Bayreuth, den 27.5.01 Galater 5,16-22

Liebe Gemeinde!

Wer ist der Heilige Geist? Das Stück, das wir eben gesehen haben, kann uns ein wenig weiter helfen. Der Mensch wird immer beeinflußt, hin und her gezerrt von verschiedenen Geistern. Sie können aus seinem eigenen Inneren kommen, bestimmte Wünsche oder Sehnsüchte, Triebe. Sie können aber auch von außen auf ihn Einfluß nehmen, durch das, was er in den Medien sieht, hört oder liest, oder was andere Menschen ihm sagen. Wir öffnen uns immer irgendwelchen Geistern, man könnte auch sagen, irgendwelchen Einstellungen oder Strömungen. Fragt sich nur, welchen Geistern wir erlauben, Einfluß auf uns zu nehmen.
     Alles, was du tust, passiert aus einem bestimmten Geist heraus, aus einer Grundkraft heraus. Dieser Geist ist der Motor deines Handelns. Oder anders ausgedrückt: Dieser Geist ist die Luft, in der du lebst, und in der du alles tust, was du tust, obwohl du sie kaum bemerkst. Es ist aber ein Unterschied zwischen Bergluft und Smog. Das eine macht gesund, das andere krank.
     Es gibt Geister, die tun uns nicht gut, die schmeicheln sich vielleicht bei uns ein, versprechen uns Glück und Freiheit, aber dann machen sie uns doch nur unglücklich, versklaven uns, binden uns, fesseln uns, bringen uns auch immer weiter weg von unseren Mitmenschen und von Gott . Das alles sind unheilige Geister. "Heilig" nennt die Bibel das, was zu Gott gehört. "Unheilige Geister" führen mich dann also von Gott weg, trennen mich von ihm. Sie können ganz verschiedene Namen haben. Paulus zählt hier in unserem Predigtabschnitt einige auf:
     Er spricht hier von einem sittenlosen Leben, Unzucht und hemmungsloser Zügellosigkeit. Es ist klar, was er damit meint: sexuelle Gier, Sex ohne Liebe, ohne Treue. Dieser Geist steckt in uns und wird auch gefördert durch den Zeitgeist. Die Folgen kennen wir auch alle: wechselnde Partnerschaften, Ehebruch, Ehescheidung, Sexualverbrechen, Abtreibung, Porno, Prostitution.
     Dann erwähnt er die Genußsucht in ihren vielfältigen Formen. Auch hier sind uns die Folgen nicht unbekannt: Alkoholismus, Drogensucht, Nikotinsucht.
Paulus spricht vom Aberglauben, der den Menschen nicht auf Gott vertrauen läßt sondern aufs Horoskop, auf Maskottchen oder Wahrsagerei.
     Den größten Raum in der Aufzählung von Paulus nehmen allerdings die Geister ein, die das zwischenmenschliche Leben stören und zerstören, wie Streitsucht, Intrigen, Eifersucht und Neid.
     All diese Geister und noch viel mehr machen den Menschen kaputt, dazu noch seine Beziehung zum Mitmenschen und vor allen zu Gott.
     Paulus sagt deutlich und ich wiederhole es hier, auch wenn es manchem hier vielleicht nicht paßt: "Wer so lebt, wird niemals in Gottes Reich kommen." Es ist eine Warnung, die Paulus offensichtlich oft ausgesprochen hat. Unsere Ohren sind sie nicht mehr so gewöhnt. Aber trotzdem bleibt diese Warnung wahr.
     Wißt ihr, warum diese Warnung so wichtig ist? Die unheiligen Geister betäuben, machen schläfrig. Man lebt zwar an Gott und seinen Mitmenschen vorbei, aber man merkt es gar nicht. Die unheiligen Geister sind das beste Betäubungsmittel. Je mehr ein Mensch sich auf sie einläßt, desto weniger merkt er, wie sehr er sich selbst und andere unglücklich macht und an Gott vorbeilebt.
     Deshalb haben wir Worte notwendig, die uns wachrütteln. Sonst merken wir gar nicht, in welch einer Gefahr wir leben.
     Worte allein tun es freilich nicht. Wir brauchen den Heiligen Geist, durch den diese Worte für uns lebendig werden, durch den wir ihre Wahrheit erkennen und uns auch verändern lassen. Die unheiligen Geister sind ein Schlafmittel, aber der heilige Geist ist ein Muntermacher. Er setzt uns in Bewegung und bringt uns zu einer Erkenntnis, auf die wir von Natur aus nie im Traum kommen: Daß wir nämlich alle ohne Ausnahme anders werden müssen.
