Bayreuth, den 04.03.01 Philipper 2,5-11

Liebe Gemeinde!

Wer ist eigentlich Jesus? Jede Zeit hat ihre eigenen Jesusbilder. Man schaue sich nur die Bilder von Jesus der Ostkirche an, die Ikonen. Ein strenger, unnahbarer Jesus schaut uns da hoheitsvoll an. Oder die Bilder, die noch vor wenigen Jahrzehnten Schlafzimmer schmückten: Ein vollbärtiger, ein bißchen weltfremd dreinschauender junger Mann, der mit seinen Jüngern eine romantische Landschaft durchwandert: Jesus, der etwas süßliche Seelenhirte. Und heute? Da gibt es in Comics eine Jesusfigur mit Dreitagebart und roter Nase: Jesus, der Kumpeltyp, der es mit mir gut meint und es mit allen gut kann, locker und lässig.
Wer ist Jesus wirklich? Es gibt einen Abschnitt in der Bibel, der seinen Weg und sein Wesen wie in einer Zusammenfassung beschreibt. Man nennt ihn auch den Christuspsalm. Ich lese ihn mal vor. Philipper 2, Vers 5 bis 11:
"Orientiert euch an Jesus Christus: Obwohl er Gott in allem gleich war und Anteil an Gottes Herrschaft hatte, bestand er nicht auf seinen Vorrechten. Nein, er verzichtete darauf und wurde rechtlos wie ein Sklave. Er wurde wie jeder andere Mensch geboren und lebte als Mensch unter uns Menschen. Er erniedrigte sich selbst und war Gott gehorsam bis zum Tod, ja, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott auch herrlich zu sich erhoben und ihm den Namen gegeben, der über allen Namen steht. Vor Jesus werden sich einmal alle beugen: alle Mächte im Himmel, alle Menschen auf der Erde und alle im Totenreich. Und jeder ohne Ausnahme soll zur Ehre Gottes, des Vaters, bekennen: Jesus Christus ist der Herr!"
Diese Worte von Paulus beantworten uns mehrere Fragen über Jesus. Zum Beispiel die Frage: Woher kommt er? Zweifellos eine wichtige Frage. Die Herkunft eines Menschen kann ja manchen Aufschluß über sein Wesen geben. Jesus stammt nicht aus einfachen Verhältnissen. Vornehmer und höher geht's gar nicht. Er kommt aus der Ewigkeit. "Er war Gott in allem gleich und hatte Anteil an Gottes Herrschaft", so drückt sich Paulus aus. Jesus ist keiner von uns. Er gehört nicht zu uns. Er gehört zu Gott. "Er ist das Wort Gottes", sagt der Apostel Johannes.
War Jesus also ein Außerirdischer? Ein E.T.? Ein Wesen von einem anderen Stern? Nein! Er war zwar keiner von uns, aber er wurde einer von uns. Er wurde Mensch.
Stellen wir uns einmal folgendes Gespräch zwischen Jesus und seinem Vater im Himmel vor: Gott sagt zu seinem Sohn: "Siehst du die Menschen dort auf der Erde? Sie meinen, sie wären glücklich, wenn sie das tun, was ihnen selber gefällt und nicht mehr das, was ich von ihnen will. Doch sie sind nicht glücklich. Im Gegenteil. Vor allen Dingen machen sie einander unglücklich. Einer haut den anderen übers Ohr und ist nur auf seinen Vorteil aus. Sie machen nur das, was ihnen paßt. sie fallen über andere her und verletzen sich gegenseitig. Siehst du diese kalten, gemeinen, egoistischen Menschen? Willst du zu ihnen gehen? Einer von ihnen werden? Es ist die einzige Chance, um ihnen zu helfen." Und Jesus sagt: "Ja, ich will es tun!" Eine erstaunliche Entscheidung! Eine Entscheidung, die so ganz gar nicht unserem Wesen entspricht. Wir wollen ja hoch hinaus, etwas werden. Das Großwerden - Wollen steckt in uns allen tief drin. Wenn man kleine Kinder fragt: "Wie groß bist du?" reißen sie ihre Arme weit nach oben, auch wenn sie noch gar nicht recht reden können. Jeder will vorwärtskommen, befördert werden, gelobt, anerkannt, erfolgreich sein, Karriere machen, aufsteigen, berühmt werden, sich einen Namen machen. Wollen wir nicht alle Aufsteiger, Senkrechtstarter, Spitzenleute sein im Beruf, im Sport, in der Politik, in der Wirtschaft, in der Kunst, ja auch in der Kirche? Möglichst weit vorne mitmischen wollen. Ja nicht "unter ferner liefen" rangieren. Denn die ganz hinten dran beachtet ja keiner. Darum läßt Bert Brecht den Leierkastenmann in seiner "Dreigroschenoper" singen: "Und die einen sind im Dunkel, und die andern sind im Licht, doch man sieht nur die im Lichte, die im Dunkel sieht man nicht." - Das ist unsere Welt. Aber Jesus war nicht so. Er ging freiwillig ins Dunkel. Er war bereit, verachtet, übersehen, in die Ecke gedrängt, verspottet und angespuckt zu werden. Ein unvergleichlicher Abstieg! Freiwillig! Wie wäre das, wenn ein Chef freiwillig den Platz eines Hilfsarbeiters einnimmt, wenn ein Millionär seine Millionen verschenken und als Bettler leben würde, wenn einer auf all seine Titel verzichten und als einfacher Mensch leben würde? Das wäre doch ganz und gar ungewöhnlich und sensationell.
