Kein Schwein ruft mich an!, Predigt vom 23.01.2000

38 Jahre lang krank zu sein wie der Mann in unserer Geschichte ist schon ein schreckliches Schicksal. Aber noch erschütternder ist für mich der Satz, den der kranke zu Jesus sagt: "Ich habe keinen Menschen." Einsam sein ist noch schlimmer als krank sein. Irgendwo im Ruhrgebiet erwischte die Polizei einen jungen Mann, der gerade den Telefonautomaten in einem Telefonhäuschen zerstört hatte. Auf der Wache fragte ihn ein väterlicher Polizeibeamter: "Warum hast du das eigentlich getan?" Die Antwort war ausgesprochen erschütternd: "Ich bin stundenlang die Straße rauf und runter gegangen, um irgendeinen Kumpel zu treffen, mit dem ich mich unterhalten konnte. Aber ich habe keinen getroffen. Da kam ich immer wieder am Telefonhäuschen mit dem Werbespruch 'Ruf doch mal an' vorbei. Aber mich ruft nie einer an, und ich habe keinen, den ich anrufen kann. Da habe ich eine Wut bekommen und den Hörer aus dem Apparat gerissen." Kein Schwein ruft mich an. Auch junge Menschen können sich abgrundtief einsam fühlen. Und sicher ist manche Tat der Aggression oder der Verzweiflung auf dieses Gefühl der Einsamkeit zurückzuführen. "Ich habe keinen Menschen!" sagt der Kranke in unserer Geschichte. An einem Ort, wo er von Menschen umgeben ist! Aber es stimmt, er war einsam und noch dazu krank. Unbeobachtet, einsam der Masse. Vielleicht auch durch eigene Schuld. Wer weiß, wie alles gekommen war. Kennst du das Gefühl, wenn einem elend zumute ist, man aber stark tut? Wenn man mitlacht, obwohl man lieber heulen würde? Wenn man mitten in der fröhlichen Runde einsam ist? Dann weißt du auch, was Einsamkeit bedeutet. Was ist denn eigentlich das Quälende und Belastende an der Einsamkeit? Es ist das Gefühl oder die Erkenntnis, daß man eigentlich überflüssig ist. Daß die anderen einen gar nicht brauchen. Daß die Welt sich einfach weiterdrehen würde, wenn man nicht mehr da wäre, - und es würde einen keiner vermissen.
Wer fragt schon nach mir? Einige wenige Angehörige werden mich vermissen, wenn ich ausfalle. Vielleicht nur ein paar Bekannte. Ich werde aus der Personalkartei gestrichen, das Leben geht weiter. "Ich bin überflüssig!" Dieses Gefühl kann einen ganz plötzlich überfallen: auf dem überfüllten Bahnsteig eines Hauptbahnhofes, bei irgendeiner Massenveranstaltung, im Gedränge in der Fußgängerzone. Es kann mich auch in den vier Wänden überfallen, wenn ich ganz alleine bin. Oder wenn mich ein Mensch enttäuscht hat. Wenn eine Freundschaft in die Brüche gegangen ist. Es gibt ein schwermütiges Gedicht von Hermann Hesse.

"Einsam im Leben wandern
Leben heißt einsam sein.
Keiner sieht den andern,
jeder ist allein."

Stimmt es nicht, was Hesse hier ausdrückt? Letztlich ist jeder Mensch einsam. Es mag einer ein geselliger Typ sein, viele Bekannte haben, aber die wahren Freunde kann man an einer Hand abzählen. Die Sehnsucht nach Überwindung der Einsamkeit beinhaltet ja Folgendes: Wir suchen jemanden, der uns versteht und der mit uns empfinden kann. Wir möchten nicht nur Worte sagen, sondern unser Herz aufdecken. Wir möchten lieben und geliebt werden.
Aber wir entdecken dann plötzlich, daß wir Gefangene sind. Wir finden keinen Weg zu dem andern, es scheint keine Brücke zu geben, über die man das Herz des anderen erreichen kann. Auch der Geliebte oder die Geliebte bleibt letztlich ein Fremder.
