Kreuz&Quer am 21.11.01 - Buß- und Bettag

Pfarrer Dieter Opitz über 1. Mose 4,1-16

Liebe Gemeinde!

Eine jüdische Frau erzählt: "Mein ganzes Leben lang kannte ich nur Angst. Schon als Kind, als meine Eltern von SS-Leuten abgeholt wurden. Angst erlebte ich, als ich mit gefälschten Papieren leben mußte und niemals sicher war, daß man meine wahre Identität entdeckt, was dann schließlich doch geschah. Im Konzentrationslager lebte ich in Angst unter Menschen, die um mich herum starben. Dann kam ich endlich zu meinem Volk in dieses Land und erlebte die Angst in den Kriegen und militärischen Einsätzen meiner Söhne. Nun stehen meine Enkel mit Maschinenpistolen und Schlagstöcken in den besetzten Gebieten. Und wieder sind meine Tage und Nächte mit Angst erfüllt. Wann werden wir endlich aus solcher Not befreit sein?" Aus diesen Worten spricht eine große Sehnsucht nach Frieden. Diese Sehnsucht ist so alt wie die Menschheit selbst. Denn Gewalt und Unfrieden kamen schon zu Beginn der Menschheitsgeschichte in sie hinein. Wie, das haben wir eben in der Geschichte von Kain und Abel gehört. Es ist eigentlich unfaßbar: Der erste Mensch, der einen Bruder hat, schlägt ihn tot.

In der Geschichte von Kain und Abel finden wir die Quelle des ungeheuren Blutstroms, der die Erde seitdem überschwemmte, eines Stromes von Mord, Totschlag und Krieg. Die Mittel einander umzubringen, mögen heute vollkommener und teuflischer sein. Aber jeder Krieg, jeder Mord, jede Maschinerie des Todes wie in den Konzentrationslagern fängt in den menschlichen herzen an. Die Atombombe oder biologische Bomben wie Anthrax wurden in einem menschlichen Hirn geboren, in dem Hirn eines Kain.

"Wie fängt denn Krieg an?" Die Antwort auf diese Frage ist uns vorhin in dem Anspiel drastisch vor Augen geführt worden. Lange bevor Waffen ergriffen werden, tobt in den menschlichen Herzen ein ebenso furchtbarer Krieg gegen Mitmenschen und gegen Gott. Wir sollten alle politischen Bemühungen um den Weltfrieden respektieren, sie fördern und für sie beten. Aber wir sollten uns bewußt sein: Die Ursachen für den Unfrieden dieser Welt sind nicht in den Waffenlagern der Völker. Wir finden sie im Inneren des Menschen, in seinem Herzen. Ja, wir müssen es noch viel radikaler und schockierender ausdrücken: Der Unfriede dieser Welt fängt bei uns an. Die Geschichte Kains ist auch unsere Geschichte. Es mag schwer fallen, dazu ja zu sagen. Aber nur wer ehrlich sich selbst erkennt, dem kann auch geholfen werden.

Sicher, wir sind keine Mörder wie Kain, sondern eher anständige, unbescholtene Bürger. Aber zum Wörterbuch eines Mörders gehören nicht nur solche Worte wie liquidieren, vergasen, killen, vernichten, niedermetzeln, sondern auch folgende Wörter wie verachten, links liegen lassen, bedrohen, beneiden, auslachen, fertigmachen, nicht ernst nehmen, totreden. Diese feinen Formen des Tötens kennen und praktizieren wir alle. Sie gehören zum Menschsein dazu. Sie sind der Ausdruck unserer Kainsgesinnung.

Kains Mord hat sich aus kleinen, scheinbar harmlosen Anfängen entwickelt. Er war einfach auf seinen Bruder neidisch. Doch dieser Neid vergiftet seine Gedanken. Er antwortet gar nicht mehr auf die Warnungen Gottes. Seine Ohren sind taub für sie, sondern er handelt. Aus kaltem Krieg wird offener Kampf. Kain geht mit seinem Bruder aufs offene Feld, wo er ungestört mit ihm zusammen ist. Dort verwandelt sich seine Eifersucht und sein Zorn in tödlichen Haß. An Gott denkt er nicht. Er denkt nur: Der andere muß weg. Der Haß macht die Welt zu eng für zwei Menschen. Und er schlägt seinen Bruder Abel tot. Keiner scheint es bemerkt zu haben. Vielleicht hat er auch Abel auf dem Feld verscharrt, um keine Spuren zu hinterlassen.

