Anspiel Kreuz und Quer "beGeistert" am 20.5.2012

 

Personen:        "Regisseurin"  mit Camcorder und Stativ; Daniel in Joggerkluft, Thomas mit Stock, Hut, Mantel, darunter Joggingkleidung;

Requisiten:      Bank, Dose mit einem "Energy-Drink", Smartphone

 

 

(Die Jungens betreten lustlos und schleppend die Bühne, hinterher die "Regisseurin")

 

Regisseurin:    Bisschen mehr Begeisterung, wenn ich bitten darf!

Daniel:            Bei meinem Alter geht das halt nicht schneller!

Thomas:         Begeisterung ist zu viel verlangt. Bei dem unmöglichen Termin!

Regisseurin:    Wieso unmöglicher Termin? Die Sonne scheint. Das Wetter ist perfekt.

Thomas:          Heute spielt doch Deutschland, Europameisterschaft.

Regisseurin:    (verständnislos) Volleyball hat mich noch nie interessiert.

Daniel:            (aufgebracht) Volleyball? Es geht um Fußball! Sag mal, wo lebst du denn?

Regisseurin:    (ungerührt) Auf dem gleichen Planeten wie du. Und übrigens: Diesen Termin

                      habt ihr Schnarcher euch selbst zuzuschreiben. Ihr habt doch nie Zeit.

Thomas:          Früh und Nachmittag haben wir Schule und abends ist jetzt immer Fußball.

Regisseurin:    Eben, sag ich doch, ihr habt nie Zeit. Also auf geht's. Es ist schon recht spät.

                       Und morgen früh müssen wir unserer Videogruppe Material liefern. Die

                       steinigen uns sonst.

Daniel:            (hört gar nicht richtig hin. Schaut fasziniert auf sein Smartphone. Zu Thomas:)

                      Der Gomez spielt doch! Super!

Thomas:          Blitzheilung!

Regisseurin:    He, was ist denn hier los?

Daniel:            Nichts, wir wollen nur beim dem Spiel auf dem Laufenden bleiben.

Regisseurin:    Nichts da! Keine Ablenkung1

Daniel:            Aber…

Regisseurin:    Kein aber. Los geht's. Ihr wisst ja, worum es geht.

Thomas:         (lustlos) Ja, ja ein Werbespot für den Energy-Drink "Super-Power". Wer denkt

                      sich denn nur so einen Blödsinn aus!

Regisseurin:    Keine Kritik an meinem Drehbuch! Der Energy-Drink heißt übrigens "Hot-

                      Power", klar?

Thomas:          Ist schon klar. Bringen wir's hinter uns.

Daniel:            (beschäftigt sich immer wieder verstohlen mit seinem Smartphone, enttäuscht)

                      Latte! Mist!

Regisseurin:    Der Energy-Drink kommt in die Mitte auf die Bank. Ihr kommt dann und setzt

                      euch. (deutet auf Daniel) Du joggst von da hinten. Bist fix und fertig. Und du

                      (zu Thomas) schleppst dich mit letzter Kraft auf die Bank. Dann nehmt ihr den

                      Drink. Dann wisst ihr ja, wie's weitergeht. Begeisterung und laufen.

                      Kommentar und Sound machen dann die anderen.

Daniel:           (versteckt sein Smartphone unter dem T-Shirt.) Klar.

Regisseurin:    Du, Daniel, läufst von da hinten los, und du Thomas, nur die paar Meter von

                      da. (Hantiert mit der Kamera) Los geht's!

Daniel:           (joggt bis zur Bank, mimt den Erschöpften)

Regisseurin:    Stopp! Du musst viel erschöpfter sein.

Daniel:            (schaut kurz auf sein Smartphone und steckt es verstohlen wieder weg). Ich

                      versuch es. (joggt noch einmal vom Ausgangspunkt, kriecht die letzten zwei

                      Meter, zieht sich an der Lehne hoch, die Bank kippt etwas, setzt sich mit letzter

                      Kraft, atmet mit hängender Zunge und herausgedrehten Augen)

Regisseurin:    Stopp! Gut so! Jetzt du Thomas!

Thomas:         (wackelt mit seinen Stecken zur Bank und setzt sich mühsam)

Regisseurin:    Stopp! Okay! Wenn ihr so weiter macht, seid ihr beim zweiten Viertel vorm

                      Fernseher.