Warum ist das nur so? Warum stoßen wir immer wieder an eine Grenze, wo wir sagen müssen: "Der andere versteht mich doch nicht. Und ich verstehe ihn auch nicht." - auch wenn wir ihn noch so sehr lieb haben?
Dies hängt mit der tiefen Ichhaftigkeit des Menschen zusammen, aus der wir nicht ausbrechen können. Jede Einsamkeit hat einen düsteren Hintergrund, dem wir uns jetzt zuwenden müssen. Das ist die Sünde des Menschen. Sünde, das ist mehr als einzelne Charakterfehler, oder bestimmte Worte und Taten. Sünde, das ist eine Grundeinstellung, der Uregoismus des Menschen, der sich nur um sich selber dreht. Sünde, das hat ja schon von der Wortbedeutung her etwas mit Sonderung, Absonderung zu tun. Wer sündigt, der sondert sich ab, der trennt sich von Gott und seinem Mitmenschen. Schuld macht einsam.
Natürlich gibt es auch eine unverschuldete Einsamkeit. Da können sich Menschen von einem abwenden, nur weil ich eine andere Meinung wie die anderen vertrete, oder eine andere Sprache spreche, oder weil ich schwer krank geworden bin, wie der Gelähmte in unserer Geschichte. Aber es besteht auf jeden Fall ein tiefer Zusammenhang zwischen meiner Sünde und meiner Einsamkeit. Es gibt folgende Faustregel: Je egoistischer einer ist, ,d. h. je ausgeprägter die Sünde im Leben eines Menschen ist, desto einsamer ist er auch. Wer möchte schon gerne mit einem Menschen zu tun haben, der nur an sich denkt? Er wirkt eher abstoßend, - auf sein Mitmenschen - und auf Gott.
Und glaube niemand, Einsamkeit kennen die nicht nicht, die auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Auch die Reichen und Angesehenen, auch die Bühnenstars und Filmstars kennen dieses Gefühl: "Du bist eigentlich überflüssig." Sie wissen oft ganz genau: Der Beifall, den sie bekommen, gilt nur ihrem Aussehen, ihrem Geld oder bestimmten Eigenschaften, aber nicht ihnen selbst.
Marilyn Monroe hatte alles, was sich ein Mädchen erträumen kann; Erfolg, Liebhaber, Publicity, Reichtum, Schönheit. Sie starb an einer Überdosis Schlaftabletten. Ein südamerikanischer Dichter hat für sie ein Gedicht geschrieben. Er beschriebt ihr tragisches Ende: Sie suchte Liebe - und man gab ihr Showgeschaft; sie suchte Ruhe - und man gab ihr Psychopharmaka.
Der Dichter schildert, wie man sie tot im Bett fand, in der Hand einen Telefonhörer. Aus diesem ertönte immer gleichbleibend der Satz: "Kein Anschluß unter dieser Nummer. Kein Anschluß unter dieser Nummer..."
Man weiß nicht, welchen Anschluß Marilyn Monroe gesucht hat in ihrer Todesstunde, wen sie anrufen wollte in ihrer Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. "Kein Anschluß unter dieser Nummer."
Wie einsam du auch bist ob aus eigener Schuld oder unverschuldet, es gibt jemand, der dich in deiner Einsamkeit versteht, denn er hat sie selbst durchgemacht. Ich spreche von Jesus. Am Kreuz war er einsam und verlassen, nicht nur von seinen besten Freunden, sondern vor allen Dingen von Gott. Einer seiner letzten Sätze lautete: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Schuld macht einsam. Schuld trennt von Gott, so haben wir eben gehört. Jesus trug nun stellvertretend am Kreuz unsere Sünde. Er mußte es am eigenen Leib erfahren, wie einsam einer ist, der ohne Gott lebt. Warum? Damit wir unsere Schuld nicht mehr herumschleppen müssen. Und damit auch wir nicht mehr einsam sein müssen.
