Bayreuth, den 28.5. 2000 Lukas 11,5-13

Liebe Gemeinde!

Das sind ja recht mutmachende Worte, die wir eben gehört haben. Wer bittet, dem soll gegeben werden. Wer sucht, wird finden. Wer anklopft, dem wird aufgetan. Diese Worte klingen einfach, wie ein Rezept. Ein Gerät funktioniert, wenn ich mich genau an die Bedienungsanleitung halte. Wenn ich meinen Computer anschalte und die richtigen Tasten benutze, dann erwarte ich, daß er funktioniert. Oder wenn ich in einen Automaten das richtige Geldstück einwerfe, dann hat unten die gewünschte Ware herauszukommen. Wenn sich nichts tut, dann ist der Automat kaputt.

Manche scheinen sich auch das Beten so vorzustellen: Gott hat gefälligst wie ein Automat zu funktionieren. Wenn ich oben die guten Taten und mein Gebet einwerfe, dann muß unten die Erfüllung meiner Wünsche herauskommen. Aber so einfach ist eben nicht. Es ist hier wohl keiner unter uns, der nicht schon einmal gebetet hat. Ich meine jetzt nicht die Gebetlein, die heruntergeleiert werden, ohne daß man sich viel dabei denkt: Jeden Tag irgendwelche Sprüchlein, ein Vaterunser oder Gesangbuchverse. Da bewegen sich nur die Lippen, aber es bewegt sich nicht das Herz. Nein, ich meine die Gebete, die uns von Herzen kamen. Es gibt ja kein Leben, daß nur Vergnügen ist, das immer reibungslos verläuft. Vielmehr braucht doch jeder Mensch immer wieder innere oder äußere Hilfe. Gott will uns diese Hilfe durch das Gebet schenken. Damit ist nicht gemeint, daß der Mensch die Hände in den Schoß legen soll und alles nur von Gott erwartet. Nein, wir sollen schon tun, was in unseren Kräften steht, um aus einer mißlichen Lage herauszukommen. Aber die entscheidende Hilfe will uns Gott geben.

In solchen Zeiten der Not haben wir alle schon gebetet. Als Kinder: ""Laß doch den Papa wieder gesund werden!" Als Jugendliche: "Hilf mir doch morgen bei der Matheschulaufgabe!" Als Erwachsene: "Gib, daß ich eine neue Arbeit finde!" Wenn wir ehrlich sind, müssen wir sagen: Machmal hat's funktioniert, manchmal nicht. Manchmal sind Gebete erhört worden, manchmal nicht. Vielleicht wurde unsere Lage sogar schlimmer wie vorher. Wütend oder resigniert dachten wir: Beten hilft ja doch nicht! Und unser Gebet verstummte. Doch Aufgeben ist der falsche Weg. Dies will uns Jesus mit dem Gleichnis vom bittenden Freund sagen. Das Gebet ist doch kein Schleudersitz im Düsenjet. Da ist man froh, daß es ihn gibt. Aber man ist noch dankbarer, wenn man ihn nicht gebrauchen muß. Sollte er aber doch notwendig sein, erwartet man, daß er einen aus der brenzligen Situation herauskatapultiert. Aber das Gebet ist mehr als ein letzter Helfer in der Not. Es sollte uns tagtäglich, unser leben lang begleiten. Wem Gott wichtig ist, dem muß auch daran liegen, daß das Gespräch mit ihm nicht abreißt. D. h. es ist ihm dann auch das Gebet wichtig. Wir können nicht erwarten, daß Gott auf den ersten Flüsterton unseres Gebetes hin sofort springt und eingreift. Gebetserhörungen dauern oft eine Zeitlang, aus welchen Gründen auch immer. Man braucht im Gebet oft Durchhaltevermögen, so wie es ein Missionar besaß, der jahrelang auf einer Insel wirkte, scheinbar ohne Erfolg. Kein Mensch wurde Christ. Aber schließlich bekehrten sich doch noch viele Menschen zum christlichen Glauben. Als man ihn fragte, wie er denn diesen Erfolg geschafft habe, sagte er: "20 Jahre gebetet." Gott ist wie ein Freund, so sagt Jesus, zu dem wir in der Not gehen dürfen. Er wird uns geben, was wir brauchen, auch wenn die Hilfe mit Schwierigkeiten verbunden oder menschlich gesehen unmöglich ist. Wenn wir im Gebet nicht nachlassen, wird uns geholfen werden.

