Kreuz&Quer – Predigt vom 5. Mai 2002
“Hoffnung für alle” über 2. Mose 32,7-14


Liebe Gemeinde!

Ein Student tritt zur Prüfung an. Der Professor fragt ihn: "Kennen wir uns nicht? Wurden Sie nicht letztes Jahr von mir schon geprüft?" Der Student nickt verlegen. Wer gibt schon gerne zu, daß er eine Prüfung wiederholen muß! Der Professor will dem jungen Mann den Einstieg erleichtern und fragt: "Was war denn damals meine erste Frage?" Da wird der Student noch verlegener. Er rutscht auf dem Stuhl hin und her und gesteht schließlich mit leiser Stimme: "Herr Professor, Ihre erste Frage damals lautete: 'Kennen wir uns nicht schon vom letzten Jahr?'" Einer, der zum dritten mal eine Prüfung macht, ist der nicht ein hoffnungsloser Fall?

Hoffnungslose Fälle kennen wir sicher auch oder haben von ihnen gehört. Da reicht ein Mann in der Lebensmitte zum dritten mal bei seinem Anwalt die Scheidung ein. Angesichts dieser Situation entfährt dem Rechtsgelehrten die Bemerkung: "Sie sind wohl ein hoffnungsloser Fall!"

Da wird ein junger Mann zum wiederholten Male von dem Richter eines Vergehens überführt. Da bemerkt der Richter: "Sie sind wohl ein hoffnungsloser Fall!"

Wir haben vielleicht schon mehrfach jemanden zum Gottesdienst eingeladen. Doch der winkt immer wieder ab. Wir zucken mit den Achseln: Ein hoffnungsloser Fall!

Da ruiniert ein Alkoholiker durch sein Trinkverhalten seine Gesundheit und seine Familie. Doch er hört mit dem Trinken nicht auf. Ein hoffnungsloser Fall!

Ein hoffnungsloser Fall! So urteilte auch einmal Gott über sein Volk, über das Volk Israel. Wir hören die Fortsetzung der Geschichte vom Goldenen Kalb, 2. Mose 32, Vers 7 bis 14. (Textlesung)

Mose bekommt es von Gott zu hören: "Dieses Volk ist ein hoffnungsloser Fall. Da habe ich ihm gezeigt, welch ein wunderbarer, mächtiger Gott ich bin, und was machen die Israeliten? Bei der ersten Schwierigkeit versagen sie schon. Sie machen sich ein Goldenes Kalb und sagen: 'Das ist unser Gott.' Kaum haben sie mit mir einen Bund geschlossen, da haben sie eigensinnig ihr Versprechen gebrochen." Ein vernichtendes Urteil, und ein verständliches Urteil. Denken wir nur an die Geschichte vom Durchzug durchs Rote Meer. Gott hatte seinem Volk versprochen: Ich bin der Herr, dein Gott! Ich will für euch da sein! Deshalb nahm er den Israeliten das Versprechen ab: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir! Aber nur wenige Wochen später haben sie dieses Versprechen gebrochen. Mose war auf dem Berg Sinai verschwunden und läßt ziemlich lange Zeit auf sich warten. Da wird den Israeliten das Warten zu lang. Sie gießen sich aus Gold einen Gott mit einem Kalbskopf.

Das klingt nach einer Art BSE, einer Art Rinderwahnsinn. Aber wir sollten nicht vorschnell von oben herab urteilen. Wissen wir nicht alle, wie schwer das Warten sein kann? Nicht nur kleine Kinder tun sich damit hart, - etwa beim Warten auf Weihnachten -, auch Jugendliche und Erwachsene können oft so ungeduldig sein.

