Bayreuth, den 1.7.01; Markus 10,17-22 und Lukas 19,1-10

Dieser junge Mann und Zachäus hatten mehreres gemeinsam. Beide waren zum Beispiel sehr reich. Aber ihr Reichtum war von verschiedener Art.
Zachäus gehörte zu der Sorte von Reichen, die einem nicht sehr sympathisch ist. Nicht sehr großgewachsen hatte er sich trotzdem, vielleicht gerade deshalb hochgearbeitet. Vielleicht wollte er es ja allen beweisen, daß er es bis nach oben bringen konnte, auch wenn er auf niemanden herabsehen konnte. Und er brachte es zu etwas, zum obersten Zollbeamten, ein ebenso einträglicher wie anrüchiger Beruf, so wie heute der "Beruf" des Zuhälters oder Drogenhändlers. Zollbeamte galten damals als Vaterlandsverräter, die mit den verhaßten Besatzern, den Römern, zusammenarbeiteten. Und sie galten als Betrüger, die all zu sehr in die eigene Tasche wirtschafteten.
Bei dem jungen Mann sah das alles ganz anders aus. Gediegener Geldadel, vornehm bis in die Knochen. Seinen Reichtum hatte er nicht mit Betrügereien erwirtschaftet. Er war fromm, ein anständiger junger Mann, der mit Betrügereien und anrüchigen Geldgeschäften nichts am Hute hatte. Vermutlich hatte er seinen Reichtum seinen Eltern zu verdanken. Denn er war ja sehr jung, wohl zu jung, um sich so ein Vermögen mit eigener Hände Arbeit verdient haben zu können.
Beide waren also reich. Und beide merkten, daß sie ihr Reichtum nicht ausfüllte. Das Entscheidende hat ihnen gefehlt. Sie hatten zwar eine Menge vom Leben. Aber sie hatten nicht das ganze Leben. Das ahnen beide. Deshalb fragt der reiche junge Mann Jesus: "Was muß ich alles tun, um ganz sicher das ewige Leben zu bekommen?" Deshalb wollte Zachäus Jesus unbedingt sehen. Beide wollen ganz leben, wirklich leben, ewig leben. Und das wollen wir doch auch: ein Leben, frei von Angst und Verzweiflung, in dem nicht bloß Geld, Karriere, Sex und Familie vorkommt, ein Leben mit dauerhaften Zielen, ein sinnvolles und erfülltes Leben, bei dem der Tod nicht das letzte Wort hat. Wer möchte das nicht? Doch was braucht man dazu?
Beide wenden sich mit ihrer Lebensfrage an die richtige Adresse: an Jesus. Der reiche junge Mann fragt ihn direkt und selbstbewußt. Zachäus versteckt sich zwar auf einen Baum, aber insgeheim sehnt er sich danach, daß Jesus ihn anspricht. Auf dem Baum, auf dem er saß, gab er sicher eine lächerliche Figur ab. Er machte sich zum Gespött der Leute: Der mächtige und reiche Chefzolleinnehmer Zachäus klettert wie ein kleiner Junge auf einen Baum! Er nahm keine Rücksicht auf seine feinen Kleider. Er mußte auf den Baum hinauf! Und so baumelten seine viel zu kurzen Beine von einem Ast herunter, um neugierig nach unten schauen zu können.
Dem Zachäus muß schon eine große Not unter den Nägeln gebrannt haben. Ob er es in dem Moment, als er auf den Baum kletterte, schon wußte, steht hier nicht da. Aber aus dem weiteren Verlauf der Geschichte wird klar, was ihm fehlte: Er hatte eine Sehnsucht nach Geborgenheit und einen Hunger nach Lebenssinn, die ungestillt waren. Er kannte eine Einsamkeit, die keine Liebe eines Menschen ausfüllen konnte. Er trug eine Last, die er nicht abschütteln konnte.
Einsam, unglücklich, leer und hungrig, so war Zachäus, - so ist der Mensch, wenn er mit Gott nicht im Reinen ist. Wenn wir mit Gott im Reinen sind, wenn wir Vergebung unserer Sünden haben, dann haben wir ja das Wichtigste für unser Leben: Eine wunderbare Zukunft durch die Gewißheit, daß Gott uns ein ewiges Leben geben wird, eine wunderbare Freude, weil die Liebe Gottes in uns wohnt, eine wunderbare Freiheit, weil Gottes Geist unser Leben heil gemacht hat. Ist das nicht herrlich? Wollen wir nicht alle mit Gott im Reinen sein? Willst nicht auch du es? Willst nicht auch du Vergebung aller, wirklich aller deiner Sünden?
