"Es reicht!" - Kreuz & Quer vom 23.03.2018, 4. Mose 21,4-9

Die Geschichte, die ich eben vorgelesen habe, fängt mit einem Umweg an. Das Volk Israel war auf dem Weg von Ägypten nach Kanaan. Es war ein langer Weg, es war ein beschwerlicher Weg gewesen. Hunger und Durst hat sie immer wieder begleitet. Feinde lauerten ihnen immer wieder auf. Eigenes Versagen brachte sie vom Ziel ab. Doch nun war es so weit, endlich. So schien es wenigstens. Nur noch ein paar Tagesmärsche, dann waren sie endlich am Ziel. Doch dann kam das Unerwartete. Mose, ihr Anführer, gab den Befehl: Wir dürfen nicht weiter Richtung Nordosten. Wir müssen erst wieder zurück, Richtung Südosten.
Diese Richtungsänderung machte durchaus Sinn. Die Israeliten sollten nicht das Land der Edomiter durchqueren. Die waren ihre Todfeinde. Gott wollte die Israeliten vor unnötigen Kämpfen bewahren. Doch diese strategischen Überlegungen kamen bei den Israeliten nicht an. Sie waren in diesem Moment nicht kopfgesteuert sondern eher magengesteuert.
Ich kann mir gut vorstellen, wie sie tobten, wie sie ausflippten: "Es reicht uns! Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag dieses ekelhafte Manna. Es hängt uns zum Hals raus. Und jetzt soll der Weg noch länger dauern? Wir sollen wieder in die andere Richtung? Ja, sollen wir doch noch in der Wüste sterben, verhungert und verdurstet? Es reicht!"
Was da mit den Israeliten passierte, übersetzte Luther mit: Sie waren verdrossen. Man kann auch übersetzen: sie waren ungeduldig. Wörtlich übersetzt steht hier was seltsam Klingendes: Ihr Seele wurde kurz. Das heißt, ihre seelische Kraft war aufgebraucht. Es ging ihnen die Luft aus, so wie diesem Luftballon.
(Mit einem jämmerlichen Quietschen wird die Luft aus einem Luftballon herausgelassen.) So jämmerlich wie dieser Luftballon haben die Israeliten auch geklungen.
Wir kennen das ja auch. Niemand freut sich, wenn er so ein Umleitungsschild in seinem Leben entdeckt. Im letzten Jahr gab es im Stadtgebiet von Bayreuth ja jede Menge Umleitungsschilder. Es war wirklich nervig. Überall Umleitungen. Bis zu meiner Textilreinigung wären es nur noch ein paar hundert Meter gewesen. Aber nein, statt links durfte man nur rechts abbiegen, musste durch die ganze Stadt, bei Stop and Go Verkehr, weil ja alle Autos den gleichen Umweg fahren mussten. Toll! Natürlich hatten diese Umleitungen ihren Sinn gehabt. Aber wenn du gefühlt eine Stunde mit dem Auto auf dem Hohenzollernring dahinkriechst, wenn du sonst nur fünf Minuten brauchst, dann reicht es dir halt doch irgendwann.
Wir kennen das sicher alle: Solange es uns gut geht, haben wir keine Probleme mit dem Glauben. Aber sobald es in deinem Leben Schwierigkeiten gibt, dann hapert es mit dem Vertrauen zu Gott. Dann schleicht sich in unser Herz das Misstrauen: "Meint es Gott wirklich gut mit uns?" Oder es steigt gar die Wut in uns hoch und platzt aus uns heraus: "Gott, muss das jetzt auch noch sein?"
Auch unsere Seele wird wie bei den Israeliten so schnell kurz, ihre Kraft ist so schnell aufgebraucht, und die Kraft unseres Glaubens auch.
