"bet(e)andwin" - Kreuz & Quer vom 28.05.2017, Lukas 11, 5-13

Das ist schon eine merkwürdige um nicht zu sagen irre Geschichte, die Jesus hier erzählt. Um Mitternacht klopft ein Mann beim Nachbarn an der Tür. Haben Sie das schon mal gemacht? Habt ihr das schon mal gemacht? Die meisten unter uns sicherlich nicht. Um die Zeit liegt man ja normalerweise im Bett -oder sollte es tun. Wer zu nachtschlafender Zeit beim Nachbarn klingelt, der muss schon ein besonderes Problem haben. Sonst macht er das nicht.
Und so war es ja auch bei jenem Mann, von dem Jesus erzählt. Unerwarteter Besuch war gekommen, mitten in der Nacht. Klingt für uns merkwürdig. Aber so ein Besuch war zur Zeit Jesu durchaus möglich. So mancher reiste nachts, um die oft unerträgliche Hitze des Tages zu meiden. Gastfreundschaft hatte und hat im Orient einen großen Stellenwert. Klar, nun muss der Gast bewirtet werden. Etwas zu Essen und zu Trinken muss aufgetischt werden. Aber es war nichts da. Die Vorratskamme war leer. Was tun? Sagen: "Sorry, ich habe nichts zu hause. Du musst dich mit knurrenden Magen ins Bett legen oder dir ein anderes Quartier suchen."? Unmöglich! Der Besuchte geht zu seinem Freund und will von ihm drei Brote ausleihen. Doch dieser Freund will zunächst nicht. Zuviel Umstände. Zuviel Lärm, wenn man in die Vorratskammer geht und Brote herausholt. Schließlich schlafen schon die Kinder. Doch der da angeklopft hat, lässt nicht locker. Da gibt der Freund nach. Was bleibt ihm auch anderes übrig. Denn der mitternächtliche Türeklopfer lässt nicht locker. Ohne seine gewünschten Brote wäre er nicht wieder weggegangen.
Das war also die Geschichte, die Jesus erzählt hat. Dann fährt er fort: So sollt ihr beten. Klopft bei eurem himmlischen Vater und Freund an. Er wird euch auftun. Bittet ihn. Er wird euch geben. Sucht die Hilfe bei ihm. Bei ihm werdet ihr sie finden.
Theoretisch dürften uns diese Aussagen Jesu schon klar sein. Aber wie sieht die Praxis aus? Beten wir wirklich so, wie Jesus es uns hier nahelegt? Eindringlich, ja unverschämt und zuversichtlich, hartnäckig?
Sicher, wir beten, jeden Tag, hoffe ich doch. Aber doch kann es dabei zum einen an der Eindringlichkeit fehlen. Wir können routinemäßig beten, vielleicht früh am morgen. Es gehört zum Tagesablauf dazu. Aber im nächsten Moment haben wir schon wieder vergessen, was wir gebetet haben.
Woran liegt das bloß? Antwort. Es fehlt uns häufig das Bewusstsein, dass wir wirklich Hilfe brauchen, dringend Hilfe, so wie dieser nächtliche Türeklopfer. Dann würden wir anders beten. In einer ganz anderen Haltung, viel flehentlicher, viel eindringlicher. Dazu eine Geschichte:
Im Arbeitszimmer eines Pfarrers geht es heiß her. Drei Geistliche unterhalten sich über die beste Gebetshaltung. Währenddessen repariert ein Techniker vom Störungsdienst das Telefon. Der erste Pfarrer meint: „Also ich bete am besten im Knien!“ Der andere erklärt: „Und ich am besten im Stehen, die Hände nach oben erhoben!“ Der dritte sagt unwillig: „Alles Quatsch, was ihr da von euch gebt. Am Boden ausgestreckt vor Gott liegen, - das ist das einzig wahre!“ Da mischt sich der Fernmeldetechniker ein und sagt: „Also ich habe am besten gebetet, als ich einmal mit dem Kopf nach unten an einem Telefonmast hing!“
Welche äußere Haltung du beim Beten einnimmst, ist vollkommen gleichgültig, ob du in der Badewanne liegst oder am Schreibtisch sitzt, ob du unter der Dusche stehst oder dich auf dem Fahrrad abstrampelst.
