"Jesus sucht KEINEN Superstar" - Kreuz & Quer vom 13.04.2017, Markus 14, 17-26

Ein Vorstellungsgespräch bei einer Firma oder Betrieb. Auch der unter euch, der noch so ein Gespräch mit dem Personalchef führen musste, kann sich sicher in etwa vorstellen, wie so ein Gespräch verläuft. Der Personalchef will herausbekommen: Passt er zu unserer Firma? Ist er entsprechend qualifiziert? Ist er motiviert? Ist er tüchtig? Und der Bewerber versucht natürlich sich von seiner besten Seite zu zeigen.
Aber das Bewerbungsgespräch, das wir eben gesehen haben, verlief ganz anders. Der Personalchef wollte nur spielen. Denn er war gar kein echter Personalchef sondern ein Junge, der gerne spielt. Und der arme Bewerber musste wohl oder übel mitspielen. Schließlich wollte er den Job.
Und Jesus? Welche Leute sucht Jesus? Nette, freundliche, charakterfeste, ehrliche, tüchtige Leute? Fromme Superstars? Die zwar nicht unbedingt gut singen müssen wie bei "Deutschland sucht den Superstar" aber doch Leute, die alles das tun, was Gott von ihnen will?
Nein, es ist ganz anders. Jesus sucht keinen Superstar. Ich lese dazu eine Geschichte vor. Sie steht in Markus 14, Vers 17 bis 26.

17 Am Abend kam Jesus mit den zwölf Jüngern.
18 Beim Essen erklärte er ihnen: »Ich versichere euch: Einer von euch, der jetzt mit mir isst, wird mich verraten!«
19 Bestürzt fragte einer nach dem andern: »Du meinst doch nicht etwa mich?«
20 Jesus antwortete: »Es ist einer von euch zwölf, der mit mir das Brot in die Schüssel getaucht hat.
21 Der Menschensohn muss zwar sein Leben lassen, wie es in der Heiligen Schrift vorausgesagt ist; aber wehe dem, der ihn verrät! Dieser Mensch wäre besser nie geboren worden.«
22 Während sie aßen, nahm Jesus ein Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot in Stücke und gab es ihnen mit den Worten: »Nehmt und esst! Das ist mein Leib.«
23 Anschließend nahm er einen Becher Wein, dankte Gott und reichte ihn seinen Jüngern. Sie tranken alle daraus.
24 Jesus sagte: »Das ist mein Blut, mit dem der neue Bund zwischen Gott und den Menschen besiegelt wird. Es wird zur Vergebung ihrer Sünden vergossen.
25 Ich versichere euch: Von jetzt an werde ich keinen Wein mehr trinken, bis ich ihn wieder in Gottes Reich trinken werde.«
26 Nachdem sie das Danklied gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg.

Jesus kündigt den Verrat an. Diese Aussage muss wie eine Bombe bei den versammelten Jüngern eingeschlagen haben. Jesus lässt keinen Zweifel an seinen Worten. Er ist sich hundertprozentig sicher: Einer, der mit ihm am Tisch sitzt, wird ihn seinen Feinden ausliefern. Seinen Namen nennt Jesus nicht. Die Jünger sind verwirrt. Sie sind geschockt. Sollte das möglich sein? Einer von ihnen?
Aber sie tun eines nicht, erstaunlicherweise. Sie beschuldigen sich nicht gegenseitig. Sie regen sich nicht auf. Sie werden nicht zornig. Sie fragen sich nicht empört: "Wer ist denn dieser Verräter? Wem könnte man so eine Tat zutrauen?"
Anscheinend haben sie in der langjährigen Gemeinschaft mit Jesus etwas Entscheidendes begriffen. Sie haben gemerkt und erkannt: Das Böse ist nicht beim anderen zu finden. Sondern bei ihnen selbst. Sie waren so eingestellt wie jener Richter, der einmal gesagt hat: "Ich habe es nur der Gnade Gottes zu verdanken, dass ich hinter und nicht vor den Schranken des Gerichtes sitzen darf." Jesus hat es den Jüngern einmal deutlich gesagt: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet." Das taten sie nicht. Sondern sie prüften sich selbst, ob nicht auch sie zu so einer abscheulichen Tat wie dem Verrat des Herrn Jesus fähig sind. Sie prüften ihr Herz und erkannten: Da ist nichts Gutes drin. Sie wären zu allem fähig, auch zu den schlimmsten Sünden.