Ich will jetzt nicht über die schwierige Frage sprechen: "Warum lässt Gott das alles zu?" Da gibt es keine grundsätzliche Antwort darauf. Wir können nicht erklären, warum zum Beispiel eine gläubige Mutter von kleinen Kindern stirbt, warum Kinder gequält und misshandelt werden und Gott tut nichts dagegen oder was an schrecklichen Unglücken oder Naturkatastrophen passiert. Das wissen wir oft nicht. Wir können nur darauf vertrauen: Gott weiß warum. Sicher: Jeder darf Gott sein Leid klagen, aber wir sollten uns hüten, Gott anzuklagen. Diese Rolle steht uns nicht zu. Es ist eher umgedreht: Gott wird einmal unser Richter sein und wir die Angeklagten.
Wir fragen schnell: "Warum lässt Gott das zu?" wenn es uns schlecht geht. Aber wer fragt das, wenn es uns gut geht: "Warum lässt Gott das zu?" Da fehlt es oft am Respekt, an der Ehrfurcht Gott gegenüber. Wer fragt schon: Warum lässt du das zu, dass ich genug zu essen und zu trinken habe, dass ich ein Dach über den Kopf habe, dass ich Arbeit oder einen Ausbildungsplatz habe, dass ich Familie habe, Eltern, Geschwister, Kinder, dass ich in einem Land lebe, in dem ich in Frieden und Freiheit lebe, dass ich immer wieder von einem Gott hören darf, der es gut mit mir meint, dass dieser Gott so oft auf meine Gebete hin mir geholfen hat. Wir nehmen das oft so selbstverständlich oder vergessen es, so wie die Israeliten es auch getan haben. Sie hatten vergessen, wie Gott sie von der Sklaverei der Ägypter befreit hatte, wie er sie durch das Rote Meer geführt hatte, wie er sie mit einer Wolkensäule am Tag und einer Feuersäule in der Nacht durch die Wüste geführt hatte, wie sie Wasser aus einem Felsen bekommen hatten, wie sie durch das Manna und einmal auch durch Wachteln immer wieder satt wurden. Das war undankbar, ja frech.
Sie verhielten sich so, wie ein Autofahrer, der immer wieder bei Rot über die Ampel fährt und es passiert nichts. Doch einmal kommt es doch zu einem selbstverschuldeten Unfall. Daneben steht ein Verkehrspolizist. Der Unfallfahrer faucht ihn an: "Wieso haben Sie den Unfall nicht verhindert? Wie konnten Sie das zulassen?" So ein Verhalten ist natürlich eine bodenlose Unverschämtheit, aber doch typisch menschlich. So kann man mit Gott umgehen: Statt dankbar zu sein, dass so vieles im Leben glatt gegangen ist, oft unverdientermaßen nichts passiert ist, klagen wir ihn an, wenn doch was Schlimmes passiert, an dem wir oft genug selber schuld dran sind.
Muss man sich wundern, wenn Gott wie in unserer Geschichte über die Israeliten zornig wird? Gottes Zorn kann man nicht mit dem Zorn von uns Menschen vergleichen. Uns platzt oft der Kragen, wenn wir uns ungerecht behandelt fühlen, dann schreien und toben wir, werden selber verletzend und ausfällig. So ist Gott nicht. Er hält viel aus. Er hat große Geduld. Immer wieder versucht er es auch im Guten mit den Menschen, die ihm ungehorsam sind.
Aber irgendwann ist das Maß voll. Irgendwann sagt er: Es reicht! Gott kann ich nicht buchstabieren wie G wie "Guter", O wie "Opa", T wie "Total" und nochmals T wie "Taub". Wir hören es nicht gern, aber in der Bibel stehen nicht nur Worte von der Liebe und der Geduld Gottes sondern auch solche Sätze wie "Irret euch nicht, Gott lässt sich nicht spotten." Oder: "Es ist schrecklich, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen. Diese Sätze stehen übrigens im Neuen nicht im Alten Testament. Gott liebt zwar den Sünder, aber er hasst die Sünde. Die Bibel redet nicht nur von der Liebe Gottes sondern auch von dem Zorn über die Sünde. Dieser Zorn ist die gerechte Antwort Gottes auf unsere Sünde. Er ist keine Überreaktion sondern immer angemessen, auch wenn es uns nicht passt.