Doch Gott bleibt ihm auf der Spur. Er stellt sich demBrudermörder in den Weg und fragt ihn: "Wo ist dein Bruder Abel?" Gott weiß natürlich genau, was geschehen ist, er will Kain veranlassen, seine Schuld zu bekennen. Müßte man nicht erwarten, daß er nun zusammenbricht, sein Verbrechen zugibt? Denn diese Frage: "Wo ist dein Bruder?" geht unter die Haut. So fragt Gott auch uns: Wo ist dein Nächster, nicht dein Fernster, sondern der, mit dem du zusammenlebst, mit dem du zu tun hast: dein Bruder, deine Schwester, deine Eltern, dein Ehepartner, deine Freunde, Schulkameraden, Nachbarn und Berufskollegen? Bist du ihnen etwas schuldig geblieben wie ein helfendes Wort, einen aufmunternden Blick oder eine tatkräftige Hilfe? Auf eine solche Frage muß man sich eigentlich schuldig geben und sagen: O ja, ich habe so manches, ja Vieles falsch gemacht! Aber man auch anders wie Kain. Er lügt Gott ins Gesicht. Kaltschnäuzig gibt er ihm die Antwort: "Ist es etwa meine Aufgabe, ständig auf ihn aufzupassen?"

Seine Antwort erinnert an das Nachtgebet eines kleine Jungen. Statt zu sagen. "Hab ich Unrecht heut getan, sieh es lieber Gott nicht an", betete er: "hab ich Unrecht heut getan, geht's dich lieber Gott nichts an." So denken nicht nur Kinder. Viele Menschen, auch viele Christen, scheinen zu meinen, ihre Sünden und Verfehlungen gingen niemand etwas an, am allerwenigsten den lieben Gott. Deshalb decken sie sie sorgfältig zu, damit niemand etwas davon erfahre. Sie scheinen zu glauben, damit wären sie erledigt und nicht mehr da. Aber sie irren sich. Auch unter der Oberfläche lebt Schuld weiter. Sie macht sich immer wieder bemerkbar, belastet einen und bedrückt sein Leben.

So erging es auch Otto B. Vor kurzem ist er nach 27 Jahren eines Mordes an einem 16jährigen Mädchen überführt worden - mit Hilfe der Gentechnik. Er wollte nach seiner Tat ein normales Leben weiterführen, aber es gelang ihm nicht. Vorher war er immer der lauteste und lustigste seiner Geschwister gewesen. Aber nun saß er bei Feiern in einer Ecke und grübelte. Otto B.'s erste Ehe scheitert schnell. Er beginnt zu trinken. Ein oder zweimal deutet er an, daß ihm vor langer Zeit etwas Furchtbares passiert ist. Aber was, will er nicht verraten.

Auch dieser moderne Kain wird von seiner Tat eingeholt: Die Last der Schuld bedrückt sein Leben. Ob er wohl auch weiß, daß es für ihn nicht nur eine späte Sühne sondern auch Vergebung und einen Neuanfang gibt?

Sogar einem Kain war Gott gnädig. Unsere Geschichte endet ja ganz überraschend. Gott macht an Kain ein Zeichen, das ihn vor einem Totschlag beschützen soll. Das erste Zeichen der Liebe Gottes, von dem die Bibel uns erzählt. Und das größte Zeichen seiner Liebe hat uns Gott viele tausende von Jahren später gegeben. Es ist das Zeichen des Kreuzes, an dem Jesus hing und für unsere Schuld starb.

Durch den gekreuzigten Jesus Christus kommt auch wieder Frieden in unsere Welt hinein. Neue Erziehungsprogramme, eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung, Abrüstungs- oder Friedensverhandlungen, Dialog zwischen den Religionen werden eine friedlichere Welt nicht schaffen. Friede muß bei uns beginnen und zwar bei unserem persönlichen Verhältnis zu Gott Wenn das in Ordnung ist, kann von uns auch Frieden ausgehen.

Frieden mit Gott heißt: Es ist alles ausgeräumt, was das Verhältnis mit ihm belastet hat, alle Schuld, alle Versäumnisse, alle unguten Gedanken und bösen Worte. Und genau das geschah am Kreuz. Dort hat Jesus alles ausgeräumt, was zwischen uns und Gott steht. Er hat alles durch-kreuzt. In Jesaia 53 lesen wir: "Wegen unserer Sünden wurde er durchbohrt. Er wurde für uns bestraft - und wir? Wir haben nun Frieden mit Gott!"

Es ist nicht das Entscheidende, ob wir unser Verstand das begreifen kann, was am Kreuz geschah, und wie es möglich ist, daß dort Frieden zwischen Mensch und Gott geschaffen worden ist. Das Entscheidende ist, ob wir es selber erfahren. Ganz persönlich. So wie jener Kapitän, der auf hoher See schwer krank wurde. Er spürte, daß er den Hafen nicht mehr lebendig erreichen würde. Aber er wollte in den Hafen bei Gott ankommen, er wollte Frieden mit ihm. Keiner der Besatzung konnte ihm helfen, - bis auf den Schiffsjungen Karl Müller. Der las dem Sterbenden aus Jesaia 53 vor. Beim 5. Vers stockte er und fragte den Kapitän: "Herr Kapitän, darf ich den Vers so lesen, wie ihn meine Mutter mich lesen lehrte?" - "Ja, lies!" Da las der Junge: "Wegen Karl Müllers Sünden wurde er durchbohrt. Er wurde für Karl Müller bestraft. Und Karl Müller hat nun Frieden mit Gott" "Halt!" rief der Kapitän und richtete sich mühsam auf. "Das ist genau das, was ich brauche. Lies den Vers noch einmal und setze meinen Namen ein!" So las der Schiffsjunge: "Wegen Peter Jensens Sünden wurde er durchbohrt. Er wurde für Peter Jensen bestraft. Und Peter Jensen hat nun Frieden mit Gott" Der Kapitän glaubte diesen Sätzen aus der Bibel und fand zum Frieden mit Gott.

