Bayreuth, den 22.11.2000 Offenbarung 3,14-21

Liebe Gemeinde!

"Die Haaranalyse war positiv!" Ungläubig hörten wir vor wenigen Wochen diese Nachricht. Die Sensation war perfekt. Christoph Daum, der Trainer von Bayer Leverkusen hatte Drogen zu sich genommen. Die Testergebnisse bewiesen es.
So ein Test ist unbestechlich. Durch ein Haar kann man nachweisen, ob jemand in den letzten Monaten oder gar Jahren Drogen zu sich genommen hat.
So ein Test ist unbestechlich. Er kann nachweisen, welche verbotenen Stoffe ein Sportler zu sich genommen hat, ob wissentlich oder nicht. Ein paar Tropfen Blut können die Wahrheit ans Licht bringen. Und durch ein Haar kann man sogar nachweisen, ob jemand in den letzten Monaten oder gar Jahren Drogen zu sich genommen hat.
In den Worten, die ich eben vorgelesen habe, wird auch ein Test beschrieben. Hier testet jemand eine christliche Gemeinde, die Gemeinde von Laodicea in Kleinasien. Er testet nicht , wieviel in der Gemeinde los war, wie hoch die Kollekten am Sonntag waren oder wie oft jemand die Gemeindeversammlungen besucht hat. Nein, er testet sie auf ihre Echtheit, auf die Echtheit ihres Glaubens und ihrer Liebe zu Jesus Christus, auf die Echtheit ihrer Frömmigkeit. Und der hier testet, prüft auch uns. Denn der Tester ist nicht irgend jemand, sondern niemand anderes als Jesus Christus, der Sohn Gottes. Ihm sind alle Rechenschaft schuldig, alle christlichen Gemeinden, aber auch alle, die mit ihm nicht viel anfangen können, die vielleicht nur ein Achselzucken für ihn übrig haben oder gar Hohn und Spott. Als "Gottes treuer und wahrhaftiger Zeuge" wird er hier bezeichnet. Er ist die Wahrheit selbst, dem man nichts vormachen kann. Er weiß alles und sieht alles - auch über uns. Seine Testergebnisse sind unbestechlich. Es ist normal, wenn einem bei der Vorstellung, total durchschaut zu werden, mulmig zumute wird, ja, erschrickt. Wer einen Funken von Ehrlichkeit besitzt, der ahnt, daß das Ergebnis eines solchen Persönlichkeitstests sehr unangenehm sein kann. Aber es wäre nun falsch, so zu reagieren: Ich möchte von den Testergebnissen gar nichts wissen. Ich möchte nichts davon hören, wenn Jesus mir unangenehme Wahrheiten mitteilt. Das wäre höchst dumm. Genau so dumm wie ein Patient, der den Befund seines Arztes nicht wissen will. Genau so dumm wie jener Rheumakranke, dem sein Arzt schmerzhafte Massagen für sein Bein verschrieben hatte. Aber er hielt dem Masseur sein gesundes Bein hin. Das tat nicht so weh. Aber es konnte ihm natürlich auch nicht geholfen werden.
Wer die Wahrheit, die Jesus ihm zu sagen hat, nicht hören will, betrügt sich selber. Er betrügt sich um die Hilfe. Jesus stellt wie ein guter Arzt die richtige Diagnose. Aber er tut es ja nicht, um uns fertigzumachen sondern um uns zu helfen. Er will ja die geeigneten Maßnahmen ergreifen, die für uns gut sind.
Heute am Buß- und Bettag haben wir Gelegenheit, uns der Wahrheit zu stellen. Wir sollten diese Gelegenheit nutzen. Wer weiß, wann wir wieder einmal die Chance erhalten, die Wahrheit über uns zu erfahren. Vielleicht sogar nie mehr. Gute Ratschläge von Experten müssen wir meist mit teurem Geld bezahlen. Was Jesus uns zu sagen hat, kostet nichts, nur ein offenes Ohr. Er will, daß wir vorurteilsfrei und unvoreingenommen zuhören. Wenn wir das tun, wird sich dieser Gottesdienst für uns ganz bestimmt lohnen.