Bei den Israeliten war es so: "Da sandte der Herr feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben." Was das nun genau für Schlangen waren, darüber streiten sich die Ausleger. Es ist auch nicht so wichtig. Entscheidend waren die Folgen: Das Schlangengift tötete viele Israeliten. Das ist die Folge der Sünde: Der Tod.
Daran hat sich bis auf den heutigen Tag nichts geändert. Die Folge der Sünde ist der Tod, und zwar der ewige Tod, das ewige Getrenntsein von Gott. Das nennt die Bibel Hölle. Nicht jedes schlimme Ereignis im Leben eines Menschen muss Zorn Gottes sein. Wir müssen uns hüten zu sagen: Das ist dem und dem passiert, weil er das und das getan hat. Da hat ihn jetzt Gott bestraft. Aber der ewige Tod wartet auf uns alle als Konsequenz der Sünde. Es sei denn wir geben uns schuldig und gehen auf das Gnadenangebot Gottes ein. Das heißt: Schau auf das Kreuz.

2. Teil

Diese furchtbare Schlangenplage zeigte bei den Israeliten Wirkung. Sie erkannten und bekannten: Wir haben gesündigt. Das will Gott auch bei uns erreichen, durch seine Liebe und durch seinen Zorn: Wir sollen zu ihm umkehren.
Nun geschieht in unserer Geschichte eine erstaunliche, um nicht zu sagen, verrückt klingende Wende. Gott macht Mose klar: Fertige eine Schlange aus Metall an. - Vermutlich war es Bronze oder Kupfer. - Dann hefte diese Schlange an eine Stange, an die man sonst nur Feldzeichen hinhängt. Und richte diese Stange mit der Schlange für alle Israeliten sichtbar auf. Jeder, der diese Schlange ansieht, so macht Gott Mose klar, der soll leben, auch wenn er gebissen wurde. Mose macht das, was Gott ihm befiehlt, und gibt diesen Auftrag an das Volk weiter.
Verrückter geht es nicht, möchte man meinen. Auf eine Schlange aus Metall schauen! Was soll denn das helfen? Viel vernünftiger wäre doch, mit den Schlangen irgendwie zu kämpfen, vor ihnen zu fliehen oder sich einfach seinem Schicksal ergeben, wenn man gebissen wurde. Aber Gott sagte es anders. Und wer ihm gehorcht, der fährt immer gut, auch wenn wir es nicht verstehen. Tatsächlich blieb der am Leben, der auf diese Schlange blickte, weil Gott es so wollte. Es klingt primitiv. Religionswissenschaftler sprechen von einem "Analogiezauber". Etwas Schlimmes wird durch etwas ähnlich Schlimmes beseitigt. Schlaue Leute mögen zu dieser Geschichte sagen, was sie wollen. Tatsache ist: Es hat funktioniert.
Die Israeliten mussten auf eine Schlange an einer Stange schauen, um nicht zu sterben. Dieses Ereignis ist ein Hinweis auf das, was hunderte von Jahren später geschah: Jesus Christus wurde nicht an eine Stange aber an ein Kreuz geheftet. Dort trug er die Sünde der ganzen Welt, auch meine und deine. Er nahm sie auf sich. Das Gift der Sünde war gewissermaßen in ihm und tötete ihn, damit wir leben können.
Klingt auch primitiv. Viele kluge Leute haben sich auch über diese Botschaft lustig gemacht. Der berühmte Theologe Rudolf Bultmann gehörte zu ihnen. So spottete er: "Welch primitive Mythologie, dass ein Mensch gewordenes Gotteswesen durch sein Blut die Sünden der Menschheit sühnt." Man kann dazu nur sagen: Auch kluge Leute können sich irren. So wie der kluge Psychoanalytiker Sigmund Freud, der einmal sagte: "Kokain fördert die Gesundheit und ein langes Leben." Oder der kluge Physiker Lord Kelvin, der äußerte: "Es ist unmöglich Flugmaschinen zu bauen, die schwerer sind als Luft." Oder der Vorsitzende der Computerfirma IBM, der mutmaßte: "Ich denke, es gibt weltweit einen Markt für 5 Computer."
