligkeit, deine Unfreundlichkeit und dein abweisendes Wesen - und merkst es nicht einmal. Du fällst vielleicht aus allen Wolken oder weist es empört von dir, wenn ein anderer dich auf diese Fehler aufmerksam macht. Blind für sich selbst.
Solange wir nicht "in die Grube fallen", das heißt die Folgen unserer Blindheit zu spüren bekommen, können wir uns ganz gut an diese Art von Blindheit gewöhnen.
Es gibt eine kleine Geschichte dazu. Sie stammt von dem englischen Autor H. G Wells.
Da erzählt Wells von einem Gebirgstal, wunderschön paradiesisch, aber total isoliert, völlig von der Umwelt abgeschnitten.
In diesem Tal wohnen ein paar hundert Menschen.
Ihre Vorfahren sind ins Tal gekommen, als es noch besser zugänglich war. Sie haben sich dort niedergelassen.
Nach einiger Zeit war eine Krankheit ausgebrochen, und alle wurden blind. Alle Kinder, die seither geboren wurden, kamen blind zu Welt. Und jetzt gibt es seit Generationen nur noch Blinde in diesem Tal.
Eines Tages stürzt ein Fremder, einer, der sehen kann, beim Bergsteigen ab. Er landet unverletzt im "Tal der Blinden". Sie nehmen ihn bei sich auf. Er versucht nun, ihnen klar zu machen, was "Sehen" ist. Aber er hat keinen Erfolg damit.

Die Blinden sprechen zwar die gleiche Sprache, aber das Wort "Sehen" ist längst aus ihrem Wortschatz verschwunden.
Sie wissen einfach nichts mehr von der menschlichen Möglichkeit des Sehens. Was der Fremde da erzählt, von den Farben der Natur, von den Schönheiten, die man sehen kann, das ist für sie blanker Unsinn, wirres Gerede. In ihren stockdunklen Häusern, die keine Fenster haben, findet er sich nicht zurecht. Die Bewohner des Tals halten ihn deshalb für behindert, krank.
Die Blinden haben sich ihre eigene Weltanschauung zurechtgelegt: ihr kleines Tal ist für sie die ganze Welt. Oben drüber, so stellen sie sich es vor, wölbt sich eine Felsendecke, an der sich der Tau sammelt und als Regen herunterfällt.

Was der Fremde da erzählt vom weiten Himmel, über ihnen und von der Welt außerhalb des Tals, und von den Städten, von den Wäldern und Meeren, das halten sie für Ketzerei, für Wahnsinn.
Die Geschichte endet ziemlich dramatisch: die Blinden möchten den Fremden gern "heilen": sie wollen ihm die vermeintlichen Geschwüre entfernen, die sie für die Ursache seiner Behinderung und Verwirrung halten. Sie wollen ihm die Augen entfernen.
Da ergreift er verständlicherweise die Flucht.

Mich erinnert das stark daran, wie man mit Jesus umgegangen ist: "Gotteslästerung", "Wahnsinn", haben die Leute gerufen, als er ihnen von Gott erzählte und von Gottes Reich. Und man sagte: der muß weg. Der stört. Verständlich: Wir lassen uns das auch nicht gern sagen: Mensch - du bist blind. Man kann sich auch im Dunkeln ganz wohl fühlen. Es hat seinen Reiz, nicht alles zu sehen. Man erspart sich einiges dabei.

In der Geschichte aus dem Tal der Blinden ist der fremde Besucher fast verzweifelt, weil er den Leuten dort nicht klar machen konnte, was ihnen fehlt.
Deshalb hat er einmal gesagt: "Ich bin das Licht für die Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht mehr in der Dunkelheit umherirren, sondern folgt dem Licht, das zum Leben führt." (Johannes 8,12) Das ist die Chance. Gut - wir können sagen: Brauchen wir nicht. Ich will gar nicht so gut sehen: die Sorgen meiner Mitmenschen, meine eigenen Fehler. Mir jedenfalls reicht das nicht. Ich brauche Licht. Und deshalb brauche ich Jesus.

Jesus ist das Licht der Welt. Ihm gegenüber verblassen alle "großen Lichter", denen wir Menschen sonst nachrennen. Wo Jesus ist, da wird es hell in unserem Leben. Da verschwindet alles Verschwommene und Undeutliche. Da gewinne ich Klarheit über mich, andere Menschen und über den Willen Gottes. Da bleibe ich nicht blind.
Wir können Jesus nicht unmittelbar sehen. Aber wir können seine Worte lesen und hören. Und seine Worte hinterlassen heute noch einen unauslöschlichen Eindruck von der einzigartigen Person, die hinter ihnen steht. In den Jesusworten ist Licht. Und indem er zu uns spricht, fällt Licht in unser Leben. Und dann kommt alles an den Tag, was bisher verborgen war und man auch gerne verborgen hat. Das Wort Gottes hält uns oft einen Spiegel vor, in dem wir uns - oft mit Schrecken - selbst erkennen können. Wenn wir wollen, wenn wir ehrlich dem standhalten, was wir da hören oder lesen.
Wer sich offen und ehrlich dem Licht Jesu aussetzt, der wird ganz sicher immer wieder seine Überraschungen erleben, und zwar nicht nur unangenehme sondern auch sehr schöne Überraschungen. Jesus deckt uns unser Fehlverhalten ja nicht mit der Absicht auf, um uns bloßzustellen, sondern um uns zu helfen und zu heilen.
Jesus deckt zwar unsere Sünde und unsere Schuld durch sein Wort auf, aber er deckt sie auch wieder zu. Er legt den Finger auf unsere wunden Stellen, aber er heilt sie auch. Er führt uns zur Sündenerkenntnis, aber er vergibt uns auch.