Entscheidend ist die innere Haltung: ob das Gebet das Wichtigste am Tag, etwas Lebensnotwendiges ist, was deinem Leben Sinn gibt, oder ob es für mich etwas ist, was halt auch noch zum Christsein dazugehört.
Wenn wir mit dem Kopf nach unten an einem Telefonmast hängen, dann muss uns keiner von der Notwendigkeit des Betens erst überzeugen. Dann tun wir es von selbst. In so einer Situation fangen auch Menschen an zu beten, die gar nicht an Gott glauben. Anders ist es im gewöhnlichen Alltag, wenn alles so seinen Gang geht. Dann kann man leicht gebetsmüde und gebetsfaul werden. Man denkt: Es passt doch alles. Wieso soll ich denn beten? Oder man betet vielleicht, weil man es gewohnt ist. Aber es bewegen sich nur die Lippen. Und man ist gar nicht bei der Sache.
Ich denke, das ist die Erklärung für die Gebetsarmut in unserem Leben: Wir fühlen keine Not, wir fühlen uns stark. Im Grund genommen brauchen wir keinen Vater im Himmel, weil wir alles selber im Griff haben.
Dabei haben wir überhaupt nichts im Griff. Vielmehr sind wir bedroht von Mächten, die versuchen, uns in den Griff zu bekommen oder es vielleicht schon geschafft haben. Diese teuflischen Mächte versuchen uns von Gott wegzubringen. Sie versuchen, uns weiszumachen, dass es tausend Dinge gibt, die wichtiger sind als Gott sein Wort und das Reden mit ihm im Gebet. Sie verlocken uns zu gierigen und neidischen Gedanken, zu hochmütigen und abfälligen Worten über andere, zu einem Handeln, ohne vorher mit Gott darüber geredet zu haben, ob es auch recht ist, was wir tun, oder zum gleichgültigen Nichtstun, wenn uns die Not anderer Menschen begegnet. Luther soll einmal gesagt haben: Diese widergöttliche Macht würde uns, wenn sie könnte, tausendmal am Tag umbringen wollen. Sie schleicht uns nach, um uns zur Sünde zu verführen und uns den Glauben wegzunehmen. Dieses Bewusstsein, das wir absolut ungesichert leben, fehlt uns häufig. Wer kann schon sagen, dass sicher den nächsten Tag erleben wird? Ja, und das meine ich ernst: Wer kann schon sagen, dass er sicherlich am nächsten Tag noch glauben wird? Eindringlich beten können wir also nur, wenn wir uns immer wieder klar machen, in welcher Not wir, unser Glaube und auch die Menschen um uns herum jeden Tag stehen.
Das ist natürlich nicht alles. Wir können ja unsere Not spüren und beten doch nicht, sondern machen uns Sorgen, oder hören wieder auf, Gott um Hilfe anzurufen, wenn er nicht sofort hilft.
Zu unserem Trost: Die Jünger waren auch nicht besser als wir. Wir kennen ja die Geschichte von der Sturmstillung. Die Jünger überqueren mit Jesus in einem Boot den See Genezareth. Da gerieten sie in einen gewaltigen Sturm. Das Boot schlug voll Wasser und drohte zu sinken. Die Jünger geraten in Panik, wecken den schlafenden Jesus und sagen zu ihm: "Interessiert es dich nicht, dass wir hier ertrinken?" Das klingt nicht nach Vertrauen, Das klingt nicht einmal nach einem Gebet. Das klingt nach einem Vorwurf. In der Not fehlte es ihnen an Glauben. Dabei hatte Jesus ihnen zu Beginn der Überfahrt gesagt: Wir fahren jetzt ans andere Ufer. Er redete nicht davon, dass sie in der Mitte des Sees untergehen werden.
Wir fahren ans andere Ufer. Das versprach Jesus. Und er hielt sein Versprechen. Durch ein Wort brachte er den Sturm zum Schweigen.
