Ich will so bleiben wie ich bin!, Predigt vom 17.11.99

Ja, wie kann man sie loswerden? Eine Antwort gibt uns ein Wort aus dem 1. Johannesbrief, Kapitel 1, Vers 7: "Das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde." Im Altertum hatte man die Vorstellung, daß die Seele eines Menschen dunkle Flecken bekommt, wenn er etwas Böses oder Unrechtes tut. Daß eine Seele wirklich dunkle Flecken bekommt, mag man mit Recht bezweifeln. Daß aber Fehler und Unrecht ein Leben finster machen, ist zweifellos richtig. Wir alle haben unsere dunklen Punkte in unserer Vergangenheit, etwas Unrechtes und Ungutes in unserer Vergangenheit. Vielleicht meinen wir, sie zählen nicht, weil nur wir selber über sie Bescheid wissen. Aber sie machen unser Leben finster. Wir möchten gerne rein und unschuldig dastehen. Aber da gibt es die schwarzen Flecken auf unsrer weißen Weste. Jeder hat diese schwarzen Flecken. Nur, wie werde ich sie los? Sicher nicht so, wie wir es in unsrem Anspiel gesehen haben. Wir können mit unseren schwarzen Flecken angeben. Aber dadurch werden wir sie nicht los. Wir können sie wegdiskutieren oder die Schuld auf andere schieben. Aber auf diese Weise verlieren wir auch nicht die dunklen Flecken unsrer Schuld.

Auch unsere guten Taten sind kein wirksames Reinigungsmittel. Wir können Schuld nicht wieder gut machen. Wir können uns auch nicht selber reinigen. Dazu sind die Flecken der Schuld zu tief eingedrungen. Hast du schon einmal versucht, Kohle zu waschen? Bis sie weiß wurde? Du kannst noch so viel Wasser und Seife nehmen. Es nützt nichts. Auch der "Weiße Riese" ist machtlos gegen das Schwarz der Kohle. Es gibt keinen Kohlespezialreiniger. Man kann Kohle nicht weiß waschen. Aber es gibt doch ein Mittel, um die Farbe von Kohle zu ändern. Man muß sie ins Feuer legen. Dann glüht sie rot und bei noch höheren Temperaturen sogar weiß auf. Genau so ist es auch mit den Flecken unserer Schuld. Oberflächliche Reinigungsversuche helfen nicht. ES muß eine starke Kraft an uns und in uns wirken, die fähig ist unser Leben zu verändern. So wie das Feuer die Kohle verwandelt., so muß diese Kraft unser Leben verwandeln. Johannes schreibt: Diese Kraft ist das Blut Jesu. Es macht uns rein von aller Sünde. Man muß diese Aussage natürlich richtig verstehen. "Im Blut ist das Leben." heißt es im Alten Testament (3. Mose17,11).Schuld konnte nur vergeben werden, wenn Blut floß, wenn ein unschuldiges Opfertier sein Leben hingab. Das war schon ein Hinweis auf das, von dem wir im Neuen Testament lesen. Da hat der unschuldige Sohn Gottes sein Leben geopfert. Sein Blut floß am Kreuz, damit uns vergeben werden konnte. Viele halten diese Redeweise für primitiv. Sie meinen: Gott sei doch kein grausamer Götze, der Blut sehen will, damit er vergeben könne. Gott ist nicht grausam, aber gerecht. Die Todesstrafe, die wir wegen unserer Schuld verdient hätten, mußte ausgesprochen werden. Aber aus Liebe zu uns nahm Jesus diese Strafe auf sich. Und dadurch geschah das Wunder: Sein Blut, d.h. sein Sterben am Kreuz macht uns rein von aller Sünde. Natürlich geschieht solche Reinigung nicht automatisch. Das beste Reinigungsmittel nützt nichts, wenn ich es nicht auch anwende. Wer sich wäscht, muß in Kauf nehmen, naß zu werden. Das ist auch manchmal unangenehm, vor allen Dingen, wenn der Schmutz schon recht tief in die Haut eingedrungen ist. Da müssen Seife, Bürste und Waschlappen ran. Machmal auch andere Reinigungsmittel. Das möchten wir uns gerne ersparen. Aber es nützt nichts, Wer richtig dreckig ist, der kann sich nicht bloß ein bißchen abstauben. Da muß eine Intensivreinigung erfolgen.