Ist es nicht ein Kennzeichen unserer Zeit, daß man alles möglichst schnell, ohne zu warten, sofort bekommen muß? Ich kenne jemand, bei dem stapeln sich zu hause die Computer. Immer wenn ein neuer, leistungsstärkerer auf den Markt kam, mußte er gekauft werden. Ähnlich kann es uns mit neuen Handys, Fahrrädern oder Autos ergehen. Moderne Hochglanzprospekte wecken Begehrlichkeiten, die sofort erfüllt werden müssen. Es hat einmal jemand diese Einstellung "Sofortismus" genannt. Man will nicht mehr verzichten, wenn es nicht möglich ist. Man spart nicht mehr auf etwas, das man möchte. Man wartet nicht mehr, bis man es sich leisten kann. Nein, sofort muß es sein.

Ich denke auch den Umgang mit dem Sex. Wieso warten, gar bis zur Ehe? So fragen Viele. Das macht doch eh keiner mehr. In den Kino- und Fernsehfilmen wird es uns vorgemacht: Man kennt sich gerade ein paar Stunden oder Tage und hüpft gemeinsam ins Bett. Mit Liebe hat das nichts zu tun, sondern mit Ungeduld, mit nicht warten können, mit Egoismus. Wahre Liebe wartet. Möchte mit dem anderen ein Leben lang zusammen sein, nicht nur ein paar süße Stunden. Möchte in der Geborgenheit der Ehe mit ihm zusammen sein und sich dort erst ihm ganz öffnen.


Nicht warten können, ein großes Problem unserer Zeit. Damit hängt auch zusammen, warum wir oft unsere Schwierigkeiten mit Gott haben. Wir können ihn nicht sehen. Diese Unsichtbarkeit kann uns oft schwer zu schaffen machen. Sicher, Gott begegnet uns in seinem Wort. Und sein Wort, das wissen sicher viele unter uns, kann uns tief bewegen.

Aber es bleibt die große Versuchung, sich von etwas Sichtbarem, jederzeit Verfügbarem, faszinieren zu lassen. Und viele erliegen dieser Versuchung.

Da stehen wir nun selber vor der Frage: Was ist unser Goldenes Kalb? Worauf gründen wir unser Leben? Ist es wirklich der unverfügbare Gott der Bibel oder ist es das scheinbar sichere Geld, der Wohlstand, Sex, die Sucht nach Vergnügen, Reisen, Sport? Oder ist es ein selbstgemachter Gott, ein Bild von einem Gott, wie wir uns ihn vorstellen?

Die Israeliten wollten den lebendigen Gott in das Bild eines Stieres einfangen. In der damaligen Zeit war so ein Stier das Sinnbild der Kraft und der Stärke. Sie wollten also einen starken Beschützergott, der gleichzeitig sehr bequem sein mußte, Er sollte nicht in Frage stellen. Deshalb konnten die Israeliten den Tanz um das Goldene Kalb veranstalten, d. h. ihren Trieben und Leidenschaften freien Lauf lassen und eine große Orgie feiern.

So kann man sich Gott heute noch vorstellen. Er muß mächtig und stark sein, uns helfen und schützen. - Wehe, wenn er's nicht tut!

Aber ansonsten soll er uns bitteschön in Ruhe lassen. Er darf uns nicht in die Quere kommen bei unserem Umgang mit Geld, Macht, unserem Jähzorn, unserer Bequemlichkeit, unserer Angst und unserem Haß. Einem solchem Gott gegenüber kann man sich fromm verhalten, zu ihm beten und in sein Haus gehen, aber man darf so bleiben, wie man ist.

Das ist Glaube ohne Gottesfurcht und fordert Gottes gerechten Zorn heraus. Gott hatte nach der Geschichte mit dem Goldenen Kalb vor, das Volk Israel zu vernichten und mit Mose einen Neuanfang zu machen. Das mag für uns schockierend klingen. Aber Gott ist eben kein trotteliger Opa, der alles durchgehen läßt, sondern ein gerechter Richter, der auch einmal ernst macht.