Auch der reiche junge Mann suchte wie Zachäus Geborgenheit, Lebenssinn über den Augenblick hinaus und unvergängliche Liebe. Und auch er suchte all dies bei der richtigen Adresse, bei Jesus. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Er brauchte keine Vergebung. Er war ja ein prächtiger junger Mann, der Traum aller Schwiegermütter: anständig, höflich, mit guten Manieren, dazu noch eine gute Partie. Er hatte moralische Prinzipien. Die 10 Gebote bedeuteten ihm etwas und er lebte nach ihnen. Lügen war ihm fremd, ein "Playboy" kam ihm nicht in seine Hände, seine Steuererklärung füllte er korrekt aus. Den Eltern gegenüber war er liebevoll und gehorsam. Sein Platz in der Kirche blieb in den Gottesdiensten nicht leer. Jede Jugendarbeit hätte ihn gern als leitenden Mitarbeiter gehabt. Er war keiner von denen, denen Gott nichts bedeutete.
Was sollte da noch fehlen? Eben genau das: daß ihm nichts fehlte! Jesus will ihm helfen. Voller Liebe wies er ihn auf seinen wunden Punkt hin. Das war sein Verhältnis zu seinem Reichtum. Sein Besitz war sein Abgott. Jesus rät ihm alles zu verkaufen, was er hat und ihm nachzufolgen.
Doch wer hätte das gedacht: Als Jesus seinen Besitz antastet, da bröckelt die fromme Schminke ab, und das wahre Gesicht kommt zum Vorschein. - Was entpuppt sich bei dir, wenn Jesus dein Geld antastet, oder deine gute Meinung über dich, wenn er dich zu einer Aussprache bewegen will oder zu einem ersten Schritt zur Vergebung, wenn er dir eine heimliche Lieblingssünde zeigt oder dir Menschen zur unpassenden Zeit schickt?
Mach's doch nicht so wie der reiche junge Mann. Sondern laß dir alle fromme Schminke abwischen. Jesus hat dich ja schon längst durchschaut. Er weiß, wie du bist, wirklich bist. Du mußt dich nicht blamiert und überführt vorkommen. Denn Jesus liebt dich trotzdem, auch ohne fromme Schminke. So wie den reichen jungen Mann behandelt er dich ganz liebevoll. Er akzeptiert dich so, wie du bist und nicht, weil du etwas Besonderes bist. Jesus liebt es, wenn du ehrlich zu ihm wirst. Gib dich vor ihm so wie du bist. Dann erhältst du nicht nur ein neues Gesicht, sondern auch ein neues Herz.
Ganz liebevoll sah also Jesus den reichen jungen Mann und auch Zachäus an. Wie mag dieser Blick ausgesehen haben? Und beiden war klar, was dieser Blick für sie bedeutete. Dieser Blick hieß, was er heute in dieser Stunde für uns auch noch bedeutet: "Komm zu mir! Bei mir hast du es gut, viel besser als bei deinem Reichtum. Du bist nicht rettungslos von Gott getrennt. Ich kann dein Verhältnis zu ihm wieder in Ordnung bringen. Wenn du mir vertraust und mich in dein Leben hineinläßt, dann vergebe ich dir alle, wirklich alle Schuld und schenke dir Frieden mit Gott und ein neues Leben. Willst du?"
Dieser Blick Jesu und die mit ihm verbundene Botschaft bleibt nicht ohne Wirkung, nie. Er bewirkt immer etwas. Keiner verläßt eine Begegnung mit Jesus so, wie er in sie hineingegangen ist. Es ist eine aufregende und gefährliche Sache, sich auf diesen Blick Jesu einzulassen. Entweder bringt er dich ihm näher und macht dich unwahrscheinlich glücklich. Oder aber er treibt dich noch weiter von ihm weg, und du wirst noch unglücklicher, wie du schon warst.
Beide Möglichkeiten erkennen wir in unseren beiden biblischen Gestalten wieder. Ausdrücklich betont der Evangelist Markus, wie Jesus den reichen jungen Mann voller Liebe anschaute. Aber er sieht nicht diese Liebe. Er sieht nur den Haken, den die ganze Geschichte mit der Nachfolge Jesu hat. Er sieht nur den Reichtum, den er hergeben soll. Sein ganzes Geld! Seinen ganzen Luxus und Komfort! Die schönen Kleider und die festlichen Mahlzeiten! Ohne das soll er leben? Nein!
Jesus sucht alle, aber man muß sich auch von ihm finden lassen. Er will alle retten, aber er kann nur die retten, die sich von ihm retten lassen wollen. Und wer gerettet werden will, gibt zu, daß er verloren ist.
Genau das ist der springende Punkt, warum viele Menschen doch nicht ein Leben mit Jesus führen wollen. Sie hören schon gerne von der Liebe Jesu. Aber sie wollen nichts davon wissen, daß sie Sünder sind, die zu Gott umkehren müssen, die ihr Leben verändern müssen. Sie meinen: Dabei würden sie zerbrechen, das würde sie unglücklich machen. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Wer dem Anspruch Jesu wie der reiche junge Mann ausweicht, fühlt sich nachher noch unbefriedigter wie vorher. Vielleicht schiebt er sogar noch die Schuld für sein Unglücklichsein auf die Botschaft des Evangeliums. Dabei ist es seine Reaktion auf das Evangelium, die ihn unglücklich gemacht hat!
