"World of Wortkraft" Anspiel Kreuz und Quer 16.11.2011

 

Marcel, Tim und Katrin sitzen um einen Tisch. Sie haben Texthefte vor sich, blättern drin, memorieren leise usw.

 

Marcel:            Herr Hansen kann heute nicht kommen.

Tim:                Heute mal ohne den "großen Regisseur"?

Marcel:            Er hat gesagt: "Ihr seid schon so weit mit den Proben. Das schafft ihr auch mal              

ohne mich."

Katrin:            Na, dann kannst ja du mal Regisseur machen.

Tim:                Der Liebling von Herrn Hansen.

Marcel:            (räuspert) Ähm, jemand was dagegen, wenn ich heute die Leitung übernehme?

                        (beide schütteln den Kopf)

Marcel:            Also, dann schlage ich vor, dass wir nochmal die 3. Szene durchgehen. Lobo                 

stellt die Wortdiebe zur Rede. Es kommt zum dramatischen Höhepunkt des                   

Stückes. Apropos "Lobo". Wo steckt sie denn, unsere Hauptdarstellerin?

Katrin:            Zu spät, wie immer, unsere Julia.

Tim:                Wir könnten doch mal heute die Probe ausfallen lassen und stattdessen was                   

Sinnvolles machen.

Marcel:            Das wäre?

Tim:                Im "Ponte" was trinken gehen.

Marcel:            Spaßvogel.

Tim:                Immer so eifrig, unser Marcel.

Marcel:            Wir haben hier Probe und die Aufführung ist in drei Wochen.

Tim:                Das wird doch eh ein Flop.

Marcel:            Mit so einem Schauspieler wie dir bestimmt.

Tim:                Nein, mit so einem Stück. "Lobo und die Wortdiebe". So ein Quatsch.

Marcel:            Das ist Fantasy, kein Quatsch. Hat eine tolle Aussage. Die Wortdiebe klauen                 

den Menschen die guten Worte, und was aus ihrem Mund kommt, sind nur                    

noch Müll-Worte. Ist doch aktuell. (wird immer eifriger) Denk doch nur an                    

solche Affen wie den Dieter Bohlen. Der sagt doch nur Müll.

Katrin:            "Affen"? Nana (winkt mit dem Zeigefinger). Wer hat da gerade was von Müll-              

Worten gesagt.

Marcel:            Das ist mir nur so herausgerutscht.

Tim:                Also, zurück zum Stück: Das ist doch nur ein Abklatsch von "Momo und die                 

Zeitdiebe".

Marcel:            Eine freie Adaption.

Tim:                Danke, Herr Oberlehrer.

Marcel:            Wieso machst du in der Theater-AG überhaupt mit, wenn du keine Lust hast?

Katrin:            Das ist doch klar. Um sich bei Herrn Hansen einzuschleimen. Punkte, Punkte,                

Punkte! "Ist ein tolles Stück. Da mach ich mit, Herr Hansen." Hat er doch gesagt.

Tim:                Man kann ja mal seine Meinung ändern.

Marcel:            Das hören wir aber heute das erste Mal. Ausgerechnet dann, wenn Herr Hansen             

nicht da ist.

Tim:                Okay, okay, machen wir halt weiter mit diesem, dieser wunderbaren Adaption               

von "Momo und die Zeitdiebe."

Marcel:            Gut. Dazu müsste jetzt aber langsam unsere Julia kommen.

Katrin:            Ich könnte ihren Text mitsprechen. Ich glaub, ich kann das sogar besser wie                   

unsere Julia. Keine Ahnung vom Theaterspielen, aber die Hauptrolle spielen.

                        Ist ja bekannt, dass alle Lehrer auf ihren Charme hereinfallen, auch Herr Hansen.

Julia:               (kommt rein) Hallo!

Katrin:            (etwas verlegen) Schön, dass du da bist, Julia!

Marcel:            Wir haben schon auf dich gewartet.

Tim:                Wir wollten schon eins trinken gehen.

Julia:               Wie?

Tim:                War nur ein Spaß. (ironisch) Ich brenne schon auf diese Probe für dieses                         

wunderschöne Stück, eine freie Alliteration von "Momo und die Zeitdiebe."

Marcel:            Adaption, es heißt Adaption, Tim.

Tim:                Egal wie, bringen wir es hinter uns.

Julia:               Ist hier ne miese Stimmung. Ich glaub, ich geh gleich wieder.

Katrin:            Der Tim hat heute nur seinen schlechten Tag.

Julia:               Und was ist mit Herrn Hansen?