Genau so ist es auch mit unserer Schuld. Mit dem Motto "Wasch mich, aber mach mich nicht naß!" kommen wir da auch nicht weit. Die Reinigung von der Schuld hat auch etwas Unangenehmes, ja Schmerzhaftes an sich. Sie ist nämlich immer mit dem verbunden, was die Bibel Buße nennt. Buße, was heißt das überhaupt? Viele denken bei diesem Wort an etwas Niederdrückendes und Lebensfeindliches. Sie stellen sich finstere Bußprediger und zerknirschte Sünder vor. Man sieht sich in Gedanken in eine düstere Klosterzelle als Mönch oder Nonne in Sack und Asche versetzt. Deshalb ziehen auch manche den Kopf ein, wenn sie etwas hören, was nach Buße riecht, weil sie meinen, damit will ich nichts zu tun haben. Aber niemand braucht den Kopf einzuziehen, wenn er von Buße hört, jeder soll ihn vielmehr aufrecht halten. Es sagte einmal jemand: "Den Kopf hoch auch wenn der Hals dreckig ist!" Er soll ja nicht abgehauen, sondern gewaschen werden.

Das heißt Buße tun: sich waschen. Manchmal etwas sehr Unangenehmes, aber letztlich etwas Wohltuendes, nichts Niederdrückendes. Wenn man etwa nach der Gartenarbeit oder nach der Arbeit am Auto sich in die Badewanne legen kann und den Dreck von den Gliedern schrubbt, ist das doch etwas Wohltuendes. Oder wenn man nach einer Wanderung oder einer sportlichen Betätigung sich unter die Dusche stellt, ist das doch etwas Wohltuendes. Auch Reinigung von der Sünde ist keine bedrückende sondern eine befreiende Angelegenheit. Die Last soll abgenommen werden, der Druck darf verschwinden. Nur wer sich in seinem Dreck der Sünde wohlfühlt, freut sich nicht darauf. Der Theologe Schniewind sprach einmal von der "Freude der Buße". Er wies nach, daß in der Bibel das Wort "Buße" oft mit dem Wort "Freude" verbunden ist. "Also wird Freude sein über einen Sünder, der Buße tut", heißt es bei Lukas. Nach der Rückkehr des verlorenen Sohnes heißt es: "Sie fingen an, fröhlich zu sein", und feierten ein Fest. Wir können uns gar nicht genug darüber freuen, daß es diese Möglichkeit der Reinwaschung von der Sünde gibt. Ich selber besitze eine schöne Jeans, leider versaut durch Grasflecken. Kriegt auch Ariel und der Weiße Riese nicht mehr raus. Auf einem meiner Hemden befinden sich Spritzer von grüner Ölfarbe. Es ist genau das gleiche Grün, mit dem ich einmal unsere Kinderschaukel im Garten strich. Auch mit Fleckenentferner ist da nichts mehr zu machen. Mit Hemd und Hose kann ich mich in der Öffentlichkeit nicht mehr blicken lassen. Ein hoffnungsloser Fall.