Die Jünger waren auch Menschen mit ihren Fehlern und Schwächen. Ein Thomas war voller Zweifel und Skepsis. Johannes und Jakobus hätten kein Mitleid mit den Bewohnern eines Dorfes gehabt. Sie hätten Feuer vom Himmel auf sie herabregnen lassen, weil sie Jesus und seine Jünger nicht als Gäste aufnahmen. Ein Petrus war sehr großspurig mit seinen Worten. Aber als es darum ging, sich zu Jesus zu bekennen, versagte er. Und da ist natürlich Judas, der Geldgierige. Scheinheilig macht er beim Abendmahl mit. Doch Stunden später lieferte er Jesus seinen Feinden aus.
Sie alle, bis auf Judas, waren in der Nähe ihres Herrn nicht zu Heiligen geworden, zu frommen Superstars, sondern zu armen Sündern, die nichts, aber auch gar nichts hatten, worauf sie hätten stolz sein können. Sie konnten zwar wie Jesus die gleichen Wunder tun. Aber sie wussten, diese großen Taten Gottes geschahen nicht aus eigener Kraft sondern nur durch ihn, durch Jesus.
Wir hören in den Medien oft von schlimmen Taten und abscheulichen Verbrechen. Und wir neigen dazu, zu denken oder zu sagen: "Wie kann denn der oder die nur so etwas tun?" Müssten wir nicht ehrlicher bekennen: Auch ich wäre so solchen Taten unter bestimmten Umständen, wenn ich vielleicht in anderen Verhältnissen aufgewachsen wäre, fähig gewesen?
Gerade solchen Sündern wie den Jüngern gilt nun die Liebe Jesu. Sie gilt einem Thomas, einem Jakobus, einem Johannes, einem Petrus und sogar einem Judas. Es ist geradezu unglaublich, wie Jesus sich ihm gegenüber verhält. Seine überaus gemeine Tat provoziert geradezu bei Jesus eine noch größere Liebe.
Beim Evangelisten Johannes wird genauer erzählt, was Jesus nun getan hat. Petrus beugt sich zu Johannes und flüstert ihm zu: "Frage doch den Meister, wer ihn verrät!" Johannes beugt sich zu Jesus und gibt ihm die Frage von Petrus weiter. Als Antwort erhält er: "Der ist es, dem ich den Bissen eintauche und gebe." Die anderen Jünger werden wohl von diesem Wortwechsel nichts mitbekommen haben. Nun bricht Jesus ein Stück Brot ab, taucht es in die Schüssel und gibt es dem Judas in den Mund. Im Orient machte das damals der Gastgeber mit seinem Ehrengast. So behandelt also Jesus den Judas: Wie einen Ehrengast!
In diesem Augenblick erkennt Judas: "Er weiß alles. Alles! Er weiß um meine heimlichen Gänge zu seinen Feinden. Er weiß, dass ich ihn nicht mehr lieb habe sondern ihn hasse. Er weiß meinen Verrat. Er weiß alles." Judas sieht sich entlarvt. Aber das andere sieht er nicht: Er ist und bleibt trotzdem von Jesus geliebt.
Jesus macht auch ihm, dem Verräter Judas, ein letztes Angebot seiner Liebe. Aber er nimmt es nicht an. Er hätte es übrigens tun können. Judas spielte zwar eine - wenn auch unrühmliche - Rolle im Plan Gottes. Sein Verrat führte ja dazu, dass Jesus am Kreuz für unsere Sünden starb. Aber Judas wurde dazu nicht gezwungen. Es war seine freie Entscheidung.
