Rache ist `ne Sache!

Ein älterer Herr, schon im Metallzeitalter- Silber im Haar, Gold im Mund und Blei in den Knien, versucht vergeblich, mit seinem großen Auto in eine kleine Parklücke zu gelangen. Er probiert es vorwärts, dann rückwärts. Aber der Wagen ist zu groß, die Lücke zu klein. Da kommt ein junger Kerl mit einem schneidigen Sportwagen, saust in die Lücke, steigt aus und sagt zu dem alten Herrn: "Jung und flott muß man sein!" Im älteren Herrn beginnt es zu kochen. Er steigt in seinen Wagen, fährt dem Sportwagen in der Lücke voll in die Seite, steigt aus und sagt bissig: "Alt und reich muß man sein!"

So geht´s in der Welt zu. Eine Schweinerei wird mit einer anderen beantwortet. Der eine schnappt mir die Parklücke weg, der andere beschädigt dafür mein Auto. Um es in dieser Welt zu etwas zu bringen, muß man seine Ellenbogen ausfahren, sich nichts gefallen lassen und es mit der Nächstenliebe nicht gar so genau nehmen. Und der gilt als dumm, der anständig leben will, ohne – zumindest gelegentlich – Lug und Trug. Deshalb sangen auch die "Prinzen" vor Jahren dieses Lied: " Du mußt ein Schwein sein ...... Du mußt gemein sein....."

Joseph, von dem wir gerade im Predigtabschnitt gehört haben, dachte nicht so. Erstaunlicherweise. Denn die Gelegenheit war günstig, es seinen Brüdern heimzuzahlen. Offensichtlich rechneten sie selbst damit, daß er so handeln würde. Angstschlotternd standen sie vor ihm. Ihr gemeinsamer Vater Jakob war tot, soeben begraben. Die 11 Brüder lebten zwar nun schon eine Weile in Ägypten. Und ihr Bruder Joseph hatte sich nicht an ihnen für ihre Gemeinheiten an ihm gerächt. Aber vielleicht, so dachten sie, nur deshalb, weil ihr Vater noch lebte. Aber der war jetzt tot.

Da stiegen die alten Lumpereien, die schon Jahrzehnte zurücklagen, in ihnen wieder hoch. Sie hatten Joseph nicht leiden können, diesen verwöhnten Lieblingssohn ihres Vaters. Sie mußten das Vieh hüten, und er durfte daheim beim Vater bleiben. Dieser Petzer verriet jeden Streit dem Vater und bekam noch einen Maßanzug dazu, während sie mit ihren abgewetzten Klamotten herumlaufen durften. Als Papas Liebling mit seinen irren Träumen noch angab, reichte es ihnen. Sie zogen ihm sein vornehmes Fräckchen aus, seilten ihn in ein Schmutzloch ab und verschacherten ihn wenig später an ismaelitische Sklavenhändler. Endlich hatten sie ihren Bruder los – aber auch ihre Ruhe. Schuld bekommt man nicht los. Schuld maschiert immer mit. Schuld verjährt nie.