Jesus hält alle seine Versprechen. Wenn er uns etwas versprochen hat, dann geschieht das auch, auch wenn es anders aussieht. Deshalb kann er zurecht erwarten, dass wir uns keine Sorgen machen sondern vertrauen und beten, eindringlich beten und nicht aufgeben, wenn er nicht sofort hilft.
Luther sagte einmal: „Rufen musst du lernen und nicht dasitzen bei dir selbst oder liegen auf der Bank, den Kopf hängen und schütteln und mit deinen Gedanken dich beißen und fressen. Sondern wohlauf: auf die Knie gefallen und deine Not mit Weinen vor Gott dargelegt, geklagt und angerufen.“
(In einem Lied heißt es: "Glaubt nur, Gott versteht. Denn er hört auf jedes Wort, er sieht, wie es euch geht. Macht keine großen Worte, seid ehrlich im Gebet." Wir hören dieses Lied.)

Mutig beten. Es gibt kaum einen der uns auf diesem Gebiet so ein Vorbild sein kann wie Martin Luther.
Als sein Kollege krank wurde, betete der Reformator mutig um Heilung. "Ich flehte mit Feuereifer zum Allmächtigen", schrieb er. "Ich trat ihm mit seinen eigenen Waffen entgegen und zitierte alle Verheißungen aus der Heiligen Schrift, die mir einfielen, die besagten, dass unsere Gebete erhört werden. Ich sagte ihm, er müsse meine Gebete erhören, wenn ich seinen Verheißungen auch in Zukunft Glauben schenken solle."
Ein anderes Mal war sein guter Freund Friedrich Myconius erkrankt. Luther schrieb ihm: "Ich gebiete dir im Namen Gottes zu leben, weil ich deiner noch bedarf bei meiner Arbeit, die Kirche zu reformieren. … Der Herr wird mich niemals hören lassen, dass du tot seist, sondern er wird dir erlauben, mich zu überleben. Dafür bete ich, das ist mein Wille, und möge mein Wille geschehen, denn ich trachte nur danach, dem Namen Gottes Ehre zu machen."
Beide Male wurden diese Gebet erhört. Kühne Gebet gefallen Gott offensichtlich.
Oder ich denke an eine Geschichte, die John Wesley erlebt hat. John Weseley war der Begründer der methodistischen Kirche. Er überquerte mit dem Schiff den Atlantik. Es kamen ungünstige Winde auf. Er war in seine Kabine und las, als er Unruhe an Bord bemerkte. Man sagte ihm, dass der Wind das Schiff vom Kurs abbrachte. Daraufhin betete er. Adam Clarke, sein Kollege, hörte das Gebet und schrieb es auf: "Allmächtiger und ewiger Gott, du hast die Macht über alles und alles muss deinem Willen dienen. Du hältst den Wind in deiner Hand und thronst über den Meersfluten und herrschst als König für immer. Befiehl diesem Wind und diesen Wellen, dir zu gehorchen, und bringe uns schnell und sicher in den Hafen, in den wir gelangen möchten."
Wesley stand von seinem Gebet auf, nahm sein Buch und las weiter. Dr. Clarke ging an Decke und fand dort einen sanften Wind und das Schiff auf Kurs vor. Aber Wesley verlor kein Wort über das erhörte Gebet. Clarke schrieb. "Er rechnete so sehr damit, erhört zu werden, dass es für ihn selbstverständlich war, dass Gott ihn erhört hatte."
Das sind beeindruckende Beispiele von Gebetserhörungen, mag nun einer einwenden. Bei mir funktioniert das nicht. So mutig konnte ein Luther oder ein Wesley beten. Ich nicht.
Ich verstehe solche Gedanken. Aber sie sind falsch. Gott erhörte Gebete von kleinen Kindern. Er erhörte Gebete von ganz gewöhnlichen Menschen wie ich einer bin.
Vielleicht zögern wir, so herausfordernd wie Luther zu beten. Vielleicht haben wir Angst davor, zu frech zu beten. Und vielleicht ist das auch ein Zeichen von Demut. Aber es ist wohl eher ein Zeichen von Kleinglauben und Unglauben. Wir haben doch einen großen Gott. Dann dürfen wir ihm nicht nur kleine sondern auch große Dinge zutrauen.
