"Themaverfehlung" Anspiel Kreuz und Quer am 19.11.14

(Frei nach einer Geschichte, die sich so zugetragen haben soll. Der "Obdachlose" hieß Pastor Jeremiah Steepek.)

 

(Ein "Obdachloser" kommt den Mittelgang nach vorne: abgerissene Kleidung, alter Hut auf dem Kopf, Klappstuhl in der einen, einen großen Zettel in der anderen Hand. Er setzt sich wortlos auf den Klappstuhl vor den Altar, legt den Hut vor sich hin und hält den Zettel vor seine Brust. Verschiedene Leute, alle gut gekleidet, kommen vorbei. Wie es sich im Laufe des Stückes herausstellt, sind es alle Gottesdienstbesucher.)

 

Kind:                          (kommt und bleibt neugierig vor dem Obdachlosen stehen. Die Mutter                           

kommt und will den/die Kleine/n an der Hand weiterziehen.)

Mutter:                       Komm, wir müssen doch in die Kirche.

Kind:                          (stemmt sich dagegen) Ich will erst lesen, was auf dem Zettel steht.

Mutter:                       (ungeduldig) Gut, aber mach schnell.

Kind:                          (liest) "Habe Hunger und Durst, bin krank, war im Gefängnis, bin hier                            

fremd." Mami, was heißt "fremd"?

Mutter:                       Wir müssen weiter. Sonst kommen wir zu spät.

Kind:                          Aber der Mann hat Hunger und Durst!

Mutter:                       Wir haben nichts zu Essen oder zu Trinken dabei. (zieht an der Hand)

Kind:                          Ich habe einen Bonbon! (reißt sich los und wirft in den Hut einen                                                

Bonbon. Mutter zieht ihn weiter.)

Obdachloser:              Danke!

(Verschiedenste Personen gehen achtlos, kopfschüttelnd usw. vorbei.) 

Frau:                           (kommt vorbei. Obdachloser hält Hut hoch. Bleibt kurz stehen und                                 

liest.) Sie sind krank? Da vorne ist ein gutes Krankenhaus. (geht weiter)

1. Mann:                     (Obdachloser hebt wieder den Hut) Ich muss weiter. (eilt weiter)

Obdachloser:              Wohin denn?

Mann:                         (dreht sich kurz um) Da vorne in die Kirche.

2. Mann:                     (Obdachloser hebt wieder den Hut) Ich brauche mein Kleingeld nachher                        

für die Kollekte.

Obdachloser:              Welche Kollekte?

2. Mann:                     Na für den Gottesdienst.

Obdachloser:              (neugierig) Gottesdienst, welcher Gottesdienst?

2. Mann:                     (seufzt) Unser neuer Pfarrer wird eingeführt.

Obdachloser:              Welcher Pfarrer?

2. Mann:                     Das weiß ich doch auch nicht. Das werde ich dann schon sehen. (schaut                         

auf die Uhr) Wenn ich noch einen Platz bekomme!

Obdachloser:              Warten Sie doch. Ich geh mit!

2. Mann;                     Was wollen Sie?

Obdachloser:              Ich will auch in den Gottesdienst.

2. Mann:                     (mustert den Obdachlosen von oben bis unten) Das ist glaube ich, keine                          

gute Idee.

Obdachloser:              Warum denn nicht?

2. Mann:                     Da passen Sie nicht rein.

Obdachloser:              Und ob ich reinpasse. Ich hab doch meinen Klappstuhl dabei.

2. Mann                      (geht kopfschüttelnd weiter, Obdachloser hinterher.)

 

(alle Personen verlassen die Kirche. Nach einer kurzen Pause kommt 2. Mann, dahinter Obdachloser mit Klappstuhl. Mann setzt sich irgendwohin hin. Obdachloser geht ganz nach vorne und setzt sich in der 1. Reihe hin. )

Ordner:                       Sie können nicht hier vorne sitzen.

Obdachloser:              Warum nicht?

Ordner:                       Hier vorne sitzt dann unser neuer Pfarrer. Setzen Sie sich bitte nach                                

hinten!

Obdachloser:              Aber…

Ordner:                       Kein aber, nach hinten. Oder Sie müssen den Gottesdienst verlassen.

 

(Obdachloser zieht nach hinten ab.)

(eventuell kurzes Orgelvorspiel)

 

Kirchenvorsteher:       (geht auf die Kanzel) Ganz herzlich darf ich Sie zu diesem Gottesdienst                         

begrüßen. Es freut mich, dass Sie so zahlreich gekommen sind. Diesen                            

Gottesdienst wird erstmals unser neuer Pfarrer halten. Sie kennen ihn                             

sicher noch nicht. Er ist auch heute als Pfarrer schwer erkennbar. Aber                            

es war sein Wunsch, dass er heute nicht mit Talar den Gottesdienst hält.                         

Ich bitte ihn, nach vorne zu kommen.

Obdachloser:              (kommt nach vorne, zieht seine Verkleidung aus. Er steht nun mit                                   

Jackett und Krawatte da.) Mein Name ist Jeremiah Steepek und bin Ihr                          

neuer Pfarrer. Ich war heute eine halbe Stunde vor dem Gottesdienst vor                                    

unserer Kirche, verkleidet als Obdachloser mit diesem Schild. Es ist mir                         

genau so ergangen, wie Jesus es in Matthäus 25 sagt: Ich war                                          

hungrig, aber ihr habt mir nichts zu essen gegeben. Ich war                                  

durstig, aber ihr habt mir nichts zu trinken gegeben. 

                                   43 Ich war ein Fremder unter euch, aber ihr habt mich nicht                                 

aufgenommen. Ich war nackt, aber ihr wolltet mir nichts zum                               

Anziehen geben. Ich war krank und im Gefängnis, aber ihr                                  

habt mich nicht besucht.' 

                                   44 Dann werden auch sie ihn fragen: 'Herr, wann haben wir                                 

dich denn hungrig oder durstig, ohne Unterkunft, nackt, krank                            

oder im Gefängnis gesehen und dir nicht geholfen?' 

                                   45 Darauf wird ihnen der König antworten: 'Lasst es euch                                               

gesagt sein: Die Hilfe, die ihr meinen geringsten Brüdern                                     

verweigert habt, die habt ihr mir verweigert.' 

                                   Diese Worte sagen genug für den, der miterlebt hat, wie es mir vor der                           

Kirche erging. Und ich möchte auch nicht mehr darüber sagen. Der                                 

Gottesdienst ist damit beendet.

 

 

© Dieter Opitz