Die Brüder Josephs waren ganz schön gemein, nicht wahr? Und du? Vielleicht hast du noch keinem seinen feinen Anzug vom Leib gerissen, aber dich an seiner Ehre vergriffen. Vielleicht hast du noch niemand in ein Schmutzloch geworfen, aber einen verraten und verkauft. Ich frage nur: War bei dir alles recht und richtig? Oder gibt’s auch bei dir eine unbewältigte Vergangenheit? Die Schwächen anderer ausnützen, das liegt uns ja wohl allen im Blut: Lehrer fertigmachen, oder Untergebene und Kollegen, hinter dem Rücken anderer herziehen, Menschen ausnützen, wie Kinder ihre gutmütigen Eltern oder angebliche Freunde ihre Freundinnen und dazu vielleicht noch denken: "Die anderen sind doch selbst schuld, wenn sie so mit sich umgehen lassen!" Man hat trotzdem ein gutes Gewissen, setzt sich vielleicht seelenruhig in einen Gottesdienst und markiert den frommen Musterknaben. Jedes Schuldversteckspiel hört irgendwann einmal auf. Und es ist gut, wenn dies geschieht, solange wir leben. Dann kann nämlich die Vergangenheit bereinigt und Schuld vergeben werden. Nach dem Tod geht das nicht mehr. Dann bekommen wir die Endabrechnung Gottes serviert. Die Brüder Josephs machten, als ihre Schuld ihnen wieder bewußt wurde, das einzig Richtige: nämlich ihren Mund auf! Gleich nach der Beerdigung liefen sie los, um mit ihrem Bruder unter 24 Augen zu reden. Der war ja nun schon lange nicht mehr der rechtlose Sklave, den seine Brüder verkauft hatten. Sondern er hatte eine tolle Karriere hinter sich. Wohl kam er zunächst auf den Sklavenmarkt, später sogar ins Gefängnis. Aber trotzdem war sein Aufstieg nicht zu bremsen. Er wurde Landwirtschaftsminister und der zweite Mann im Staat Ägypten. So standen die ganz klein gewordenen Brüder vor dem groß gewordenen Bruder, die Mickrigen vor dem Mächtigen.

Aber dann fingen sie nicht zu weinen an: "Joseph, wir haben damals durchgedreht. Weißt du, die Hitze und so. Nachher tat es uns furchtbar leid. Pardon!" Sie fingen auch nicht zu heulen an: " Joseph, wir haben damals nur Kidnapping gespielt. Weißt du, Bubenstreiche und so. Verzeih!" Sie fingen auch nicht zu stottern an: "Joseph, wir haben damals Blödsinn gemacht, Ruben hat es uns gleich gesagt. Entschuldigung!"

Nein, diese Elf rissen nicht den Mund auf, sondern machten den Mund auf: " Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde." Sie baten also nicht um Entschuldigung und Verzeihung, sondern um Vergebung. Nur Vergebung kann unsere Lebensgeschichte bewältigen. Nur Vergebung kann Schuld auslöschen. Nur Vergebung nimmt uns die Angst vor gestern.

Warum fällt uns der Gang zum anderen so schwer? Warum steckt uns das Wort wie ein Kloß im Hals, das nun einmal gesprochen werden müßte? Warum kommen wir sofort mit tausend Entschuldigungsgründen, anstatt zu

unserer Schuld zu stehen?

Zugegeben, es gibt leichtere Dinge auf der Welt – zum Beispiel Schuld verteilen. Der Frau ins Gesicht sagen: Dein emanzipatorisches Gehabe paßt mir nicht! Oder den Mann oder dem Vater wissen lassen. Dein autoritäres Verhalten hält kein Mensch aus! Oder dem Lehrer die Schuld in die Schuh schieben: Ihre miese Pädagogik ist schuld an meinen schlechten Noten! Oder dem Pfarrer eins verpassen: Ihre langweiligen Predigten sind schuld an meiner Gottlosigkeit. Anderen die Schuld in die Schuhe schieben, bringt nichts. Eigene Schuld bekennen, darum geht’s.

So machten‘s die Brüder Josephs. Und nun bekamen sie etwas ganz anderes zu hören, als sie erwartet hatten. Der große Bruder nutzte nicht die Gunst der Stunde, um jetzt, nach 30 Jahren, endlich abzurechnen. Er rieb sich also nicht die Hände und sagte: Auf den Tag habe ich schon lange gewartet. Jetzt wird abgerechnet!"-

"Wenn wir uns mal streiten", erzählt ein Mann seinem Freund, " wird meine Frau immer gleich historisch." - " Du meinst hysterisch", wirft der Freund ein. " Nein, historisch", sagt der Ehemann, " sie hält mir jeden Fehler, jede Lieblosigkeit, jedes falsche Wort aus zehn Jahren Ehe vor!"

