Anspiel Kreuz und Quer 21.11.2012

"Keine halben Sachen"

 

Eine junge Dame, chic gekleidet, besucht ein vornehmes Restaurant. Der Kellner, im entsprechenden Outfit, kommt, rückt den Stuhl hin. Die Dame studiert die Speisekarte. Der Kellner kommt wieder und nimmt die Bestellung auf. Die Dame zögert etwas.

 

 

Kellner:                 Brauchen Sie noch etwas Zeit zum Überlegen?

 

Dame:                   Nein. Da gibt es ja nicht viel zum Überlegen bei dieser Speisekarte.

 

Kellern:                 Wie meinen Sie das?

 

Dame:                   Also, offen gesagt, wundere ich mich etwas über die Speisekarte.

 

Kellner:                 Sie wissen, meine Dame, in welchem Restaurant Sie sich befinden?

 

Dame:                  Natürlich, im Restaurant zum "Lebenswerten Leben". Steht ja draußen

                            groß angeschrieben. Und genau das will ich ja auch bei Ihnen: Leben,

                            echtes Leben, authentisches Leben. Ich will kein Abziehbild von jemanden

                            sein, sondern ich selbst. Kriege ich das wirklich bei Ihnen?

 

Kellner:                Wenn Sie das wollen, sind Sie genau richtig bei uns.

 

Dame:                  Also zu Ihrer Speisekarte. Ich hätte da einige Fragen. Erstens stehen da

                            keine Preise. Verstehen Sie mich recht: Für mich spielt Geld keine Rolle.

                            Aber dass bei Ihrem Menü kein Preis steht, wundert mich schon.

 

Kellner:                Das Menü kostet nichts.

 

Dame:                  Wie bitte? Sie bieten echtes Leben und verlangen nichts? Das darf doch nicht wahr sein!

 

Kellner:                Doch.

 

Dame:                  Ja, aber warum denn? Für ein lebenswertes Leben ist doch kein Preis zu hoch!

 

Kellner:                Sie haben recht. Sie könnten den Preis auch gar nicht zahlen. Deshalb hat sich der

                            Besitzer des Restaurants entschlossen, nichts zu verlangen.

 

Dame:                  Das ist doch nicht Ihr Ernst! Dann müssten Sie doch schon längst pleite sein!

 

Kellner:                Wir haben einen großzügigen Sponsor, der alle Kosten aller Gäste übernimmt,

                            solange dieses Restaurant existiert. Wir gehen davon aus, dass dies bis zum Ende

                            der Welt der Fall sein wird.

 

Dame:                   Aha, kaum zu glauben. Na gut. Meine nächste Frage betrifft Ihr Tagesmenü.

 

Kellner:                 Das ist nicht unser Tagesmenü, meine Dame. Das ist unser einziges Menü.

 

Dame:                   (ungläubig) Jeden Tag das gleiche Menü?

 

Kellner:                 Ganz recht.

 

Dame:                   Ja aber warum diese, diese eingeschränkte Auswahl?

 

Kellner:                 Nur dieses Menü gibt Ihnen lebenswertes Leben.

 

Dame:                   Das klingt aber sehr einseitig und sehr monoton.

 

Kellner:                 Fragen Sie unsere Stammgäste. Die sind alle begeistert.

 

Dame:                   Hab ich ja. Die haben dasselbe wie Sie gesagt. Die kriegen gar nicht genug von diesem

                             Menü. Deshalb bin ich ja hier. Sie sind mir empfohlen worden.

 

Kellner:                 Das freut mich.

 

Dame:                   Na gut, dann werde ich mal bestellen.

 

Kellner:                 Sehr wohl, kommt sofort.

 

Dame:                   Halt, halt, Sie haben mich falsch verstanden. Ich habe noch ein paar Fragen!

 

Kellner:                 Sehr wohl.

 

Dame:                  Also, Sie haben nur dieses eine Menü. Und es klingt auch zweifellos ganz gut,

                            was hier steht. Aber es kommt mir alles etwas zu, zu, ich weiß nicht, ja zu üppig

                            vor. Das ist doch alles viel zu viel.

 

Kellner:                Wie meinen Sie das?

 

Dame:                   Na ja, nehmen wir mal Ihre Suppe "Gehorsam Gott gegenüber".

 

Kellner:                 Klingt vielleicht ein bisschen sperrig. Ist aber sehr appetitanregend.. Schmeckt ausgezeichnet!

 

Dame:                   Ja, ja, das mag schon sein. Aber: Da ist doch bestimmt Gehorsam in allen Lagen gemeint, oder?