Einer hatte bei dem Tanz um das Goldene Kalb nicht mitgemacht. Er hatte dem unsichtbaren Gott die Treue gehalten. Das war Mose. Er drängte nun nicht auf eine gerechte Strafe. Solche Gedanken können einem ja kommen, wenn man oft hört und liest, was Menschen sich gegenseitig antun können. Vielleicht kennen wir auch solche Gedanken, daß die Kinderschänder, Massenmörder oder Gotteslästerer das gerechte Urteil Gottes ereilen möge.


Aber Mose denkt anders. Er betet für sein Volk. Er macht sich zum Anwalt und Fürsprecher seines irrenden Volkes. Er bittet nicht um mildernde Umstände. Er sagt nicht: "So schlimm war's doch nicht, was die Israeliten getan haben. Sie haben's ja gar nicht so gemeint." Nein. Er wendet sich an den treuen und gnädigen Gott. "Deine unverdiente Liebe kann doch jetzt nicht ein Ende haben!" so betet er.


Und das Erstaunliche geschieht. Gott läßt sich umstimmen. Er geht auf die Fürbitte des Mose ein. Gott läßt mit sich reden. Er greift nicht unerbittlich durch. Er gleicht vielmehr einem Vater, der seine schon ausgesprochene Strafe wieder zurücknimmt.


War einer 1000 Jahre später nicht auch so eingestellt? Ich spreche von Jesus. War er nicht auch so ein Mensch, der für die "hoffnungslosen Fälle" vor Gott im Gebet eintrat? Für die unheilbar Kranken, die in Schuld verstrickten Menschen, ja sogar für seine Mörder? Am Kreuz sprach er dieses unfaßbare Gebet: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." Jesus gab keinen Menschen auf, sogar nicht seine Mörder. Es gab für ihn keinen "hoffnungslosen Fall". Und auch heute noch betet er bei Gott gerade für sie.

Mose konnte nur bitten, daß Gott die Strafe von seinem Volk abwendet. Jesus konnte mehr tun. Er nahm die verdiente Strafe auf sich und trug sie selbst.

Am Kreuz hat Jesus die Schuld aus der Welt geschafft. Vorher hat Gott die Sünden vergangener Zeiten in göttlicher Geduld ertragen, aber am Kreuz hat er sie aus der Welt geschafft.

Am Kreuz gibt es für jeden hoffnungslosen Fall neue Hoffnung. Am Kreuz gibt es auch Hoffnung für einen Mörder, so wie Mose oder Paulus einer war. Am Kreuz kann ich ehrlich zu meiner Schuld stehen, denn da gibt es Hoffnung für jeden ehrlichen Sünder.

Am Kreuz kann auch deine Verbindung nach oben wieder in Ordnung kommen. Am Kreuz will Gott mit dir ganz neu in Beziehung treten. Bete nur: "Vergib mir meine Schuld!" Er vergibt gern. Er wartet nur auf so ein Gebet. Es macht ihm geradezu Freude, mit dir einen Neuanfang zu machen. Vielleicht ist viel verkehrt bei dir und du spürst das immer wieder, stößt überdeutlich an deine Grenzen. Er vergibt dir trotzdem. Er kann verkorkste Situationen verändern.

Ich denke an einen verkorksten Sonntagabend. Es war vor einem meiner Jugendgottesdienste in meiner alten Gemeinde. Einer nach dem anderen sagte vom Chor ab. Ein kleines Häuflein nur kam zur Probe. Und die Lieder klappten auch nicht. Unser Kinder spielten vor dem Zubettgehen verrückt und ich spielte auch verrückt. "Nie mehr Jugendgottesdienst!" dachte ich. Wie ein geprügelter Hund schlich ich in die Kirche und betete: Jetzt kannst nur noch du helfen! Und er griff tatsächlich ein. Es kamen viele Besucher. Es klappte alles im Gottesdienst. Gott schenkte besonderen Segen. Wenn wir am Ende sind, ist Gott noch lange nicht mit seinen Möglichkeiten fertig. Dann kann er gerade besonders eingreifen.