     Wir müssen andere Menschen werden, die nicht mehr in erster Linie an ihr eigenes Wohlergehen denken, sondern bei denen Gott und sein Wort im Mittelpunkt ihres Lebens steht, und die in selbstloser Liebe mit ihren Mitmenschen umgehen. Das fehlt uns nämlich am allermeisten. Der Satz "Wenn alle so wären, wie ich, dann wäre es auf der Welt viel schöner und menschlicher" stimmt ganz einfach nicht. Wieviel Unseliges und Böses ist auch durch uns in diese Welt hineingekommen!
     Wir müssen anders werden. Aber das schaffen wir nicht aus eigener Kraft. Wir können zwar das Gute erkennen, aber damit haben wir es noch lange nicht getan. Das ist ja gerade das Elend von uns Menschen, daß wir zwar das Gute wollen, aber es ist nicht fertig bringen. Deshalb konnte auch ein Dichter wie Gottfried Benn sagen: Das Gegenteil von gut ist nicht böse sondern gut gemeint. Wir meinen es zwar gut, aber können es nicht tun.
     Die allermeisten Menschen wollen Frieden, aber trotzdem toben immer wieder Kriege zwischen Völkern und Nationen, aber auch in Familien, Ehen, Klassenzimmern und Betrieben. Sie wollen technischen Fortschritt und zerstören doch die Umwelt. Sie suchen Gott und landen doch bei einem selbstgemachten Götzen. . Sie wollen Liebe und finden doch nicht aus ihrer Selbstsucht heraus.
     Wir schaffen es einfach nicht, so zu leben wie wir sollten, selbst wenn wir es wollten. Wir bräuchten Geduld mit unseren Mitmenschen, Mut, immer das Richtige zu tun und zu sagen, Weisheit, um überhaupt das Richtige zu erkennen, Dankbarkeit auch in schwierigen Situationen, Liebe zu Gott, die mehr ist als ein Lippenbekenntnis, sondern die seine Nähe sucht in seinem Wort und im Gebet. Wir bräuchten eine Gesinnung, die nicht menschlich sondern göttlich ist. Wir bräuchten mit anderen Worten den heiligen Geist.
     Paulus schreibt hier: "Der Heilige Geist bringt in unserem Leben nur Gutes hervor." Und dann zählt er das Gute auf: "Liebe und Freude, Frieden und Geduld, Freundlichkeit, Güte und Treue, Besonnenheit und Selbstbeherrschung." Die Liebe stellt er an die erste Stelle. Zurecht. Ohne Liebe taugt alles in unserem Leben nichts. Wir brauchen sie, um mit unserem Mitmenschen gut auszukommen. Jeder Mensch braucht unsere Liebe, nicht nur der Sympathische sondern auch der, den wir eigentlich nicht leiden können. Auch der braucht sie.
     An zweiter Stelle kommt die Freude. Gott will nicht, daß wir traurig sind, sondern uns von ganzem Herzen freuen über ihn und alles Gute, was er uns geschenkt hat. Er möchte auch nicht, daß wir mißmutig und schlechter Laune sind sondern freundlich, gütig und geduldig mit unserem Mitmenschen umgehen können, auch mit den Eltern, auch mit den Geschwistern, den Lehrern und Vorgesetzten.
     Liebe, Freude, Frieden, Gerechtigkeit, Freundlichkeit, Güte, Treue, Besonnenheit und Selbstbeherrschung, das will Gott von uns haben. Gott sucht an uns nicht große Lebenserfolge, herausragende Taten, imponierende Werke, sondern die Treue in kleinen Dingen. Nicht große Dinge müssen wir tun, aber viele kleine Aufgaben wollen wir großartig erfüllen.
     Nicht durch eigene Anstrengung und Willenskraft, sondern wir dürfen alles von Gott erwarten. Er verlangt nichts von uns, was er uns nicht auch geben möchte. Jesus sagte einmal: "Der Vater im Himmel wird den heiligen Geist denen geben, die ihn darum bitten!"
     Der Heilige Geist ist die beste Gabe, die Gott uns schenken will. Denn es steckt in ihm Gott selber drin. Was Gott fühlt, denkt und tut, davon gibt er in seinem Geist ab.