    Was hat nun Jesus hier der Gemeinde in Laodicea und auch uns zu sagen? Diese Gemeinde erhält kein Wort des Lobes und der Anerkennung. Jesus sagt ihr die ungeschminkte Wahrheit. Und das Ergebnis seines Testes lautet: Du bist lau! Die Leute von Laodicea wußten, was mit diesem Satz gemeint war. Oberhalb von ihrer Stadt entsprang eine heiße Heilquelle. Dort oben befand sich ein Kurort. Kranke konnten sich in dem Heilwasser baden. Das heiße Quellwasser floß über Felsterrassen herab und verlor an Heilkraft und Wärme. Das unten im Tal ankommende Wasser war lauwarm und ohne heilende Wirkung. Es hatte seine Kraft verloren und schmeckte fade und abgestanden. An diese Erfahrung knüpfte Jesus an, wenn er die Christen von Laodicea mit lauwarmem Wasser vergleicht.
"Lauwarmen" Christen fehlt also die Quellkraft. Sie haben sich zu weit von der Quelle des Lebens, Jesus Christus, entfernt. "Lauwarme" Christen sind Christen ohne Saft und Kraft. Sie wirken nicht ansteckend sondern abstoßend. Sie sind nicht besonders gottlos, aber sie fallen auch nicht durch besondere Frömmigkeit auf. Sie begehen keine offensichtlichen Sünden , aber sie sind auch nicht besonders eifrig, den Willen Gottes zu tun. Sie sagen nichts Schlechtes über ihren Glauben, klar, sie sind ja Christen, aber sie hüten sich auch, sich deutlich zu ihm zu bekennen. Das könnte ja gefährlich werden. So sind die lauwarmen Christen von Laodicea und von heute. Erschreckend angepaßt, höchst mittelmäßig. Es plätschert in so einem Christsein alles so dahin, wie das lauwarme Wasser bei Laodicea. So ein Christsein ist für Jesus ein Brechmittel.
Die eigentliche Ursache ist: Es fehlt die Quellkraft, es fehlt die Verbindung zu Jesus Christus. Sein Wort ist einem unwichtig geworden oder in den Hintergrund getreten. Man hat Angst aufzufallen, mit seinem Christsein anzuecken, paßt sich an, macht seinen Mund für den Glauben nicht mehr auf. Letztlich will man doch nicht ganz und gar Jesus gehorchen sondern auch noch sein eigenes Leben leben.
Laodicea war eine reiche Stadt. Dort wohnten reiche Tuchhändler und Arzneimittelhersteller. Schwarze Wolle und Augensalbe aus Laodicea waren ein Kassenschlager. In Laodicea lebten auch reiche Banker. Nach einem Erdbeben bot die Hauptstadt Rom einen großzügigen Kredit an. Laodicea lehnte ab. "Wir sind ja reich!" sagte man. "Wir brauchen keine fremde Hilfe!" Und auch die Christen in Laodicea hatten Anteil an diesem enormen Reichtum mit all seinen Vorzügen und all seinen Gefahren, auch der Gefahr der Lauheit.
Das Christsein von Laodicea ist das typische Christsein in einer reichen Wohlstandsgesellschaft wie der unsrigen. Man glaubt schon noch an Gott. Aber er ist einem nicht besonders wichtig. Es gibt noch andere Dinge, die einen in Beschlag nehmen: die vielen Hobbys, der Beruf, mein Haus, ein toller Urlaub, die vielen Freizeitmöglichkeiten am Wochenende, wie interessante Fernseh- und Kinoprogramme, da ein Fest und dort eine Fete. Und Gott? Der bleibt auf der Strecke. Den brauchen wir doch gar nicht. Wir haben doch alles. Uns geht es doch gut!