Wenn meine Schuld mir vergeben ist, dann wird es hell in meinem leben. Es ist einer der schönsten Momente im Leben von Christen, wenn sie das wissen und glauben dürfen: Meine Schuld ist mir vergeben. Und oftmals kann man es ihnen an ihren strahlenden und leuchtenden Gesichtern ablesen. Wo Vergebung geschieht, da hat das Licht die Dunkelheit vertrieben. Da hat man das Licht des Lebens.
Die Sonne hat ja auf den Menschen eine faszinierende Wirkung. Zumindest geht es mir so: Wenn es draußen dunkel und düster ist, dann ist auch meine Stimmung leichter im Keller. Aber wen die Sonne scheint, dann lebe ich auf. Ich nehme an, vielen unter euch wird es ähnlich gehen.

Genau ist es auch, wenn ein Mensch Jesus in seiner Liebe und Vergebung begegnet. Dann geht die Sonne für ihn auf. Dann wird hell in seinem Leben. Ich weiß es von mir selbst und von vielen anderen: Wo Jesus einem Menschen in seinem Wort begegnet, da lebt der Mensch auf. Es macht Freude, diesem Licht zu begegnen, so wie es Freude macht, sich in die warme Sonne zu setzen.
Mach dich auf die Suche nach diesem Licht, - bis du es hast! Mach dich doch auf den Weg zu Jesus, - bis du bei ihm bist! Es ist nicht viel, was du dazu tun mußt. Du brauchst nur ganz ehrlich deine Schuld Jesus sagen. Heute in der Beichte hast du Gelegenheit dazu. Mach's doch! Und dann darfst du dir beim Abendmahl die Vergebung abholen. Jesus schenkst sie dir doch. Brauchst sie nur zu nehmen. Mit der Hostie und dem Schluck Wein darfst du auch gewissermaßen die Vergebung hinunterschlucken. So einfach ist das. Das ist nicht schwer. Das kannst du auch.

Und dann laß dir das, was Jesus dir geschenkt hat, nicht mehr wegnehmen. Suche jeden Tag neu die Nähe Jesu in seinem Wort! Er liebt dich, und wartet jeden Tag auf dich, daß du dies tust, - damit er dich immer wieder beschenken kann. Enttäusche ihn doch nicht!
Nicht, was der Mensch ißt, sondern was er verdaut, macht ihn stark. Nicht, was wir verdienen, sondern was wir sparen, macht uns reich. Nicht, was wir lesen, sondern was wir im Kopf behalten, macht uns gescheit. Und so macht auch nicht das unser Christsein aus, was wir von Jesus, bekommen, sondern was wir behalten. Nur das Christsein hat einen Wert, das andauernd geübt wird. Wer laufen kann und trotzdem immer im Bett bleibt, der verlernt das Laufen wieder. Wer sehen kann, und immer wieder sich in der Dunkelheit bewegt, der verliert seine Sehkraft. Und wer sich nicht immer neu in der Nachfolge Jesu übt, verlernt, was Nachfolge ist. Aber wer sich immer wieder mit den Worten Jesu beschäftigt und sich ihnen aussetzt, auf den üben sie eine immer stärkere Wirkung aus.
Aus dieser Gemeinschaft mit Jesus kommt Klarheit und Segen für das tägliche Tun. Wir lernen dann eine ganze Menge: wir lernen abhängiger von Jesus zu werden und immer freier von der Meinung und dem Druck anderer Menschen, aber auch von unseren eigenen ungeordneten Wünschen und Ängsten.
Solche Menschen hat die Welt immer gebraucht und braucht sie auch jetzt noch. Es sind von Jesus geprägte Persönlichkeiten, die auch einmal den Mut haben, gegen den Strom zu schwimmen, die durch ihre Liebe auffallen, die auch Orientierung bringen in eine weithin orientierungslos gewordenen Welt. Die keine blinden Blindenleiter sind, sondern sehen, wo's lang geht.
Solche Christen fallen auf. Sie werden für ihr Verhalten manchen Widerspruch ernten aber doch auch dankbare Zustimmung.
So können ganz gewöhnliche Christen anderen Menschen ein Stück Geborgenheit geben und ihnen die Richtung weisen. Sie können das Leben heller und freundlicher gestalten.
Mal ehrlich: Ist das nicht ein Leben, das sich lohnt. - auch für dich? Willst du nicht so ein Leben führen? Daß dies auch wirklich geschieht, hängt alleine davon ab, daß du Jesus nicht aus den Augen verlierst und ihm nachfolgst.

Amen