Zachäus dagegen sieht nicht auf den Reichtum, den er verliert, nicht auf seinen Besitz und das viele Geld, sondern er sieht allein Jesus und seine wunderbare Liebe. Sie hat sein Leben verändert. Er denkt plötzlich an die Benachteiligten in der Gesellschaft. Er hat plötzlich ein Gefühl für Recht und Unrecht. Er hat plötzlich ein Gewissen. E r ist plötzlich großzügig.
Ich hörte von dem Amerikaner Rockefeller. Mit 33 war er Millionär, mit 53 der erste Milliardär auf der Erde. Diesen Erfolg hat er mit seiner Gesundheit bezahlt. Wimpern, Augenbrauen und Kopfhaare fielen ihm aus, daß er aussah wie eine Mumie. Pro Woche verdiente er eine Million Dollar, aber seine Verdauung war so schlecht, daß er nur Zwieback mit Milch vertrug.
Und noch etwas fehlte ihm: Liebe zu anderen Menschen. Durch seine Rücksichtslosigkeit war er so verhaßt, daß er ständig Leibwächter um sich haben mußte. Er konnte sich über nichts mehr freuen. Er konnte nicht mehr schlafen. Schließlich ging es ihm so schlecht, daß die Zeitungsschreiber seinen Nachruf schon verfaßt hatten.
Wie bei Zachäus gab es dann auch in seinem Leben eine besondere Begegnung mit Jesus. Plötzlich begann er, mit seinem Geld zu helfen. Er gründete die Rockefeller - Stiftung. Seiner Unterstützung ist z. B. die Entdeckung des Penizillins zu verdanken. Seine Dollars halfen der Forschung und helfen noch heute. Der 53jährige Todkranke wurde plötzlich wieder gesund und fast 100 Jahre alt.
Sicher können das alles auch Nichtchristen und Atheisten: Geld für eine gute Sache zur Verfügung stellen. Geldspenden kann man auch ohne an Jesus zu glauben tun.
Jesus spricht den Grund aus, warum Zachäus Gutes tut. Er ist ein Kind Gottes geworden. Er war verloren und ist von Jesus gerettet worden. Zachäus hat eine neue Lebensmitte. Sein Leben dreht sich nicht mehr um ihn sondern um Jesus.
So traurig der reiche junge Mann nach der Begegnung mit Jesus war, so froh ist jetzt Zachäus. Er ist glücklich, gibt ein Festessen. In dem Haus des Chefzolleinnehmers ging es hoch her. Er läßt sich auch nicht die Stimmung von Miesmachern verderben, die das Maulen anfangen: "Was? Zu diesem Obergauner geht Jesus? Zu dem übelsten Schlitzohr von ganz Jericho?" Das stört ihn nicht. Er hat begriffen und persönlich ergriffen, wozu Jesus in diese Welt gekommen ist. Nicht um die Frommen noch ein bißchen frömmer und die Anständigen noch ein bißchen anständiger zu machen. Sondern um Verlorene zu retten, um Sünder zu Kindern Gottes zu machen. Weil er dies wußte und Jesus vertraute, wurde er so froh.
Die größten Sünder liebt Jesus am meisten. Und wenn du unter deiner Sünde leidest, wenn du denkst: "So, wie ich lebe, bin ich unmöglich. Das, was ich getan habe, ist unverzeihlich!" Gerade dann hat Jesus dich besonders lieb. Gerade die unmöglichen Typen kann er total umkrempeln. Und die unverzeihlichen Sünden vergibt er ganz und gar, als ob sie nie geschehen wären. Ja, je tiefer du unten bist, desto höher kann er dich aus dem ganzen Sumpf herausziehen.
Diese wunderbare Botschaft glaube für dich ganz persönlich! Sie wird dich auch so glücklich machen wie Zachäus und dein Leben verändern. Jesus möchte zu dir. Laß ihn doch rein in dein Leben, zum ersten mal oder wieder neu. Und dann wirst du merken: Es ist ja gar nicht so schwer, das zu tun, was Jesus von mir will. Je mehr du Jesus in dein Leben hineinläßt, desto mehr wirst du auch hinauswerfen, was nicht richtig ist, wie geklaute Sachen, bestimmte Fernsehsendungen, Neid, Haß oder Streit. Das alles hat in deinem Leben auf einmal keinen Platz mehr. Früher konntest du dir nicht vorstellen, wie du ohne das alles leben kannst. Dann aber, in einem Leben mit Jesus, kannst du dir nicht vorstellen, wie du so ein Leben so lange ausgehalten hast.
Mach's wie Zachäus und nicht wie der reiche junge Mann: Sprich zu Jesus: "Ja, Herr. Ich will mit dir leben. Mach du aus mir, was dir gefällt!"

Amen

(c) Dieter Opitz, Bayreuth