Marcel:            Der hat heute mal keine Zeit. Ich soll die Probe leiten.

Julia:               Na, dann mach mal.

Marcel:            Gut. 3. Szene. Lobo, also Julia, hat zusammen ihrem Freund (deutet auf sich)                 

einen der Wortdiebe aufgespürt, also Tim. Stell dir vor, du hast einen Sack auf               

dem Rücken, voller guter Worte. Den schleppst du triumphierend nach vorne.

Tim:                Okay. Muss ich eigentlich auch mein Nikolauskostüm anziehen und einen                       

weißen Bart ankleben?

Marcel:            (seufzt nur) Nein.

Tim:                (grinst, mimt die Szene, übertreibt dabei aber maßlos, ächzt und stöhnt.)

Marcel:            (schon ärgerlicher) Du trägst nur Worte. Die sind leicht wie Federn. Du trägst                

keine Kartoffeln.

Tim:                Manchmal können Worte aber ganz schwer sein, wie Messer oder - Schwerter.

Julia:               Das sind die bösen Worte. Die guten Worte, die sind anders. Weißt du                           

überhaupt, wie gute Worte sind?

Tim:                (tut so, als ob er überlegt) Gute Worte? Anscheinend nicht. Wie sind die denn?

Julia:               Wie ein Lufthauch, wenn es brütend heiß ist. Oder wie ein Sonnenstrahl, der                 

sich durch dunkle Wolken stiehlt. So etwa.

Tim:                Sehr poetisch. Weißt du, was ich glaube? Diese guten Worte sind meistens                     

nicht ehrlich.

Katrin:            So wie "Ist ein tolles Stück. Da mach ich mit, Herr Hansen."?

Julia:               (zu Katrin) Oder wie: "Schön, dass du da bist, Julia?"

Katrin:            (stammelt) Wieso?

Julia:               (äfft Katrin nach) Die Julia hat ja keine Ahnung vom Theaterspielen. Aber die                

Hauptrolle spielen.

Katrin:            Du hast gelauscht.

Julia:               War nicht nötig. Unsere Superschauspielerin hat ja eine deutliche Aussprache.

Katrin:            Okay, okay, es tut mir leid.

Julia:               Da weiß ich nicht, ob ich dir das glauben soll.

Katrin:            (kleinlaut) Es tut mir leid. Wirklich.

Marcel:            Diskutiert eure privaten Probleme nach der Probe. Sonst kommen wir gar nicht              

vorwärts.

Tim:                Recht hast du. Wenn wir uns ein bisschen beeilen, haben wir vielleicht noch                   

Zeit fürs "Ponte".

Marcel:            Also Tim schleppt oder besser trägt den Sack. Dann steht Julia vor ihm. Tim ist              

erschrocken und kann nur noch sagen: "Du hier?" Macht mal. (Szene wird gespielt)

Marcel:            Und jetzt dein Satz, Julia.

Julia:               "Die Worte gehören dir nicht! Du hast sie gestohlen!"

Tim:                "Gestohlen? Die Menschen haben sie vergessen. Ich hab sie nur mitgenommen."

Julia:               "Und ich bring sie wieder zurück! Jedes einzelne Wort! Du musst sie mir geben,            

wenn ich sie nenne. Das weißt du!"

Tim:                "Tu's nicht! Die Menschen verdienen diese Worte nicht!"

Julia:               "Aber sie brauchen sie. Also gib mir: 'Schön, dass du da bist.'"

Tim:                (widerwillig) "Hier." (übergibt etwas Imaginäres)

Marcel:            Bring es zum Publikum!

Julia:               Okay. (Bringt das Wort zum Publikum, geht wieder zu Tim) "Dann 'Ich danke               

dir.' Und 'Ich freue mich, wenn du wiederkommst.' (Wieder eine imaginäre                    

Übergabe und der Gang zum Publikum). Dann: 'Ich verzeih dir!'"

Marcel:            Das steht doch nicht im Text!

Julia:               (unbeirrt) "Dann 'Ich verzeih dir.'" (Tim übergibt langsam dieses imaginäre Wort.

Julia geht auch langsam zu Katrin und überreicht es ihr.)

Katrin:            (verblüfft) Was soll das jetzt?

Julia:               Nimm's nur.

Katrin:            (lächelt, zögert etwas, "nimmt" das Wort, geht zu Tim und sagt dann:) Und                    

jetzt: 'Danke.' ("reicht" Julia das Wort "Danke")

Julia:               ("nimmt" das Wort "Danke" Beide schauen sich strahlend an.)

 

© Dieter Opitz