"Es ist nicht alles Gott, was glänzt"  Kreuz und Quer am 14.7.13

 

 

Tante:              (wie Putzfrau gekleidet, schrubbt den Altarboden, sinniert, schaut skeptisch auf             

den Altar und ruft dann nach ihrer Tochter)

                        Lara!

Cousine:          (top gekleidet und eventuell geschminkt, kommt von hinten nach vorne) Was                 

ist?

Tante:              Wir brauchen für die Konfirmation noch die neuen Altarkerzen! Holst du die                 

bitte?

Cousine:          Wo sind die?

Tante:              In der Sakristei.

(Vater, "normal" gekleidet und Sohn, im FC-Bayern-Trikot oder T-Shirt betreten die Kirche)

Vater:              Hallo Steffi, hallo Lara!

Sohn:              (murmelt auch irgend "Hallo!")

Cousine:          Grüß dich, Onkel Werner, Grüß dich Cedric.

Tante:              Ja schön, dass ihr da seid. Was führt euch denn hierher?

Vater:              Wir waren schon drüben in der Wohnung. Da hat niemand aufgemacht. Dann                

haben wir gedacht, dass meine Schwester, die Mesnerin bestimmt in der Kirche             

ist. (räuspert sich, schaut zu Cedric. Der rührt sich nicht. Vater räuspert                           

nochmals.) Cedric!

Sohn:              Ach so, Patin, ich hab dir da was mitgebracht: (überreicht eine Papiertüte)                      

Küchla.

Vater:              Sind vom Bäcker "Müller".

Tante:              (strahlt) Danke.

Vater:              (stößt Sohn an)

Sohn:              Ach so, das ist deshalb, weil ich am Sonntag Konfirmation habe.

Tante:              Da hast mir aber eine große Freude gemacht. Die Küchla vom "Müller" sind                   

nämlich die allerbesten.

Sohn:              Sind vor allem billig, sagt der Vater.

Vater:              (rollt mit den Augen und stöhnt leise vor sich hin)

Tante:              (lächelt verlegen, holt den Geldbeutel aus der Schürze und entnimmt ein                        

Geldstück) Das ist für dich, Cedric.

Sohn:              Danke, Tante.

Tante:              Am Sonntag kriegst du noch dein Kuvert. Ihr wart ja so großzügig bei der Lara             

ihrer Konfirmation. Da wollen wir uns auch nicht lumpen lassen.

Cousine:          (neugierig) Und wie viel hast schon?

Sohn:              Das kann ich dir ganz genau sagen: Mit den 100 Euro von deiner Mutter sind                 

es 3120 Euro.

Tante:              Woher weißt denn du, dass du von mir 100 Euro kriegst?

Sohn:              Der Vater hat gesagt: Die Tante Steffi gibt soviel wie ich damals der Lara. Eine             

Hand wäscht die andere, weißt. Auf jeden Fall: 3120 Euro, das ist eine ganze                

Menge Zaster, sag ich dir. Sagt der Vater auch.

Tante:              (milde) Du weißt aber schon, dass das Geld nicht das Wichtigste bei der                        

Konfirmation ist?

Sohn:              Du bist ein tief gläubiger Mensch, Tante, aber weißt, wir sind dafür praktisch                 

veranlagt. Sagt…

Tante:              … dein Vater. So, so praktisch veranlagt, nennt ihr das.

Cousine:          Und, was willst mit dem vielen Geld machen?

Sohn:              Ich kaufe mir mit dem Geld die neuen Bayern-Trikots.

Cousine:          Ja, sind die so teuer?

Sohn:              I wo. Das Champions-Trikot kostet nur 119,95.

Cousine.          Na, dann hast du ja noch einen Haufen Geld übrig.

Sohn:              Ja denkst du. Meinst Du, ich laufe das ganze Jahr mit einem Trikot rum? Da                   

gibt es noch das Ribbery-Trikot für 89,95, und vom Schweinsteiger, und vom                

Neuer, und vom Müller und vom Lahm und all die anderen auch noch. Dann                 

brauch ich noch die Bayern Käppi, Bayern-Mütze für den Winter, Bayern-                     

Sonnebrille für den Sommer, Bayern-Schal. Bei der Konfirmation wollte ich                  

die Bayern-Krawatte tragen. Aber das hat die Mama nicht erlaubt. Dafür krieg              

ich von ihr die Bayern-Armbanduhr. Bayern-Schulranzen hab ich schon. Und                 

dann noch die Bayern-Bettwäsche und das Bayern-Duschgel. Macht zusammen            

2923 Euro und 27 Cent, inklusive     Versandkosten. Ach ja, und die Bayern-                 

Fruchtgummis in neun Geschmacksrichtungen in Form von Bären.,                                 

Meisterschalen und DFB-Pokalen für nur 1,95 habe ich ganz vergessen.

Cousine:          Na, da willst du ganz schön investieren. Ich hab ja nichts gegen die Bayern,                   

aber sag mal ist das nicht ein bisschen - übertrieben?