Wichtig beim Beten ist das Vertrauen, das ein Kind seinem Vater gegenüber hat. Wenn ein Sohn, so sagt Jesus, seinen Vater um einen Fisch bittet, so wird er ihm doch nicht eine Schlange geben, oder wenn er ihn um ein Ei bittet, keinen Skorpion anbieten. So wird uns auch Gott nichts Schädliches oder Verkehrtes sondern nur Gutes, ja sein Bestes schenken. Auch wenn es so aussieht, daß er uns auf unser Gebet hin Schlechtes statt Gutem gegeben hat, so hat dies ganz gewiß seine Gründe. Luther sagte einmal: "Wenn nicht geschehen wird, was wir wollen, wird geschehen, was besser ist." Gott weiß ja selber am besten, was gut für uns ist, besser als wir selbst. Wenn er uns nun Wünsche verweigert, dann oft nur deshalb, weil eine Erfüllung nicht gut für uns wäre. Gott ist ja kein Ober, zu dem wir sagen können: "Bringen Sie mir mal diese oder jenes." Sondern er ist unser Vater, dem wir keine Bestellung geben sondern unsere Bitten mitteilen können. Es ist also nicht von vornherein ein "Ja" garantiert. Wunscherfüllung ist noch keine Gebetserhörung. Aber es gibt auch nicht von vornherein ein "Nein! Unmöglich!" Gott tut auch Wunder. Er kann wirklich bis auf den heutigen Tag wunderbar eingreifen. Jeder Mensch, der Gott vertrauensvoll wie ein Kind seinen Vater um Hilfe gebeten hat, kann von solchen Wundern erzählen. Gott ist kein Computer, der auf Tastendruck meine Befehle ausübt, habe ich vorhin gesagt. Aber er ist ein Herr auch über die Computer. Das haben wir erst kürzlich im Pfarramt erlebt. Ein Programm, das unsere Gabenkasse verwaltet, ging nach dem Jahrtausendwechsel nicht mehr, - obwohl uns der Hersteller versicherte, daß es funktionieren müßte. Aber diese Beteuerungen halfen uns auch nicht. Ein Computerfachmann installierte das Programm neu, doch kurze Zeit später ging es wieder nicht. Ich dachte: "Jetzt kann nur noch Gott helfen." und betete, kurz aber intensiv. Dann sagte ich zu meiner Sekretärin: "Jetzt starten Sie noch einmal das Programm." Es funktionierte tadellos und funktioniert bis auf den heutigen Tag! So dürfen wir es alle machen: Mit unseren ganz alltäglichen Problemen und Problemchen zu Gott gehen, er läßt uns nicht im Stich! Aber, wie gesagt, Gott ist nicht eine gute Märchenfee, die einem jeden nur denkbaren Wunsch erfüllt. Was dabei herauskommen kann, wenn Gott so handeln würde, zeigt uns ein Märchen. Es erzählt von einem armen Ehepaar, dem eine gute Fee die Freiheit gibt, drei Wünsche zu äußern, die dann auch in Erfüllung gehen sollen. Der alte Mann kann sein Glück kaum fassen. Und in seiner Freude ruft er aus: "Jetzt möchte ich erst einmal eine ordentliche Bratwurst haben!" Kaum ist der Wunsch ausgesprochen, daliegt auch schon die Bratwurst auf dem Tisch. Mit Entsetzen sieht die Frau, daß der erste Wunsch damit schon vergeben war, und in ihrem Zorn schreit sie: "Die Bratwurst müßte dir an der Nase kleben!" - und so geschah es auf der Stelle. Kein Mittel vermag die Bratwurst abzulösen. Der dritte Wunsch muß darauf verwendet werden, daß die Bratwurst wieder von der Nase des Mannes verschwindet, und die drei Wünsche sind sinnlos vergeudet. Das kleine Märchen steckt voll tiefer Weisheit. Es zeigt uns, wie töricht oft unser Wünschen ist. Würde Gott uns alle unsere Wünsche erfüllen, dann wäre es bestimmt nicht gut für uns. Wir sind Menschen mit Fehlern und Schwächen. Und sie schlagen sich auch in unserem Beten nieder. Wieviel Wünsche hat das menschliche Herz, und wie viel werden auch als Gebet ausgesprochen! Doch es ist noch lange nicht alles gut, wenn alle diese Wünsche in Erfüllung gehen. Da bittet vielleicht jemand Gott um Gesundheit. Eine verständliche Bitte, die bestimmt millionenfach ausgesprochen wurde. Aber, - wie wird der Betreffende mit einem gesunden Leib umgehen? Was wäre denn, wenn er ihn nur dazu benutzen würde, um weiterhin ein Leben zu führen, in dem Gott und sein Wort keine Rolle spielt? Oder da bittet vielleicht jemand um einen Freund oder eine Freundin. Eine verständliche Bitte! Was aber, wenn dieser Freund mein Abgott wird, an den ich mich klammere? Wenn Gott und Jesus weiterhin nur die 2. Geige in meinem Leben spielen?