     Es gibt für viele Menschen nichts Unverständlicheres als das Reden vom Heiligen Geist. Aber für den, der um ihn bittet, gibt es nichts Wichtigeres und Schöneres, als zu merken, daß er mir wirklich geschenkt wird, daß ich z. B. wirklich gelassen in Krisensituationen bleiben kann, wo ich früher verrückt spielen mußte, daß ich wirklich freundlich sein kann, wo ich früher nur etwas daherknurren konnte, daß mich wirklich Gottes Wort brennend interessiert, wo ich früher nur ein Gähnen übrig hatte.
     Der Heilige Geist ist ein heilender Geist. Er tut unserm Wesen gut. Er heilt die Verbogenheiten unseres Charakters, heilt die innersten Schäden unseres Wesens.
     Die "Gruppe Luther" lädt ja jedes Jahr zu großen Sommerfreizeiten ein. Und manchen Freizeitteilnehmern sieht man nach diesen Freizeiten ganz deutlich an, daß sie anders geworden sind, zum Beispiel umgänglicher, freundlicher, fröhlicher. Wie ist das zu erklären? Auf den Freizeiten haben sie jeden Tag etwas vom lebendigen Gott gehört, von seiner Liebe zu ihnen. Diese Liebe haben sie nun auch in ihr Leben hineingelassen, man kann auch sagen, sie haben sich dem Heiligen Geist geöffnet. Natürlich sind sie nicht von heute auf morgen ganz andre Menschen geworden. Aber es hat doch etwas Neues angefangen, etwas Neues, das noch wachsen muß.
     Auch bei Gott braucht alles seine Zeit. Er handelt nach dem Gesetz, das wir alle von der Natur kennen. Wir müssen erst einmal säen, damit etwas wachsen kann und wir ernten können. Es sind oft unscheinbare Samen wie die von Radieschen und Mohrrüben. Aber nach ein paar Wochen Warten, Hacken, Gießen und Unkrautjäten wachsen die Früchte heran, bis wir schließlich ernten können.
     So ist es auch bei einem Leben mit Gott. Da fängt einer an, als Christ zu leben. D. h. er hat um Vergebung seiner Sünden gebeten, glaubt nun, daß Jesus sein Herr ist, der immer bei ihm ist und mit dem er nun leben möchte. Wenn einer so glaubt, dann hat er auch den Heiligen Geist bekommen. Das kann, muß aber nicht, für so einen Menschen ein sehr intensives Erlebnis sein. Denn dann kommt ja die ganze Liebe Gottes ins Leben hinein. Und er kann nun glauben: Ich bin ja geliebt von Gott, von ihm als sein Kind angenommen. Es kann ihm ganz leicht ums Herz werden, er spürt eine große Dankbarkeit und Freude. Die Wirkungen des Heiligen Geistes, von denen Paulus hier spricht, sind schon da.
     Doch das ist erst der Anfang. Das zarte Pflänzlein des Glaubens muß auch gehegt und gepflegt werden. Sonst geht es wieder ein. Auch im Leben eines Glaubenden gibt es Unkraut und Dürre, die den Glauben wieder zerstören wollen. Die unheiligen Geister geben nicht so schnell auf. Und Neid, Eifersucht, Ungeduld, Zweifel und all das andere, was Paulus hier aufzählt, können auch im Leben eines Glaubenden sich als sehr lebendig melden. Es kann sogar so schlimm werden, daß du denkst, du hast gar keinen Heiligen Geist, hast dir die Erfahrung der Liebe Gottes vielleicht nur eingebildet.
     Solche Erfahrungen sind ganz normal im Leben eines Christen. Er schwebt ja nicht auf Wolke Nummer 7 sondern lebt mitten in dieser Welt, die ja weiterhin voll unheiliger Geister ist. Er wird noch manches Mal auf ihre Kniffe hereinfallen, sich von ihnen fesseln lassen.
     Wenn dir das passiert ist, dann tu bitte eines: Rufe zu Gott, so wie der Mann in dem Stück, das wir gesehen haben! Rufe zu ihm, bitte um Vergebung, bitte um einen Neuanfang durch seinen Heiligen Geist! Und glaube es auch, daß du wirklich neu anfangen kannst - und auch zum Ziel kommst!
     Paulus schrieb einmal den Christen in Philippi: "Ich bin ganz sicher, daß Gott sein Werk, das er bei euch durch den Glauben begonnen hat, zu Ende führen wird." Der Geist Gottes ist stärker als alle anderen Geister. Er wird sich durchsetzen, auch in deinem Leben. Das glaube, und dafür sei dankbar!

Amen

(c) Dieter Opitz, Bayreuth