Er kann auch einen verkorksten Charakter zurechtbiegen. Wirklich jeden. Ich möchte euch von zwei Männern erzählen. Der eine hatte Eheprobleme, finanzielle Schwierigkeiten und Depressionen. Er wurde zum Mörder und in den USA zum Tode verurteilt.

Der andere war ein Pfarrer, ein liebevoller Vater, ein guter Ehemann, er betete viel und nutzte seine Freizeit, um denen zu helfen, die von allen anderen scheinbar vergessen waren.

Und jetzt kommt das Unglaubliche. Es handelt sich um die gleiche Person, den gleichen Mann. William Moore saß wegen Mordes im Gefängnis. Da besuchten ihn zwei Mitarbeiter einer Kirchengemeinde. Sie erzählten ihm von der Hoffnung, die Jesus auch einem verkorksten Typen wie ihm geben kann. Moore erklärte später: "Mir hatte noch niemand erzählt, daß Jesus mich liebt und für mich gestorben ist. Es war eine Liebe, die ich spüren konnte. Es war eine Liebe, die ich haben wollte. Es war eine Liebe, die ich brauchte." Am gleichen Tag sagte Moore ja zu dem Geschenk der Vergebung und des ewigen Lebens. Und danach war er nicht mehr derselbe.

16 Jahre verbrachte er in der Todeszelle. Jeder, der mit ihm zusammenkam, merkte, daß dies nicht mehr der Mann war, der wegen 5600 Dollar einen Menschen ermordet hatte. Wenige Stunden vor seiner Hinrichtung wurde er begnadigt und später freigelassen. Hoffnung für alle, sogar für einen Mörder, sogar für dich und mich.

Martin Luther schrieb einmal: "Niemand lasse den Glauben daran fahren, daß Gott durch ihn eine große Tat tun will...Du mußt nur fest glauben, daß er auch mit dir große Dinge tun will." Das bedeutet Hoffnung für alle, gerade für die "hoffnungslosen Fälle". Auf einmal kann dann doch Unmögliches geschehen: Du wirst von Süchten frei, von Krankheiten geheilt, in verfahrenen Situationen werden auf einmal Auswege sichtbar, neuer Mut zum Glauben erfüllt einen, in Gemeinden entstehen doch noch geistliche Aufbrüche.

Das bedeutet Hoffnung für uns - und auch für andere. Wenn es Hoffnung für uns gibt, gibt es sie doch auch für andere. Auch sie, gerade die "hoffnungslosen Fälle" brauchen unser Gebet. Es ist nicht umsonst, sondern kann sehr viel bewirken. Viele Menschen verdanken ihr Christsein auch dem Gebet ihrer Eltern, das sie vielleicht jahrelang gesprochen haben, oder dem unbeirrbaren Einladen zu einer christlichen Veranstaltung.

Sogar die Terroristen, Mörder, Gewalttäter und Diktatoren unserer Zeit brauchen unser Gebet. Festo Kivengere, ehemaliger Bischof von Uganda, war so ein Beter. In seinem Land herrschte der Diktator Idi Amin, an dessen Händen auch das Blut von Christen klebte. Trotzdem schrieb er ein Buch mit dem Titel "Ich liebe Idi Amin". In diesem Buch stehen die Sätze: Auch Amin "...ist einer derer, für die Jesus sein kostbares Blut vergossen hat. Solange er lebt, kann er immer noch gerettet werden. Betet für ihn, daß er am Ende ein neues Leben finden und den Weg des Todes verlassen möge!"

So eine unermüdliche Hoffnung, die niemanden aufgibt, wünsche ich mir auch. Eine Hoffnung, die auch immer wieder zum Gebet wird. So ein Gebet wird Gott auch immer wieder erhören. Er kann sogar seine Pläne verändern, wie wir es in unserem Predigttext gehört haben. Jesus verspricht uns in allen Dingen, auch in den unmöglichen: "Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da suchet, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan." Tun wir's auch!

Amen