Und Jesus sagt: So ist euer Glaube. Nicht nur im reichen Laodicea sondern auch in unserer Wohlstandswelt und auch in unserem gutbürgerlichen Bayreuth. Dieser Glaube ist nicht glühend heiß wie an den Quellen des Evangeliums. Er ist auch nicht eiskalt wie in den Tälern des Unglaubens. Lauwarm ist er, scheußlich, übel, zum Erbrechen.
Nein, Gott mag's nicht lauwarm. Vielleicht waren wir auch einmal ganz nahe bei der Quelle, als wir diese Sache entdeckten, ganz durchglüht von dem Wunsch, in Sachen Glauben ganze Sache zu machen. Vielleicht waren wir auch einmal ganz heiß auf Jesus. Und dann plätscherte es so dahin. Heute ist der Glaube abgekühlt.
Natürlich haben wir dafür gesorgt, daß er nicht ganz kalt geworden ist. Manchmal beten wir schon noch. Die Bibel haben wir nicht weggeworfen. Überfromm sind wir zwar nicht, aber gottlos kann uns auch keiner schimpfen. Wir sind durchwachsen. Mittelprächtig. Wohltemperiert. Jetzt sind wir angewärmt, genauso wie der fade Sprudel von Laodicea.
Daß ihr kalt oder heiß wäret, sagt Gott, aber weil ihr lauwarm seid, deshalb richte ich euch! Er mag nur eine ganze Hingabe, eine ganze Glut. Gott mag's heiß. Nur ganz dicht bei der Quelle des Wortes werden wir jenen glühenden Glauben finden, der nicht unter das Gericht Gottes fällt.
Harte Worte, gewiß. Ein vernichtendes Testergebnis. Manche werden jetzt wohl denken: "Ist das nicht etwas stark übertrieben? Sooo schlimm steht es doch nicht um mich!" Es steht noch viel schlimmer um dich und Gott hätte schon längst sein Urteil bei dir vollstrecken können. Er hätte schon längst nichts mehr von dir wissen können, so wie man lauwarmes Wasser sofort wieder ausspuckt.
Aber das tut er gerade nicht, obwohl sein Testergebnis so eindeutig negativ ausgefallen ist. Er ruft Laodicea zur Umkehr. Laodicea und wir können neu anfangen. Jesus hält uns - trotz allen Versagens - die Treue. Das ist unsere große Chance, die wir heute nützen dürfen.
Jesus gibt uns Ratschläge, keine Befehle, wie es mit uns anders werden kann. "Wäre es da nicht an der Zeit..." so unaufdringlich, behutsam, bittend und werbend spricht er uns an. Er meint es ganz ernst mit uns und will nicht, daß auch nur einer von uns verlorengeht. Wer seine Ratschläge befolgt und sich von ihm beschenken läßt, der wird ganz neu Gemeinschaft mit dem Herrn haben und wird das Leben neu bekommen.
Laodiceas Christen waren stolz auf ihren Wohlstand. Gold, Wollstoffe und Augensalben begründeten ihren Reichtum. Aber all das ist vergänglich. Jesus aber bietet Unvergängliches an, das auch in Krisenzeiten überdauert: "Gold" - echte Jesusnachfolge, die täglich auf Jesu Wort hört und bei ihm bleibt, auch wenn es im Leben schwierig wird. "Weiße Kleider" - die Vergebung unserer Schuld. Durch sein stellvertretendes Leiden und Sterben am Kreuz können wir sie geschenkt bekommen! "Augensalbe" - der Geist Gottes, der uns die Augen über uns selbst öffnet und uns zeigt, wer wir sind. Der uns unsere Sünde aufdeckt und uns auch klarmacht, wer Jesus ist: derjenige, der uns allein unsere Sünde vergeben kann.
Die harten Worte, die von unserer Lauheit redeten, wollen uns also gar nicht fertigmachen. Sie wollen uns helfen. Hinter diesen harten Worten steht Jesus, der uns liebt. Er will nicht unseren Untergang, sondern daß wir zu ihm, der Quelle des Lebens, umkehren.