Seitdem Jesus am Kreuz gestorben ist, hat die Sünde und die Einsamkeit ihre Macht verloren. Nun muß keiner mehr einsam sein. Jesus übersieht uns nicht, auch wenn uns vielleicht andere Menschen übersehen. Er weiß um unseren Kummer. Er kennt uns besser als wir selbst. Und er hat die Macht, uns zu helfen, unsere Situation zu verändern und vor allen Dingen unsere Schuld zu vergeben.
Auch den Kranken in unserer Geschichte hat er entdeckt. Er übersah ihn nicht. Jesus sah ihn liegen. Und erkannte die Tiefe seiner Not. Jesus ließ ihn nicht liegen. Sondern er kümmert sich um ihn.
"Willst du gesund werden?" so fragt er ihn.
Merkwürdige Frage: "Willst du gesund werden?" Welcher Kranke will denn nicht gesund werden? Aber diese Frage ist nicht überflüssig. Es ist ja nicht selbstverständlich, daß Menschen sich helfen lassen, geschweige denn, daß sie sich von Jesus helfen lassen. Denn er hat auch bestimmte Vorstellungen, wie er uns helfen will.
Und so frage ich nun einen jeden von uns: Willst du, daß Jesus dir hilft? Willst du das wirklich? Und zwar so, wie er es will? Jesus möchte nicht nur an den Symptomen unserer Not herumdoktern. Sondern er will die Ursachen angehen. Viele wollen sich gerne von Gott helfen lassen. Dazu ist er ja da, meinen sie. Aber ansonsten soll er sie und ihre Lebensführung schön in Ruhe lassen.
Bei dieser Art von Hilfe spielt Jesus nicht mit. Er ist nicht nur an unserer Oberfläche interessiert, Nicht nur sie soll intakt werden. Sondern vor allen Dingen will er, was darunter liegt heilen. In unserem Inneren, in unserem Herzen, liegen unsere eigentlichen Probleme verborgen. Tief in uns steckt die Sünde, tiefer als wir sie wahrhaben wollen. Sie bestimmt letzten Endes unser Denken, unser Handeln. Sie führt uns auch ins Verderben. Ein Leben in der Sünde macht sich nie bezahlt. Es läßt mich leer und befriedigt mich nicht. Und es macht mich einsam.
Wenn ich nun frage: "Willst du, daß Jesus dir hilft?" so meine ich: Willst du nicht nur, daß er dich glücklich macht, daß er dich gesund macht, daß er dir auf der Arbeit oder in der Schule hilft, daß er dir einen Freund oder eine Freundin gibt? Sondern willst du auch, daß er dir auch deine Schuld vergibt und daß er als dein Herr dein Leben bestimmt? Nur an einer so umfassenden Hilfe für dich ist Jesus interessiert. Alles andere sind für ihn nur halbe Sachen.
Denken wir an den Kranken in unserem Predigtabschnitt. Jesus macht ihn gesund. Doch die Geschichte ging noch weiter. Jesus trifft ihn im Tempel wieder und gibt ihm einen wichtigen Ratschlag: "Sündige nicht mehr, damit du nicht etwas Schlimmeres als deine Krankheit erlebst." Der äußeren Heilung soll also eine innere Heilung folgen. Ansonsten bleibt der Geheilte doch krank und muß in alle Ewigkeit die Folgen eines Lebens ohne Gott tragen.
Willst du, daß Jesus dir hilft? Dann steh so wie der Kranke auf! D. h. vertraue doch, daß Jesus deine Lage ändern kann. Du brauchst nicht liegen bleiben, brauchst nicht resignieren, wie es dir auch geht. Er kann dir helfen und wird es auch tun. Du brauchst ihm nur zu vertrauen!
Und wenn dir gar nichts fehlt? Wenn es dir gut geht? Dann brauchst du auf jeden Fall Jesus, daß er dir deine Schuld vergibt. Denn ob du dich sauwohl in deiner Haut fühlst oder hundeelend, - ohne Vergebung und ohne eine Leben mit Jesus zu führen kommst du einmal nicht bei Gott in der Ewigkeit an.