Mit der Erfüllung unserer Wünsche, so gut gemeint sie auch sind, ist noch lange nicht das große Glück da, und erst recht nicht das Paradies auf Erden. Die wichtigste Bitte ist demzufolge die, daß wir andre Menschen werden, die nicht mehr in erster Linie an ihr eigenes Wohlergehen denken, sondern bei denen Gott und sein Wort im Mittelpunkt ihres Lebens steht, und die in selbstloser Liebe mit ihren Mitmenschen umgehen. Das fehlt uns nämlich - wenn wir ehrlich sind - am allermeisten. Der Satz: "Wenn alle so wären wie ich, dann wäre es auf der Welt viel schöner und menschlicher!" stimmt ganz einfach nicht. Wieviel Schlimmes und Böses ist auch durch uns in diese Welt hineingekommen! Wir alle müssen ohne Ausnahme anders werden. Wir brauchen Geduld mit unseren Mitmenschen, Mut, immer das Richtige zu tun und zu sagen, Weisheit, um überhaupt das Richtige zu erkennen, Dankbarkeit auch in schwierigen Situationen, Liebe zu Gott, die mehr ist als ein Lippenbekenntnis, sondern die seine Nähe sucht in seinem Wort und im Gebet.

Wir brauchen eine Gesinnung, die nicht menschlich sondern göttlich ist. Wir brauchen mit anderen Worten den Heiligen Geist. Jesus sagt in unserem Predigtabschnitt: "Der Vater im Himmel wird den heiligen Geist denen geben, die ihn bitten!" Alles, was ein Mensch tut, passiert aus einem bestimmten Geist heraus. Dieser Geist ist der Motor unseres Handelns. Oder anders ausgedrückt: Dieser Geist ist die Luft, in der wir leben, und in de wir alles tun, was wir tun, obwohl wir sie kaum bemerken. Es ist aber ein Unterschied zwischen Bergluft und Smog. Das eine macht gesund, das andere krank. So ist auch ein großer Unterschied zwischen einem unheiligen Geist, den ein Mensch von Natur aus hat und dem heiligen Geist, den Gott uns schenken will, wenn wir ihn darum bitten.Der heilige Geist ist die beste Gabe, die Gott uns schenken will. Denn es steckt in ihm Gott selber drin. Was Gott fühlt, denkt und tut, davon gibt er in seinem Geist ab. Es gibt für viele Menschen im Christentum nichts Unverständlicheres als das Reden vom Heiligen Geist. Aber für den, der um ihn bittet, gibt es nichts Wichtigeres und Schöneres, als zu merken, daß er mir wirklich geschenkt wird, daß ich zum Beispiel wirklich gelassen in Krisensituationen bleiben kann, wo ich früher verrückt spielen mußte, daß ich wirklich freundlich sein kann, wo ich früher nur etwas daherknurren konnte, daß mich wirklich Gottes Wort brennend interessiert, wo ich früher nur ein Gähnen übrig hatte.

Der Heilige Geist ist ein heilender Geist. Er tut unserem Wesen gut. Er heilt die Verbogenheiten unseres Charakters, heilt die innersten Schäden unseres Wesens. Es liegt an uns, das Wort Jesu ernst zu nehmen: "Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wieviel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten."

Amen

(c) Dieter Opitz, Bayreuth