Wir dürfen es doch so machen wie der nächtliche Gast, von dem Jesus erzählt hat. Wir dürfen mutig bei ihm im Gebet anklopfen. Er wird uns die Tür auftun. Wir dürfen das tun, auch wenn wir denken: Wir haben doch keinen Anspruch darauf, dass Gott unser Gebet erhört. Niemand hat einen Anspruch darauf, und Gott hört doch, weil er nicht auf unseren Anspruch schaut sondern auf unsere Bedürftigkeit. Er ist unser Vater und Freund, der uns nicht im Stich lässt, wenn wir um Hilfe bitten.
Er wird uns geben, was wir brauchen, auch wenn die Hilfe mit Schwierigkeiten verbunden oder menschlich gesehen unmöglich ist. Wenn wir im Gebet nicht nachlassen, wird uns geholfen werden.
Wichtig beim Beten ist das Vertrauen, das ein Kind seinem Vater gegenüber hat. Wenn ein Sohn, so sagt Jesus, seinen Vater um einen Fisch bittet, so wird er ihm doch nicht eine Schlange geben, oder wenn er ihn um ein Ei bittet, keinen Skorpion anbieten. So wird uns auch Gott nichts Schädliches oder Verkehrtes sondern nur Gutes, ja sein Bestes schenken. Auch wenn es so aussieht, dass er uns auf unser Gebet hin Schlechtes statt Gutem gegeben hat, so hat dies ganz gewiss seine Gründe. Luther sagte einmal: "Wenn nicht geschehen wird, was wir wollen, wird geschehen, was besser ist." Gott weiß ja selber am besten, was gut für uns ist, besser als wir selbst. Wenn er uns nun Wünsche verweigert, dann oft nur deshalb, weil eine Erfüllung nicht gut für uns wäre.
Aber um bestimmte Dinge dürfen ganz sicher sehr kühn bitten. Dazu gehören die sieben Bitten des Vaterunsers. Diese Bitten wird Gott erhören, ganz gewiss. Und auch um die größte Gabe, die Gott hat, dürfen wir bitten. Das ist sein Heiliger Geist. Wer darum bittet, der wird ihn bekommen. Und wer kann sagen, er braucht diesen Heiligen Geist nicht? Wir brauchen doch alle die neun Früchte des Heiligen Geistes, von denen Paulus im Galaterbrief spricht: göttliche Liebe, Freundlichkeit, Freude, Geduld, Friede, Güte, Treue, Sanftmut und Reinheit.
Grundsätzlich hat jeder Christ diesen Heiligen Geist und die Anlagen für diese Früchte, gewissermaßen als Samen, der in sie gesät ist. Jeder Christ, der die Vergebung seiner Sünden erfahren hat, der glaubt, dass Jesus sein Herr ist, hat diesen Geist.
Doch das ist erst der Anfang. Das zarte Pflänzlein des Glaubens muss auch gehegt und gepflegt werden. Sonst geht es wieder ein. Auch im Leben eines Glaubenden gibt es Unkraut und Dürre, die den Glauben wieder zerstören wollen. Die unheiligen Geister, die ja auch noch im Leben eines Christen oft sehr unangenehm wirksam da sind, geben nicht so schnell auf. Es kann sogar so schlimm werden, dass er denkt, er hat gar keinen Heiligen Geist, hat sich die Erfahrung der Liebe Gottes vielleicht nur eingebildet.
Wenn du diesen Eindruck von dir hast, dann tu bitte eines: Danke dafür, dass du, gerade du, den Geist Gottes hast, auch wenn du es nicht merkst. Und bitte um mehr Heiligen Geist, bitte darum, dass seine Früchte in dir wachsen und glaube auch, dass es geschieht. Gott wird dir diese Bitte erfüllen. Sicher.
Glaube den Worten, die Jesus gesagt hat: "Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten."

Amen

© 2017 Dieter Opitz