 

Kellner:                 Selbstverständlich.

 

Dame:                   Sehen Sie, genau das ist zu viel. Ein bisschen Gehorsam reicht mir aus. Allzu viel ist ungesund.

                             Sagt schon das Sprichwort.

 

Kellner:                 Sie können natürlich auch nur ein bisschen Gehorsam haben. Aber das würde Ihnen das ganze

                             Menü verderben.

 

Dame:                   Das sehe ich schon ein bisschen anders. Nicht zu viel Suppe bitte.

 

Kellner:                 Sehr wohl die Dame.

 

Dame:                   Und dann hier: Sie bieten zu Ihrem Menü nur ein Getränk an, einen Wein.  Können Sie mir den

                             wirklich empfehlen?

 

Kellner:                 Dieser Wein hält, was er verspricht. Freude pur.

 

Dame:                  Aber soviel! Ein ganzes Glas! Das sieht so aus, als ob ich nur traurig wäre. So ist es doch gar nicht.

                            Ich bin eigentlich ganz zufrieden mit meinem Leben. Ein bisschen Freude würde mir schon ausreichen.

                            Also ein paar Schlücke.

 

Kellner:                 Aber Sie wissen gar nicht, auf was für eine Köstlichkeit Sie verzichten!

 

Dame:                   Bin ich hier der Gast oder nicht? Es ist hier alles ein bisschen zu üppig, wie gesagt. Auch Ihre Vorspeise:

                            Hilfe in allen Lebenslagen. Brauche ich auch nicht.

 

Kellner:                 Brauchen Sie wirklich nicht?

 

Dame:                   Nein. Ich kann mir in vielen Lagen auch selber ganz gut helfen. Ein bisschen Hilfe reicht mir voll aus.

                            Also nur einen halben Teller.

 

Kellner:                 Wie Sie wünschen.

 

Dame:                   Und dann das da. Ist das wirklich Ihr Hauptgericht? : "Vergebung auch der schlimmsten Sünden"?

                             Das klingt ja schrecklich.

 

Kellner:                 Wirklich? Unseren Stammgästen schmeckt gerade dieser Teil unseres Menüs ausgezeichnet.

 

Dame:                   Na, das werden schon Gäste sein, die es nötig haben.

 

Kellner:                Was heißt hier: "die es nötig haben". Die Gäste, die unser Menü so richtig genießen, sind Leute,

                            die so einen richtigen Hunger mitbringen.

 

Dame:                  Die sich also so richtig den Bauch vollschlagen! Wie ekelhaft! Ich kann mir das so richtig vorstellen.

                            Wie da so ausgehungerte Typen Ihre Vergebung aufessen. So ausgehungert bin ich nicht, wissen Sie.

                            Natürlich brauche ich Vergebung. Aber so viel Vergebung, wie hier steht, brauche ich nicht. Ein

                            bisschen Vergebung, das tut es auch. Nicht zu viel.

 

Kellner:                 (resigniert) Nun gut, ein bisschen Vergebung.

 

Dame:                   Ja und dann Ihr Dessert: "Veränderung meines Lebens". Das brauchen sie mir gar nicht erst servieren.

                             Brauche ich nicht. Was soll denn an meinem Leben nicht stimmen?

 

Kellner:                 Sind Sie sicher?

 

Dame:                   Naja, eine klitzekleine Portion könnten Sie mir schon bringen. Perfekt ist ja keiner. Fehler haben wir

                             alle, auch ich. Aber nicht zuviel, wie gesagt. Von allem etwas, wie gesagt.

 

Kellner:                 Und haben Sie noch einen Wunsch?

 

Dame:                   Hier steht: "Schmeckt nur heiß serviert!" Das ist doch sicher übertrieben. Gut gewärmt, reicht doch

                             sicher auch, oder? Also, ich will mir ja nicht die Zunge verbrennen!

 

Kellner:                 Sie  wollen also ein lauwarmes Essen?

 

Dame:                   Was heißt lauwarm? Auf jeden Fall nicht zu heiß. Wenn das lauwarm ist, soll's mir recht sein.

 

Kellner:                 Ist das alles?

 

Dame:                   Ich denke schon. Also von allem ein bisschen.

 

Kellner:                 Ich verstehe. Ich sage sofort der Küche Bescheid.(geht ein paar Schritte weg. Ruft in Richtung einer

                             imaginären Küche) Einmal: "Christsein zum Abgewöhnen"!

 

© Dieter Opitz