Und nun wird Gott ein Mensch und steigt so tief herab, daß es tiefer nicht mehr geht. Unfaßbar und unbegreiflich! Aber nun ist ihm nichts Menschliches mehr fremd. Nun gibt es keinen Hunger, den er nicht kennt, keinen Durst, den er nicht erlitten hätte, keinen Schmerz, der ihm nicht wehgetan hätte, keine Einsamkeit, die ihm fremd wäre, keine Versuchung, die er nicht gekannt hätte, - allerdings ohne selbst zu sündigen.
Er hat das Dunkel kennengelernt. Er weiß auch, wie dir und mir zumute ist, wenn wir im Dunkeln stehen. Und er übersieht uns nicht, keinen einzigen, auch wenn er noch so unscheinbar ist oder noch so schuldig und verkehrt. Vielmehr nimmt er uns ganz genau in unserer Not wahr und will uns helfen.
Es gibt einen Spruch, der lautet: "Macht macht kaputt!" Man kann viele Beispiele nennen, die die Wahrheit dieses Satzes belegen: Denken wir nur an die vielen Kriege, die irgendwelche Könige oder Diktatoren aus Machtgier angezettelt haben. Körperliche Überlegenheit hat andere mißbraucht, verletzt, vergewaltigt, gedemütigt. Finanzmacht von Großkonzernen kleinere Betriebe an die Wand gedrückt. Vorgesetzte haben ihre Macht dazu mißbraucht, um Untergebene klein zu kriegen. Und die Antwort sprühen dann junge Leute an die Häuserwände: "Macht kaputt, was euch kaputt macht!" So geht die Spirale von Gewalt und neuer Gewalt weiter.
Jesus war anders. Er besaß von seinem Vater göttliche Macht, mehr als jeder König oder Diktator. Er konnte Kranke heilen, Tote auferwecken, Naturgewalten wie einen Sturm auf einem See zähmen. Kein Mensch hat größere Wunder getan wie er. Niemals benutzte er seine Macht für sich sondern immer nur für andere - aus Liebe. Ja, seine Macht, die von ihm ausging, war seine Liebe. Jesus benutzte seine Macht nicht, um kaputt zu machen. Vielmehr nutzte er seine Macht der Liebe, um sich selbst kaputt machen zu lassen. Er hat nicht andere geopfert, um selbst zu überleben. Er hat sich in seiner Liebe selbst geopfert, damit wir überleben. Das ist der Sinn seines Todes am Kreuz. Es ist nicht das sinnlose Sterben eines Menschen, der für seine Überzeugung umgebracht wird. Jesus ist keine Gescheiterter, der zu schwach war, um seine Ideen durchzusetzen. Nein, Jesus stirbt, weil er stark war, weil seine Liebe zu uns so stark war, daß sie sich sogar durch einen Tod nicht abschrecken ließ.
Jesus hätte nicht sterben müssen. Er hätte Gelegenheiten gehabt, zu fliehen oder seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Er starb freiwillig, weil sein Vater es wollte, aus Gehorsam.
Ein grausamer, blutrünstiger Gott, der das von seinem Sohn verlangt? O nein! Vielmehr können wir von dem Sterben Jesu Rückschlüsse auf uns ziehen, auf unsere Gemeinheit, unseren Egoismus, unsere Lieblosigkeit und Gottlosigkeit. Unsere Sünde ist so groß, so schlimm, daß Gott keine anderen Weg mehr wählen konnte, um uns zu helfen. Sein Sohn mußte am Kreuz die Hölle durchmachen, damit wir sie nicht in der Ewigkeit erleben müssen. Er ließ sich quälen, damit unsere Sünde uns nicht in Ewigkeit quält.
Freilich: Verstehen kann das Geschehen am Kreuz nur, wer gemerkt hat, daß er ein Sünder ist, jemand, der nur eines verdient hat: die Hölle. Der kann begreifen und glauben, was der Kreuzestod bedeutet: Seine ewige Errettung, das wunderbarste Geschehen - für ihn. Am Kreuz ist das Unmögliche geschehen: Gott macht aus Sündern seine lieben Kinder. Wenn wir jetzt Bilder von der Kreuzigung sehen, dann sehen wir das unter der Perspektive: Das geschah alles für mich! Für mich ging Jesus ans Kreuz. Jeder, der seine Schuld loswerden will, darf dies glauben!