Bei Gott aber gibt es keine hoffnungslosen Fälle. Auch wenn die Flecken der Sünde schon uralt sein sollten, auch wenn sie tief in unsere Seele eingedrungen sind. Bei Gott gibt es immer Hoffnung für Hoffnungslose. Er hält die Tür für einen neuen Anfang auf. Vielleicht begreifen wir jetzt, wie wenig der Begriff "Buße" ein trauriger, finsterer Begriff ist. Umkehren können - was für eine Chance! Vielleicht kann’s nur der ermessen, der einmal in seinem Leben vor einer zugeschlagenen Tür gestanden hat. Wem man einmal ins Gesicht hinein gesagt hat: "Nein, mit dir nicht mehr! Mit dir will ich nichts mehr zu tun haben. Mit dir bin ich endgültig fertig. Schluß. Aus." Hätte Gott nicht allen, so mit uns zu reden? Könnten wir uns dann beschweren? Aber er schlägt die Tür nicht zu. Er nennt zwar Sünde klar beim Namen. Aber stempelt uns nicht zu hoffnungslosen Fällen ab. Er sagt "ja" zu uns in seinem Angebot zur Umkehr. Und dieses Angebot ist praktikabel. Wir können und brauchen uns auch nicht von unserer Schuld selbst reinwaschen. Sondern wir dürfen auf das vertrauen, was uns angeboten wird: "Das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde." Das Blut Jesu, das bei seinem Sterben geflossen ist, hat reinigende, befreiende Wirkung. Sünde kann in einem Augenblick ausgelöscht sein, wenn ich an die Vergebungskraft des Sterbens Jesu glaube. Der Prophet Jesaia sagte einmal das gewaltige Wort: "Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden." Ich brauche mir nur etwas zu nehmen, nur ein Wort, nur einen Satz: Dir sind deine Sünden vergeben! Wenn wir diesen Satz glauben, dann hat das ungeheure Folgen: Dann sind uns wirklich unsere Sünden vergeben.

Diese Vergebung kann ich heute während diese Gottesdienstes erfahren. Bei der Beichte kann jeder in der Stille seine persönliche Schuld vor Gott bekennen und die Vergebung glauben, die ich ihm im Namen Jesu zuspreche. Jeder von uns darf heute unbelastet von Schuld, froh und frei diesen Gottesdienst verlassen. Er muß seine Schuld nicht mehr weiter mit sich herumschleppen. Eine noch bessere Möglichkeit, seine Schuld los zu werden, ist die Beichte unter vier Augen. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Die Möglichkeit zur Einzelbeichte ist ein Geschenk, das wir nicht hoch genug schätzen können. Sie ist auch in der Evangelischen Kirche nicht abgeschafft. Luther hat sie auch praktiziert , weil er durch sie viel Segen für sein Leben empfangen hat. Es kann ungeheuer befreiend sein, wenn mir persönlich, mit Namensnennung die Vergebung der Sünden zugesprochen wird. Es lohnt sich, wenn man den Mut findet, zu einem Seelsorger zu gehen, um Lasten abzuladen. Er braucht davor keine Angst zu haben. Denn er bekennt ja seine Sünde einem Menschen, der genauso viel gesündigt hat wie der, der zu einem rechten Seelsorger geht. Ich bin ja auch nicht besser als einer, der Schuld bekennt, und wenn sie noch so groß ist.

Und heute, beim Abendmahl, dürfen wir ja auch unsere Schuld loswerden. Am Bamberger Dom ist eine Darstellung des Jüngsten Gerichtes. In Stein gehauen. Der Gerichtsengel hält in der Hand die Waage. Auf der einen Waagschale liegen dicke Bücher, offenbar die Sündenregister. Kleine Teufelchen hängen sich an diese Schale und versuchen, sie nach unten zu ziehen. Aber sie schaffen es nicht, obwohl die andere Schale fast leer ist. In ihr steht nur ein kleiner Abendmahlskelch. Christi Blut wiegt schwerer als all unsere Sünden. Wenn wir dann nachher zum Abendmahl gehen, dürfen wir an diese Geschichte denken: Unsere Sünden wollen uns nach unten ziehen. Sie haben ein ungeheures Gewicht. Aber das Blut Jesu wiegt bei Gott viel schwerer als unsere Schuld. Wenn wir den Wein beim Abendmahl trinken, dann haben wir Anteil an dem, was Jesus am Kreuz tat. Dann ist Jesus in uns. Und mit ihm seine Vergebung. Wir sind dann vor Gott gerecht und rein. Unsere Sünde zieht uns deshalb nicht von Gott weg. Denn Jesus ist ja bei uns, ja in uns. Mit ihm kommen wir dann auch dorthin, wo Gott uns haben will: In sein wunderbares Reich, wo es einmal keine Sünde mehr geben wird, wo wir ganz rein und frei sein dürfen.

Amen

(c) Dieter Opitz, Bayreuth

(c) Dieter Opitz, Bayreuth