Der Joseph wird nicht "historisch" und rechnet seinen Brüdern ihre Bosheiten nicht nach. Joseph sieht über das Böse nicht hinweg. Aber er sieht über den Untaten der Brüder die Guttaten Gottes. Joseph kann Gottes gute Absichten über den bösen Absichten der Brüder erkennen. Darum vergibt er die Schuld und versöhnt sich mit seinen Brüdern.

Vor Jahren gab es einen Film mit dem Titel " Gott vergibt – Django nie!" Vergeben wird hier als schwach und weich verächtlich gemacht. Vergelten wird als stark und hart verherrlicht. Dumm und weichlich soll das barmherzige Vergeben sein. Klug und knallhart soll das unnachsichtige Vergelten sein. Aber geht es dabei nur um weich oder hart, um schwach oder stark?

Rache ist nicht süß, sie hinterläßt nach dem Triumph einen bitteren Beigeschmack. Wer sich rächt, hält seine eigenen Wunden gewaltsam offen und schlägt bei anderen neue Wunden. Haß und Rache machen mich letztlich kaputt, zu einem psychischen Wrack. Heilung von Verletzungen und Frieden schenkt mir nur die Vergebung, die ich anderen weitergebe.

Joseph sieht in seinem Leben die Barmherzigkeit Gottes am Wirken. Trotz allem Bösen, das ihm Menschen zufügen wollten – Gott meinte es gut mit ihm! Nur mit dieser Einstellung kann ich auch anderen vergeben. Wenn ich nicht auf das Böse fixiert bin, das ich erfahren habe, sondern auf das Gute schaue, was Gott mir gegeben hat.

Gott meint es gut, das lernen wir auch an der Geschichte vom Kreuz Jesus. Wie haben sie ihm übel mitgespielt! Sie haben Jesus nicht nur verkauft wie Joseph sondern verraten und geschlagen wie einen Verbrecher. Ans Kreuz festgenagelt hauchte er sein Leben aus. Bitterböse haben sie es ihm gemacht, aber Gott hat es gut gemacht. Die Schuld der ganzen Menschheit wurde am Kreuz bezahlt. Aus den Bündeln von Gemeinheiten ist ein Segensbund für die ganze Welt geworden. Am Ort der größten Ungerechtigkeit – da spricht Gott uns gerecht. Vom größten Scherbenhaufen dieser Erde, von der Schädelstätte Golgatha, ist zu hören: "Die Sünd ist uns vergeben, ganz neu geschenkt das Leben."

So gut meint es Gott mit dir, daß er seinen Sohn für dich sterben ließ, damit er dir deine Schuld vergeben kann. Glaub es doch, Gott sieht dich nicht bitterböse, sondern freundlich an! Er will auch dir alle Schuld vergeben, auch dich zu seinem Kind erklären, sonst hätte er doch nicht seinen Sohn für dich sterben lassen! Wir können Gott gar nicht genug Gnade, Vergebung und Liebe für unser Leben zutrauen. " Barmherzig, geduldig und gnädig ist er, viel mehr, als ein Vater es kann, er warf unsere Sünden ins äußerste Meer, kommt betet den Ewigen an." Es gilt auch für dich ganz persönlich: Keine Schuld mehr! Keine Sünde! Keine Angst! Keine Sorge! Kein Haß! Keine Verbitterung!

Wenn du das glaubst, dann kannst du auch anderen vergeben, dann mußt du nicht andere "unterbuttern", sondern das weitergeben, was du selber bekommen hast: Gnade und Vergebung. Weil Jesus dich nicht " zur Sau gemacht" hat, mußt du kein Schwein sein. Du kannst großzügig auf deinen kleinen privaten Jüngsten Tag verzichten.

Wer anderen die Luft zum Atmen gönnt, der kann auch selber ganz anders durchatmen. Da ist ganz einfach Frischluft da, eine gute frische Atmosphäre, wo die Vergebung Jesus wirksam wird – in meinem Leben und dem anderer.

Amen

(c) Dieter Opitz, Bayreuth