Aber mit ihm hast du einen, der immer auf deiner Seite ist, mit dem du nie allein bist, auch wenn du keinen Menschen hast, der dir zuhört und mit dir redet. Denn er hat es denen versprochen, die ihm vertrauen: "Ich bin immer und überall bei euch, bis an das Ende dieser Welt!" Das sind keine leeren Worte, von denen ich nichts habe. Immer wieder kann ich seine Gegenwart spüren, vor allen Dingen, wenn er mit mir redet, in der Bibel oder in einer Predigt. Du mußt nicht mehr an dir und deiner Not zerbrechen. Du mußt nicht mehr an deiner Schuld und deinem Jammer zugrunde gehen. Er ist da, der gesagt hat: "Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen!"
Jeder von uns kann seine Nähe erfahren. Er braucht nur eines zu tun. Er braucht nur Jesus alles zu sagen, was sein Leben verdorben hat, alle seine Sünde und Schuld, ihn um Vergebung bitten und ihn auch bitten, daß er nun sein Leben bestimmt. Jesus erhört so eine Bitte und kommt zu so einem Menschen als einer, der sein Leben verändert.
Die Einsamkeit des Menschen wirkt lähmend und unfroh. Die Gemeinschaft mit Christus setzt dagegen völlig neue Kräfte frei. Das ist wie bei der Kernspaltung des Atoms. Da werden auch aus den kleinsten Teilchen ungeheure Energien freigesetzt. So ist es auch in der Begegnung mit diesem Herrn.
Wenn Er erst einmal an unseren Kern herangekommen ist und uns bearbeiten kann, dann setzt Er auch bei uns Kräfte frei, die wir bis dahin gar nicht in uns vermutet haben.
Der Mittelpunkt meines Lebens ist nun nicht mehr das eigene Ich. Es dreht sich nicht mehr oder nicht nur um meine eigenen Bedürfnisse und Nöte. Sondern ich sehe um mich herum auch andere Menschen mit ihren Nöten und ihren Schwierigkeiten. Und ich will nun ihnen auch helfen.
Sicher können dies auch Nichtchristen tun. Auch sie können erstaunlich selbstlos handeln und mit ihrem sozialem Engagement Christen beschämen. Aber nur Christen wissen um die Adresse, bei der alle Not dieser Welt gut aufgehoben ist: Jesus Christus. Sie können anderen erzählen, wie er ihnen geholfen hat, wie er ihr Leben verändert hat. Und das ist der größte Liebesdienst, den sie an anderen tun können, daß sie auf Jesus Christus hinweisen und zu einem Leben mit ihm einladen. Genau das tat ja auch der Kranke in unserer Geschichte: Er erzählt seinen Mitmenschen von Jesus, der ihn geheilt hat.
Darüber hinaus können sie auch andere von der Liebe Christi etwas spüren lassen, die sie selber erfahren haben. Sie können sie so behandeln, wie sie selber von Jesus behandelt wurden: mit Freundlichkeit, mit Hilfsbereitschaft, mit der Bereitschaft zum Vergeben.
Wenn ich so handeln kann, den anderen mit der Liebe Christi wiederlieben, dann ist auch die Macht der Einsamkeit gebrochen. Denn dann warte ich nicht mehr darauf, daß sich die anderen um mich kümmern, daß sie den ersten Schritt auf mich zugehen, daß endlich jemand den Wert meiner Persönlichkeit schätzt. Da kann ich oft lange warten! Nein, mit Christus schaffe ich es, mich selber um andere zu kümmern und den ersten Schritt auf sie zuzugehen. Und dann bin ich auch nicht einsam.
Dabei werde ich auch erfahren, daß ich selbst nicht nur geben muß sondern auch nehmen darf. Andere Christen um mich herum werden auch auf mich zugehen. In einer Gemeinschaft von Christen brauchst du nicht einsam zu sein. Und wenn wir es trotzdem noch sind, dann dürfen wir auch Jesus um Menschen bitten, die mich verstehen und mit denen ich mich austauschen kann. Zur rechten Zeit und am rechten Ort werde ich sie kennenlernen. Ganz gewiß.

Amen

(c) Dieter Opitz, Bayreuth