So kann man sich irren. Übrigens: Dieser erwähnte Rudolf Bultmann erkannte noch vor seinem Tod seinen Irrtum und bat seine Schüler und Studenten um Vergebung für seine Theorien. Kronzeuge dafür ist sein Schüler Ernst Käsemann, der seinem Lehrer in diesem Punkt nicht folgen konnte.
Nun bleibt bis auf den heutigen Tag diese einfache aber wunderbare Wahrheit: Blicke im Glauben auf diesen gekreuzigten Christus, so wie die Israeliten auf diese Schlange an der Stange. Das heißt, glaube, dass er für deine Sünde am Kreuz gestorben ist. Dann ist sie dir vergeben. Dann bist du frei von ihr. Sie trennt dich nicht mehr von Gott. Du hast dann ewiges Leben. Das reicht. Mehr musst du nicht tun.
Ich denke an den bekannten englischen Prediger Spurgeon. Er suchte Frieden mit Gott und fand ihn nicht. Er wollte Vergebung seiner Sünden, aber wusste nicht wie. Da kam er in eine kleine Versammlung von Christen. Auf der Kanzel sprach ein einfacher Mann. Der entdeckte den jungen Spurgeon und rief ihm zu: "Junger Mann, du siehst so elend und unglücklich aus. Blicke, blicke, blicke doch auf Jesus!" In dem Moment begriff Spurgeon, was Glaube heißt: Von sich wegschauen, von seinen Sünden, von seinen Fehlern, von seinen Schwächen. Und er vollzog in diesem Moment den Glauben. Mach es doch auch so. Mach es jetzt. Und mach es immer wieder. Auch in allen anderen Schwierigkeiten, in allen Sorgen und Ängsten. Der Blick auf Jesus schenkt dir Kraft und Hilfe.
Ein persönliches Erlebnis ist mir zum Gleichnis geworden: Zweimal im Jahr gehe ich - vorbildlich! - zum Zahnarzt. Ob ihr es glaubt oder nicht: Das Schlimmste in den letzten Jahren war das Röntgen eines Zahnes. Ich musste mit einem Finger ein Plättchen an den Zahn drücken, bevor die Aufnahme gemacht werden konnte. Und ich hatte mit einem unwiderstehlichen Würgereiz zu kämpfen. Meine clevere Zahnärztin drückte mir daraufhin ein gefülltes Glas Wasser in die andere Hand und sagte mir: "Schauen Sie immer dieses Glas an. Nur dieses Glas. Und passen Sie auf, dass Sie nichts verschütten." Der Trick funktionierte. Der Würgereiz war weg, nur weil ich auf dieses Glas Wasser schaute.
Ein Blick hat mir geholfen. Der Blick auf Jesus wird dir auch helfen. Er reicht aus, damit dir deine Sünden vergeben werden. Er reicht aus, damit du deine Sorgen und Ängste wieder los wirst.
"Es reicht!" sagten die wütenden Israeliten zu Gott, als er sie einen Umweg führte. "Es reicht!" sagte zu ihnen der zornige Gott und schickte diese Giftschlangen. "Es reicht!" sagt uns drittens das Evangelium von Jesus. Es reicht, an ihn zu glauben und du bist ein Kind Gottes. Es reicht beim Abendmahl ein Schluck Wein und eine Hostie und bist deine Sünden los und Jesus lebt in dir. Nimm und iss! Nimm und trink! Einfache Worte. Eine einfache Aufforderung. Tu es! Und du nimmst den Himmel in dir auf.

Amen

© 2018 Dieter Opitz