Daniel:            (stöhnt) Beim Fußball gibt es keine Viertel!

Regisseurin:    Echt? Spielen die durch?

Daniel:            (verbirgt den Kopf in seine Hände) Du hast von Fußball wirklich null Ahnung.

Regisseurin:    Dafür um so mehr vom Filmen!

Daniel             (und Thomas schauen sich vielsagend an)

Regisseurin:    (zu Daniel) So, und jetzt trinkst du den Energy-Drink und bist total begeistert.

                      Im Film hört man dann dein Herz immer lauter pochen.

Daniel:            Aha. Na gut.

Regisseurin:    Und jetzt trinken!

Daniel:            (öffnet die Dose und setzt an - und ab. Angewidert:) Boah, das schmeckt ja wie

                       Katzenpisse.

Thomas:          (riecht in die Dose rein und hält sich die Nase zu) Riecht auch so. Müssen wir

                      das wirklich trinken?

Regisseurin:    Klar. Wenn es länger dauert, dann habe ich als Ersatz noch einen Sixpack dabei.

Daniel:            Von dem Gesöff? Wieso hast du keine Cola genommen?

Regisseurin:    Cola-Dosen sehen ganz anders aus. Da müsst ihr jetzt durch.

Thomas:          Oh nein.

Regisseurin:    (hart) Doch. Wir ziehen das durch. Und wenn euch der Drink zu den Ohren

                       rauskommt. Bis ihr Begeisterung zeigt!

Daniel:            (seufzt) I do my very best.

Regisseurin:    Kamera läuft. Und los!

Daniel:            (trinkt mit stoischer Mine und läuft los)

Thomas:          (trinkt ebenfalls, es würgt ihn, er hält die Hand vor den Mund und läuft von der

                       Bühne weg)

Regisseurin:    Stopp, Stopp. Du Daniel spielst das wie der Sokrates, der den Giftbecher trinkt

                      aber nicht wie ein Jogger, der wieder neue Kräfte bekommt. Und du Thomas,

                      - wo bist du denn überhaupt?

Thomas:          (kommt wieder) Jetzt ist mir wieder leichter.

Daniel:            Wir können das nicht trinken. Nimm mal selber einen Schluck.

Regisseurin:    (nimmt die Dose und trinkt, verzieht auch den Mund) Naja, ist schon

                      gewöhnungsbedürftig. Was ist denn überhaupt drin? Koffein und …

                      (angewidert) Rindergalle.

Daniel:            Siehst du, das Zeug ist ungenießbar.

Regisseurin:    Ist es sicher nicht. Andere trinken es ja auch. Ihr müsst da jetzt durch.

Thomas:         (jammert) Aber wie?

Regisseurin:    Trinken und begeistert sein und dann wieder laufen.

Daniel:            Wie kann ich von was begeistert sein, was ich nicht mag?

Regisseurin:    Ihr müsst ja nur die Begeisterung spielen. Versteht ihr? Spielen! Probiert's halt

                      noch mal. Noch ein mal.

Daniel:            (seufzt) Also gut. (setzt an, trinkt und schaut dabei auf sein Smartphone, das in

                      der Mitte der Bank bei der Dose liegt. Begeistert, flippt fast aus:) Eins Null!!

                       Eins Null durch Özil! (läuft los und jubelt)

Thomas:          (trinkt und ruft begeistert:) Phantastisch!! Wow!! (Wirft Mantel, Hut und Stock

                       zur Seite und läuft noch vorne, stößt dabei immer wieder Jubellaute aus)

Regisseurin:    Stopp! Na also, warum nicht gleich so! ich weiß zwar nicht, warum du das was

                       vom Ötzi gesagt hast. Aber ist ja egal.

Daniel:            Ötzi? Der Özil hat gerade das Eins Null geschossen.

Regisseurin:    Ötzi, Özil, ist doch egal. Den Satz schneid ich auf jeden Fall raus. Der hat ja

                      mit eurer Begeisterung überhaupt nichts zu tun.

Daniel:            Doch doch…

Regisseurin:    (redet unbeirrt weiter) Und ihr sagt, ihr könnt keine Begeisterung spielen. Ging

                       doch! Super! Danke! Ihr habt's doch noch bis zum 2. Viertel geschafft.        

                      Tschüss, bis morgen!

 

© Dieter Opitz