Er steht draußen vor der Tür unseres Herzens und wartet. Zwar könnte er sich gewaltsam Zugang verschaffen, doch Jesus macht es anders. Er klopft an und bittet, daß wir ihn einlassen und seinem Urteil recht geben.
Ein kleines Mädchen sagt stolz ihr Adventsgedicht auf: "Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier - und dann steht das Christkind auf der Tür!" Die Mutter schmunzelt darüber. Unwillkürlich sieht sie die Szene vor sich: Ein Unbekannter stürmt auf die Tür zu, wirft sich mit Wucht dagegen und steht dann auf der herausgesplitterten Tür breitbeinig im zerbrochenen Rahmen - tausendfach verfilmt in Western und brutalen Krimis.
Aber Jesus steht nicht so "auf der Tür". Er fällt nicht mit der Tür ins Haus. Er kommt ganz anders zu uns. Er dringt nicht taktlos in den Lebensraum eines Menschen ein - er bittet, er klopft an - einmal und viele Male. Bereits "vor der Tür" gibt er sich als Freund, als Helfer zu erkennen.
Eigentlich ist das überwältigend: Da klopft endlich einer bei uns an, nicht um uns irgendetwas anzudrehen sondern um uns etwas zu schenken, was wir nie bezahlen könnten: seine Vergebung, seine Liebe, seine Kraft zu einem Neuanfang mit ihm.
Er hat vielleicht schon oft bei uns angeklopft. Auch heute tut er es wieder neu. Jetzt in seinem Wort und in seinem Abendmahl. Er läßt uns nicht in Ruhe, weil er weiß, daß wir ohne ihn nicht zur Ruhe kommen, keinen Frieden haben.
Dann beim Abendmahl lädt dich Jesus zu einem Fest ein. "Gemeinsam werden wir das Festmahl essen." sagt er hier. Wir sind also zu einem Festmahl eingeladen. Auch wenn der Tisch nicht gerade festlich gedeckt ist. Wir sehen kein üppiges Mahl, unter dem sich die Balken biegen. Wir sehen nur ein paar Hostien und einen Schluck Wein. Aber es ist Jesus selbst, der verhüllt in Brot und Wein zu uns kommt. So wie er an Weihnachten verhüllt in der Gestalt eines kleinen Kindes in einer Futterkrippe auf diese Erde kam, so will er jetzt im Abendmahl verhüllt zu uns kommen. Es genügt ein Schluck Wein - und wir sind reingewaschen von aller Schuld. Eine Hostie - und Jesus selbst kommt zu uns, ja in uns hinein.
Die Bedingung für sein Kommen zu uns ist nur eine einzige: Wir brauchen uns ihm nur zu öffnen. Wir brauchen nur "Herein!" rufen, ihn haben wollen. Wir brauchen nur zu sagen: "Komm du jetzt zu mir und beschenke mich." Und dann kommt er auch, ganz bestimmt.
Zweifle nicht daran, sondern glaube doch, daß du heute mit Jesus ganz neu anfangen kannst, das erste Mal oder zum hundertsten Mal. Er gibt neues Feuer für deine Beziehung zu ihm, echten, tiefen Glauben, wahre Liebe. Dann findest du auch Befriedigung in deinem Glaubensleben. Ein lauer Glaube ist öde und langweilig, stößt Gott und auch andere ab. Und er macht dich selbst nicht glücklich. Aber wenn du ganz und gar, radikal auf seiner Seite stehen willst, dann merkst du auf einmal, wie du dich wieder über Jesus freuen kannst, wie du das gerne tust, was er von dir haben will.
Das alles bekommst du heute im Abendmahl: eine ganz neue Jesusbeziehung, ganz neuen Glauben und Liebe zu ihm. Bitte Jesus jetzt doch darum, daß er es dir schenkt. Du bekommst es ganz gewiß!

Amen

(c) Dieter Opitz, Bayreuth