Judas musste Jesus nicht verraten. Er hätte seinen bösen Plan nicht durchführen müssen. Aber er wollte nicht. Er wollte von der Liebe Jesu, dem letzten Angebot der Vergebung, nichts wissen. Denn er war zu stolz, wie alle falschen Frommen.
Stolze Fromme können keine Gemeinschaft haben. Stolze Fromme schließen sich selber von der Gemeinschaft der Sünder aus, so wie Judas, ohne Vergebung empfangen zu haben und Vergebung weiterzugeben.
Ich denke an so einen stolzen Frommen. Er war wie sein Bruder ein geachteter Mann in einer Gemeinde. Trotzdem waren sie völlig zerstritten. Nun lag sein Bruder im Sterben. Und er bittet über den Pfarrer seinen Verwandten um Vergebung. "Ich habe nicht mehr viel Zeit", lässt er ausrichten. Sein Bruder lässt ungerührt antworten: "Ich habe noch viel Zeit." Fromm, aber eiskalt, nichts begriffen, nicht begriffen, das Jesus Sünder annimmt, keine Superstars, Sünder, die Vergebung weitergeben können, weil sie selber Vergebung erfahren haben.
Jesus öffnet dem die Tür, der als Sünder zu ihm kommt. Das kommt sogar beim Hofzeremoniell der Habsburger zum Ausdruck. Wenn ein Angehöriger dieser österreichischen Kaiserfamilie stirbt, dann kommt es bei der Beerdigung zu einem merkwürdigen Dialog.
Wir hören und sehen diesen Dialog. Er wurde bei der Beerdigung der letzten österreichischen Kaiserin Zita gesprochen.
(Film)
Frömmigkeit, Leistungen, Titel zählen einmal nicht bei Jesus, auch nicht die über 50 Titel einer österreichischen Kaiserin. Er öffnet mir dann die Tür, wenn ich sterblicher und sündiger Mensch zu ihm komme.
Wir hören das Lied: "Ich komme zu dir, Herr."
Teil 2
Bonhoeffer schrieb einmal von einem großen Problem der Frommen: "Es ist aber die Gnade des Evangeliums, die für den Frommen so schwer zu begreifen ist, dass es uns in die Wahrheit stellt und sagt: du bist ein Sünder, ein großer heilloser Sünder, und nun komm als dieser Sünder, der du bist, zu deinem Gott, der dich liebt. Er will dich so, wie du bist, er will nicht irgendetwas von dir, ein Opfer, ein Werk, sondern er will allein dich. 'Gib mir mein Sohn, dein Herz.' Gott ist zu dir gekommen, um den Sünder fröhlich zu machen. Freue dich! Diese Botschaft ist Befreiung durch Wahrheit."
Judas gab Jesus nicht sein Herz. Er gab es dem Satan. Das ist der tödliche Ernst in dieser Geschichte. Es gibt Gnade, es gibt Vergebung auch für die schlimmsten Sünden. Aber wenn Gnade ausgeschlagen wird, dann muss der Betreffende auch die Konsequenzen tragen. Dafür verwendet die Bibel den Begriff Hölle. Gott schließt keinen Menschen einmal vom Himmel aus. Aber man kann sich selber ausschließen.
Der Schriftsteller und Literaturprofessor C.S. Lewis hat es so formuliert: "Am Ende wird es zwei Gruppen von Menschen geben - jene, die zu Gott sagen: 'Dein Wille geschehe', und jene, zu denen Gott sagt: 'Dein Wille geschehe'."
Gottes Reich ist ein Reich der Liebe. Liebe zwingt nicht. Im Himmel werden einmal nur Freiwillige, keine Zwangsverpflichteten sein. Man kann diese Liebe ausschlagen. Aber Jesus will, dass man sie annimmt, dass auch du sie annimmst.
Ein paar Stunden nach dem Abendmahl wird Jesus von Soldaten gefangen genommen. Judas hat diese Soldaten in den Garten Gethsemane gebracht. Jesus sagt zu diesem Verräter: "Mein Freund!" Das war keine hohle Phrase. Jesus meinte es so, wie er es sagte. Sogar zu diesem Verräter sagte er: "Trotz deines furchtbaren Tuns bin ich dein Freund. Ich hab dich auch lieb. Ich trenne mich nicht von dir. Aber du trennst dich von mir."