(Video: Kreuzigung)
Im Boxsport gab es lange Jahrzehnte das ungeschriebene Gesetz: "They never come back!" Auf deutsch: "Sie kommen niemals zurück." Gemeint war: Wenn ein Boxweltmeister aller Klassen seinen Titel verloren hatte, schafft er es niemals, seinen Titel wiederzugewinnen. Lange Jahre galt dieses Gesetz, bis es einer doch schaffte, den Boxthron wiederzuerobern: Muhammed Ali. Natürlich auch nur ein paar Jahre. Heute ist das einstige Boxidol eine bemitleidenswerte Gestalt, die an Parkinson erkrankt ist.
Das was Muhammed Ali schaffte, ist gar nichts im Vergleich zu dem, was an Jesus Christus geschah. Sein Comeback ist viel sensationeller. Er, der Sohn Gottes, mußte die größte Niederlage einstecken, die es für ihn gab. Er kam ja aus der Ewigkeit und kannte kein Leid, keine Schmerzen und mußte so einen furchtbaren, dreckigen Tod am Kreuz sterben. Tiefer geht es nicht mehr! Doch dann kam der Ostermorgen. Als der strahlende Sieger über den Tod erhebt er sich aus dem Grab. Unglaublich, aber wahr! Seine Jünger sahen ihn, betasteten ihn und begriffen: Er ist wirklich auferstanden! Wo sie nur konnten, verbreiteten sie diese Nachricht: Jesus ist der Herr auch über den Tod!
Für dieses Geschehen der Auferstehung hinkt jeder Vergleich. Denn das gab es vorher und nachher nie, daß einer wie Jesus von den Toten auferstand. Jesus hat zwar selber Tote auferweckt. Aber diese Personen mußten ja trotzdem noch einmal sterben. Der Tod war nur aufgeschoben. Aber über Jesus hatte der Tod gar keine Macht mehr.
Seitdem Jesus von den Toten auferstanden ist, dürfen wir eines wissen: Es gibt keine hoffnungslosen und aussichtslosen Lagen mehr. Denn Jesus ist immer stärker. Er ist stärker als alles Leid, alle Krankheit, alle Schuld, jede Sucht und auch stärker als der Tod. Wenn er sogar den Tod besiegt hat, gibt es keine Macht der Welt, mit er nicht fertig werden könnte.
Ich habe nun in dieser Predigt den Weg Jesu nachzuzeichnen versucht. Er fing in der Ewigkeit an, ging herab in diese Welt, als er Mensch wurde. Noch tiefer hinab führte ihn sein Tod am Kreuz. Tiefer ging es nicht mehr. Doch dieser Tiefpunkt war der Wendepunkt. Gott erhöhte seinen Sohn, als er ihn von den Toten auferweckte. Schließlich endet Jesu Weg dort, wo er anfing. Bei der Himmelfahrt ging er wieder zurück zu seinem Vater in die Ewigkeit. Jesus: Keiner von uns und doch einer von uns.
Und nun möchte ich Euch am Schluß dieser Predigt einladen, diesen einzigartigen Weg mitzugehen.
Es ist sicher kein einfacher Weg. Das muß ganz ehrlich gesagt werden. Denn es ist ein Weg, auf dem nur eines zählt: Der Gehorsam Gott gegenüber. Aber nur der verdient den Namen Christ, der sich an Jesus Christus orientiert, der die gleiche Einstellung wie er hat. Kein Mensch kommt einmal in den Himmel, der immer nur will, daß sein Wille geschieht.
Es ist ein Weg der Liebe, der selbstlosen Liebe zu Gott und seinen Mitmenschen, daß ich bereit bin, wie Jesus Christus auf manche Annehmlichkeit zu verzichten, so wie er es ja auch tat. Er machte es gern, nicht mit zusammengebissenen Zähnen. Warum? Er lebte immer in dem Bewußtsein, von Gott geliebt, von ihm angenommen zu sein.
Genauso können wir auch leben. Überleg dir einmal: Da gibt es einen, der weiß zwar, wie du bist: Ganz und gar nicht so lieb, wie du sein solltest, ganz und gar nicht ihm gehorsam sondern oft höchst eigensinnig. Aber der liebt dich trotzdem. Der vergibt dir, wenn du seine Vergebung haben willst. Der liebt dich trotzdem, auch wenn du noch so lieblos bist. . So eine Liebe muß einen doch bewegen und umhauen. Und einen dazu bewegen, daß man selber auch so lieb sein will wie dieser Jesus Christus.
Christsein heißt nicht, sich zu bemühen, daß man so wird wie Jesus Christus. Sondern es heißt erst einmal zu erkennen, daß ich eben nicht diese Einstellung wie er habe. Ich bin kein wunderbares, herrliches Gefäß für die Liebe Gottes. Ich bin eher ein Scherbenhaufen, der am Boden liegt. Aber dieser Scherbenhaufen fängt an zu funkeln, wenn die Sonne auf ihn fällt. So werde ich auch verändert, lieber, freundlicher, wenn die Liebe Jesu in mein Leben fällt.
Bitte ihn doch um die Erfahrung seiner Vergebung und Liebe, nicht nur einmal, immer wieder, und du wirst dich wundern, was er aus deinem Leben macht!

Amen

(c) Dieter Opitz, Bayreuth