Genau so kann es doch jeder von uns auch machen. Setze deinen Namen ein und glaube, daß du Frieden mit Gott hast! Durch das Wort der Vergebung, das wir in der Bibel lesen oder das uns Menschen im Auftrag Gottes zusprechen, beginnt wirklich eine neue Welt des Friedens. Wir erfahren Vergebung, werden froh und frei, und können glauben, daß uns nichts mehr von der Liebe Gottes. trennen kann. Gleichzeitig werden wir auch Botschafter, die diesen Frieden in ihre Familie, in ihre Arbeitswelt, in alle Lebensbereiche hineinbringen.

Ich denke in diesen Zusammenhang an einen Mann, der eine schöne Wohnung hatte, aber auch einen schwierigen Hausbesitzer, der sehr aufs Geld aus war. Und das schreibt ihm der Hausbesitzer einen unverschämten Brief. Das haben Sie zu machen! Und das haben Sie zu tun! Und das haben Sie noch zu bezahlen!" Als er den Brief las, kochte er vor Wut. Der Mann ging an den Schreibtisch, um ihm wiederzuschreiben. Doch auf einmal denkt es daran, daß Jesus wie für ihn gestorben ist - und auch für den Hausbesitzer. Da konnte er nicht mehr weiterschreiben. Er ging zu dem Hausbesitzer hin und sagte: "Hören Sie, wollen wir wirklich so miteinander reden?" Wir sind doch vernünftige Leute! Wollen wir nicht mal vernünftig miteinander sprechen? Ich habe wirklich nichts gegen Sie! Es ist nicht nötig, daß Sie so mit mir reden!" Es fand ein gutes Gespräch statt und man konnte sich über alle strittigen Punkte einigen.

Es wird sicher nicht immer so gehen. Es wird vorkommen, daß ein Friedensangebot mit einer Kriegserklärung beantwortet wird, Liebe mit Haß und Vergebung mit Gemeinheit. Aber verdient hat es jeder Mensch, daß wir ihm den Frieden, den Gott uns gegeben hat, weitergeben. Jeder Mensch hat das Angebot des Friedens verdient. Und nur so wird auch Frieden entstehen und wachsen, auch in unserer Umgebung.

Dieser Frieden, den Christus gibt, der ist jetzt oft noch unscheinbar und scheint nicht von Bedeutung zu sein. Man kann sich fragen: Was nützt dieser Friede den Menschen in Afghanistan oder anderswo, wo Krieg herrscht? Als Antwort möchte ich geben: Auch dort wird einmal Frieden sein. Die Zukunft unserer Welt gehört nicht der Gewalt, dem Terror und dem Krieg. Sie gehört Christus. Diese friedlose Welt hat eine Zukunft des Friedens. Sie wird Gegenwart, wenn Christus auf diese Erde wiederkommt, so wie wir es ja jeden Sonntag im Glaubensbekenntnis sprechen. Er wird wiederkommen und dann wird alle Gewalt, aller Krieg und alle Friedlosigkeit ein Ende haben.

Deshalb wollen wir uns jetzt schon darin einüben, wie es in der neuen Welt Gottes zugehen wird, wollen uns jetzt schon, wo es geht, einsetzen für Frieden und Gerechtigkeit. Und vor allen Dingen wollen wir darum bitten, wie es in dem bekannten Spiritual heißt: "O, dann laß mich auch dabei sein, wenn die Welt wird wieder neu."

Wir müssen uns immer wieder neu entscheiden, wem wir uns öffnen: Dem Haß, der Unversöhnlichkeit, der Bitterkeit, dem Unfrieden, so wie Kain es tat, Mächten, die irgendwann einmal ausgespielt haben. Oder ob wir uns dem öffnen, von dem es in der Bibel heißt: Er ist der Friede, Jesus Christus.

Die Zukunft des Friedens kann auch bei uns heute erstmals oder neu beginnen. Wir dürfen zum Abendmahl gehen. Dort können wir Vergebung erfahren und Frieden mit Gott bekommen. Beim Abendmahl begegnet uns der Geber dieser Gaben, Jesus Christus. Jeder darf dort dieses Geschenk des Friedens abholen und mit nach hause nehmen. Laß dich auch beschenken. Glaube es für dich ganz persönlich, daß beim Abendmahl Frieden auf dich wartet!



Amen