Lebe deinen Traum!(?)

Es war wohl eine der ungewöhnlichsten Begegnungen in meinem Leben. Passiert ist alles, als ich für ein Paar Monate in Atlanta/USA gearbeitet habe. David, mein Gastvater in Atlanta bei dem ich gewohnt habe, wurde zu einer Hochzeit eingeladen und ich sollte doch "ruhig auch mitkommen." In der Kirche angekommen, begrüßt uns ein Freund von David. Als er erfährt, dass ich Deutscher bin, sieht er mich erstaunt an und bemerkt, dass da vorne in der Reihe noch ein anderer Deutscher sitzt. Wir setzen uns zu ihm hinzu. Sicher, in Deutschland einen Deutschen zu treffen ist nicht gerade etwas besonderes, aber hier in Atlanta, so viele Kilometer von der Heimat entfernt, da fühlt man sich fast automatisch mit jedem innerlich verbunden, der die gleiche Muttersprache spricht. Rainer - so sein Name - konnte man es geradezu abspüren, wie sehr er sich freute einmal wieder Deutsch mit jemanden sprechen zu können. Als ich ihn nach ein paar Frage über Dies und Jenes frage, wie es ihn eigentlich hier nach Atlanta verschlagen hat, fängt er langsam zu erzählen an: "Weißt Du, ich wollte schon immer Flugzeuge fliegen, am besten bei einer großen Airline - dass war und ist mein großer Traum. Doch in Deutschland war die Pilotenausbildung damals einfach zu teuer, also habe ich etwas anderes studiert. Als ich 24 war, hatte ich zwar dann einen bomben Studienabschluss, aber wirklich glücklich war ich nicht. Ich habe mir überlegt: 'Will ich wirklich den Rest meines Lebens mit dem Gefühl leben, es nicht optimal gelebt zu haben?' Kurz: Ich entschloss mich, alles aufzugeben und in den USA eine Pilotenausbildung zu machen, wo das wesentlich günstiger ist als in Deutschland. Ich trennte mich von meiner Verlobten, verkaufte mein Auto, löste meine Bankkonten auf und nahm den nächsten Flieger nach Atlanta. Nach einiger Zeit fand ich tatsächlich eine Stelle als Fluglehrer und arbeite seit dem an den verschiedenen Qualifikationen, die ich für die Erfüllung meines Traumes brauche." Seine Stimme klang entgegen der anfänglichen Bestimmtheit mittlerweile fast schon resignierend: "Diesen Monat sind es nur noch wenige Flugmeilen zu fliegen, dann ist es mir erlaubt auch große Passagierflugzeuge der Lufthansa oder von United Airlines zu steuern - dann habe ich's geschafft. Mein Traum wird in Erfüllung gehen." Auf der einen Seite hat mir dieser Mann schon imponiert, der alles aufgegeben hat, um seinen Traum zu leben und der nicht einfach nur ein spießiges, angepasstes Leben führen wollte. Aber irgendwie klang er gar nicht glücklich. "Und", so fragte ich ihn deshalb, "glaubst Du, dass der Preis angemessen war, den du für Deinen Traum bezahlt hast? Ich meine, Du hast ja schließlich Deine Verlobte verlassen und hättest jetzt vielleicht schon Kinder und ein Haus und wärst vielleicht auch so glücklich geworden." Stille. Dann dreht er sich etwas seitlich und meint: "Sieh Dir die Trautzeugin da hinten in dem blauen Kleid an. Das ist seit zwei Jahren meine Freundin. Ich liebe sie nicht, aber weißt Du, ich möchte halt auch nicht alleine sein." Wieder Stille. Als ich mich noch frage, warum der das wohl gerade gesagt hat, fügt er hinzu:

(Fortsetzung in zwei Wochen)

-mz