Tante:              Du brauchst gar nichts sagen! Du hast von deinem Konfirmationsgeld 20 Paar               

Schuhe und 10 neue Kleider gekauft.

Cousine:          Das verstehst du nicht. Shopping ist eben mein Leben. Da bin ich so was von                 

glücklich.

Sohn:              Und für mich sind eben die Bayern mein Leben.

Tante:              (deutet auf das Altarkreuz) Und was ist mit dem?

Sohn:              Ach Tante. An den glaube ich schon auch. Aber mein Herz, das schlägt für die              

Bayern.

Vater:              Dein Herz sollte lieber für die Rendite schlagen. Das Geld wird angelegt. Zum              

mindest ein Großteil. Darüber haben wir schon gesprochen.

Sohn:              Vater, das ist doch mein Geld!

Vater:              Das du aber nicht so zum Fenster rauswerfen kannst!

Tante:              Du willst das Geld anlegen? Bei den niedrigen Zinsen?

Vater.              (angeberisch) Ich habe ja auch gesagt "anlegen" nicht "auf die Bank bringen".

Tante:              Aha.

Vater.              Ein Kumpel har einen todsicheren Tipp: Der investiert in nigerianische                            

Windanlagen.

Cousine:          (mit merkwürdiger Stimme) Ich glaub, davon ich auch schon was gehört.

Vater:              (zur Tante) Da, siehst du.

Cousine:          Ich such's mal her. (recherchiert auf ihrem Smartphone)

Tante:              In nigerianische Windanlagen willst du investieren?

Vater:              Na in Windkraft! Erneuerbare Energien! Der Renner! Das kann gar nicht                                    

schiefgehen.

Tante:              Ach ne.

Vater.              Was heißt, ach ne. 20 Prozent Rendite im Jahr geben die, was sagst du jetzt?

Tante:              20 Prozent? Das kann doch nicht sein. Das scheint mir eine recht windige                       

Angelegenheit zu sein.

Vater:              Glaub mir: das ist eine todsichere Sache. Stell dir vor. 20 Prozent! Da hat der                 

Bub in fünf Jahren das Doppelte, was er jetzt hat! Dann kann er sich noch mehr             

Anteile kaufen. Und wenn er so alt ist wie ich, ist er steinreich!

Tante:              Und dann?

Vater:              Und dann? Ja, wo lebst du denn? Geld regiert die Welt. Ohne Moos nix los.                  

Das weiß doch jeder.

Cousine:          (aufgeregt) Schau mal, was ich gefunden habe. "Betrüger mit 2 Millionen Euro              

über alle Berge. Glaubhaft hat er Anlegern versichert, Geschäftsanteile einer                  

Firma zu verkaufen, die in Nigeria Windanlagen bauen soll. Die Firma                            

existierte allerdings nur auf dem Papier. Die Anlagegelder flossen auf ein                       

Konto in den Antillen und von dort verliert sich die Spur des Geldes. Die                      

Polizei und Interpol…"

Vater:              Lass mich mal lesen. (liest hastig)

Cousine:          Da ist ein Bild von ihm. Ist er das?

Vater:              Ja, das ist mein Kumpel,  - der Lump!

Cousine:          2 Millionen hat er ergaunert. Sind wir nur froh, dass das Geld vom Cedric nicht             

dabei ist.

Vater.              (kleinlaut) Seins nicht aber meins.

Tante:              Werner! Wie viel?

Vater.              (schweigt)

Tante:              Wie viel?

Vater:              30.000. Ich hab mein ganzes Konto leer geräumt.

Tante:              Werner!

Vater:              Cedric, ich kann momentan nicht einmal deine Konfirmation zahlen. Er hat mir              

versprochen, dass morgen die erste Rendite überwiesen wird. Sohn, (legt die                  

Hand auf seine Schultern) du musst jetzt stark sein: Du musst deine                                

Konfirmation selber zahlen.

Sohn:              Vater, das kannst du nicht machen!

Vater:              (den Tränen nahe) Es geht nicht anders!

Sohn:              (heult auf) Heißt das, das ich meine Bayern-Trikots, und all die anderen Sachen             

nicht kriege?

Vater:              Genau das heißt das. Halt, nicht ganz. Für die Fruchtgummis für 1,95 wird's                  

schon noch langen.

Sohn:              (heult noch mehr auf) Neeeiinn!!

Vater:              (verzweifelt) Ja, was soll ich denn sonst machen?

Sohn:              (schluchzt) Vielleicht hilft ja beten.

Tante:              Ich leihe dir das Geld.

Vater:              Du?

Tante:              Du bist doch mein Bruder. Meinst du, ich lass zu, dass meinem Patenkind die                

Konfirmation versaut wird?

Vater:              Das willst du wirklich machen?

Tante:              Klar.

Sohn:              Danke, Tante. Danke.

Vater:              Du bist ein Engel.

Tante:              Ach was. Ich bin eben auch "praktisch veranlagt".

 

 

© Dieter Opitz