"Ich hab dich lieb." Das spricht Jesus auch jetzt in dieser Stunde zu dir. Jesus liebt dich. Er trennt sich nicht von dir. Sondern er sagt auch zu dir: "Ich bin dein Freund." Auch wenn du die schlimmste Sünde getan hättest, die schmutzigste, die grauenvollste, die unverzeihlichste, Jesus spricht trotzdem zu dir: "Ich bin dein Freund. Auch wenn du dich von mir entfernt hast, wenn du soweit weg bist wie die Erde von der Sonne, ich bin und bleibe dein Freund. Ich habe dich lieb!"
Auch heute in der Beichte und im Abendmahl begegnet dir die Liebe Jesu. Das darfst du glauben, das darfst du annehmen. Diese Liebe darfst du dir schenken lassen.
Vielleicht verzeihst du dir selber nicht, was du getan hast. Aber Jesus verzeiht dir. Er liebt dich trotzdem. Er liebt dich wegen deiner Schuld nicht weniger sondern noch viel mehr. Lass dich von diesem Herrn und Heiland Jesus Christus lieben!
Er ist dein Freund. Du hast einen wunderbaren Freund, den besten Freund, den du dir überhaupt vorstellen kannst. Er bietet dir seine Freundschaft an, seine Liebe, seine Hilfe, seine Treue.
Er bietet dir alles an, was dir einer anbieten kann. Er bietet sich selbst an, in Brot und Wein. Da darfst du ihn zu dir nehmen, in dich hinein nehmen. An Karfreitag hat er für dich sein Leben gelassen, für dich, damit du begreifst: Ich habe einen wunderbaren Freund. Der tut für mich alles, wirklich alles, um mir das zu geben, was ich brauche. Und jetzt beim Abendmahl schenkt er dir das, was damals am Kreuz geschah. Da darfst du es persönlich für dich nehmen.
Wir blicken beim Abendmahl also zurück auf das, was Jesus am Kreuz für uns getan hat. "Das tut zu meinem Gedächtnis" heißt es in den Einsetzungsworten, die bei jeder Abendmahlsfeier gesprochen oder gesungen werden. Dankbar erinnern wir uns daran, dass Jesus für unsere Sünde am Kreuz gestorben ist.
Aber wir blicken beim Abendmahl auch nach vorne. Das Abendmahl ist nur ein Vorgeschmack auf das, was auf uns wartet. Brot und Wein sind nur eine Vorspeise für die Ewigkeit. Im Himmel wartet auf uns eine noch viel schönere und wunderbarere Feier auf uns, ein Fest, wie es nicht großartiger sein kann. Für diese Himmelsparty will uns das Abendmahl den Appetit wecken. So hat jedes Abendmahl nicht nur etwas mit Erfüllung sondern auch mit Sehnsucht und Vorfreude zu tun, Vorfreude auf den Himmel, Vorfreude auf Jesus, den wir dort sehen dürfen.
Bei den ersten Christen kam bei der Abendmahlsfeier der aramäische Ruf "Maranatha" vor. Das heißt auf deutsch: "Unser Herr, komm!" Gemeint ist, dass er sichtbar kommen soll, bei seiner Wiederkunft.
Das wollen wir auch heute bei dieser Abendmahlsfeier beten: Komm Herr Jesus. Komm jetzt zu uns. Und komm auch zu uns, wenn du wiederkommst oder wenn wir in der Ewigkeit bei dir sind.
Er erhört diese Bitte. Wir dürfen etwas vom Himmel heute Abend spüren, wenn wir Brot und Wein zu uns nehmen. Und in der Ewigkeit dürfen wir nicht nur etwas vom Himmel sondern den ganzen Himmel haben. Einmal Jesus ganz nahe sein, darauf dürfen wir uns freuen.

 

Amen

© 2017 Dieter Opitz