"Über Wasser halten"

 

Vater und Sohn sitzen vor dem Fernseher; Mutter kommt hereingestürmt

 

Mutter:            (stemmt die Hände in die Hüften) Das ist wieder mal typisch. Ich komme von               

                        der Arbeit heim, in der Küche steht das Geschirr und ihr schaut Fernsehen!              

                        Typisch Männer! Ihr denkt wohl, der Aufwasch erledigt sich von selber!

Sohn:              Mach keinen Stress, Mudder! Komm setz dich her. Die Tagesschau hat gerade

                        angefangen.

Mutter:            (stutzt) Seit wann schaust du die Tagesschau? Du bist doch um die Zeit in

                        deinem Zimmer - vor deinem Computer.

Sohn:              Zuviel Computer ist nicht gut. Sagt ihr mir doch laufend. Ist doch viel besser,                

                        wenn ich mich zusammen mit meinen Eltern über das Tagesgeschehen                                

                        informiere und dann auf Arte einen Bildungsfilm schaue, das "Das Hochwasser                        

                        in Hamburg im Jahr 1962".

Mutter:            Das sind ja ganz neue Töne von dir. (wendet sich an den Vater) Wolfgang, was             

                        meinst denn du dazu?

Vater:              Ja sei doch froh, dass unser Bub so bildungshungrig wird. Ist ja Zeit geworden.

Mutter:            (zögerlich) Na gut. (setzt sich)

Vater:              Schon wieder eine Überschwemmung.

Mutter:            Wo denn?

Vater:              In Rumänien, glaub ich, an der Donau. Oder in Polen, an der, an der …

Sohn:              An der Weichsel, Papa. In Erdkunde bin ich gut. Aber weißt du. Das                              

                        Hochwasser damals in Hamburg war noch viel, viel schlimmer.

Vater:              Stell dir vor, da kommt auf einmal ein Hochwasser und dann steht alles unter                 

                        Wasser.

Mutter:            Manchmal kommt es mir vor, dass mein ganzes Leben unter Wasser steht.

Vater:              Wie? Jetzt übertreib nicht.

Mutter:            Ja, du hast gut reden. Du schiebst in deinem Büro eine ruhige Kugel, in so                      

                        einem Amt. Wärmst deinen Sessel und kommst dann wieder nach hause.

Vater:              Naja, so ruhig ist es auch wieder nicht.

Mutter:            Bei mir ist das schon was anderes. Mir sagt mein Chef: Frau Hübner, machen                 

                        Sie dies, machen Sie jenes. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie der mich                       

                        rumhetzt. Und daheim geht’s dann weiter mit dem Haushalt.

Vater:             Bis jetzt hast du dich doch gut über Wasser gehalten.

Mutter:            Sagst du. Mir steht es zur Zeit bis hier (macht die entsprechende                                      

                        Handbewegung)

Vater:              Werden schon wieder andere Zeiten kommen.

Mutter:            (seufzt) Hoffentlich.

Sohn:              Ist doch alles nichts gegen so ein Hochwasser.

Mutter:            Mir reicht's trotzdem. - Wo bleibt denn übrigens unsere Tochter.

Vater:              Die Sophie?

Mutter:            Wir haben nur eine Tochter.

Vater:              Die wird halt noch unterwegs sein.

Mutter:            So lang ist die doch nie auf der Arbeit.

Vater:              Heut halt schon.

Mutter:            Du machst dir wohl nie Sorgen.

Vater.              Doch. Ob zum Beispiel genug Bier im Haus ist.

Mutter:            Du machst dir wohl nie Gedanken wegen deiner Kinder.

Vater:              Naja, doch, zum Beispiel wegen der Noten von unserem Sohn. Heute waren                  

                        doch Halbjahreszeugnisse.

Sohn:              (nervös) Die Sophie ist bestimmt beim Paul.

Mutter:            Wer ist denn der Paul.

Sohn:              Na ihr neuer Freund.

Mutter:            Neuer Freund? Da weiß ich ja gar nichts davon.

Sohn:              Du musst ja nicht alles wissen. Die ist ja schon erwachsen.

Vater:              Im Gegensatz zu dir. Und jetzt raus mit der Sprache. Was ist mit dem Zeugnis?

Sohn:              (kleinlaut) Hat das nicht noch ein bisschen Zeit? Jetzt kommt doch gleich der                 

                        wunderschöne Kulturfilm auf Arte.

Vater:              Rück schon mit der Sprache raus.

Sohn:              Ich hol dir erst ein Bier, ja?

Mutter:            Zeig uns schon dein Zeugnis. Wird schon nicht so schlimm sein. Wirst dich                    

                        schon über Wasser gehalten haben, oder?

Sohn:              Sagen wir mal so: Mit ein paar kräftigen Schwimmzügen komme ich schon                     

                        wieder über die Wasseroberfläche.

 Vater:             Das klingt ja nicht sehr verheißungsvoll. Was hast du denn in Mathe?

Sohn:              Mathe? Also, das Hochwasser in Hamburg war viel schlimmer. Da sind sogar                 

                        Leute umgekommen. Also ich wollte sagen: die gute Nachricht heute lautet:                 

                        Ich lebe noch.

Vater:              Was hast du in Mathe?

Sohn:              Naja, in Mathe war ich nie so gut. Wenn ich richtig gesehen habe, war das ne… Fünf.

Vater:              Sauber. Und in Englisch?

Sohn:              Da haben wir einen neuen Lehrer. Der mag mich nicht.

Vater:              Also auch die Fünf.

Sohn:              (nickt)

Vater:              Und Latein?

Sohn:              Naja.

Mutter:            (schreit auf) Kevin, nein!!

Sohn:               Da hab ich wirklich Glück gehabt. In der ersten Schulaufgabe hatte ich die Vier.

Mutter/Sohn;  (gleichzeitig) Und in der zweiten Schulaufgabe ..

Sohn:              … habe ich auch Glück gehabt.

Mutter:            (atmet auf) Meine Nerven.

Sohn:              Hat zumindest der Lehrer gesagt. "Hast du ein Glück," hat er zu mir gesagt,                   

                        dass es nur sechs Noten gibt. Sonst hättest du eine Acht minus."

Mutter:            Nein!!!

Vater:              Also Mathe, Englisch, Latein die Fünf. Sonst noch was?

Sohn:              Nein, natürlich nicht. Bis auf Erdkunde vielleicht. Auch die Fünf. Aber das ist               

                        ja nicht so schlimm. Da muss ich bloß ein bisschen mehr lernen. In Erdkunde                       

                        bin ich ja gut. Über Hochwasser weiß ich alles, fast alles.

Vater:              So, so, vier Fünfen sind nicht so schlimm. Interessant.

Sohn:              Das wird schon wieder, Vadder.

Vater:              Und wie?

Sohn:              Naja, vielleicht ist so ein Kulturfilm bei Arte ein guter Anfang.

Vater:              Und wie sieht es mit Lernen aus?

Sohn:              Heute hat es, glaub ich, keinen Wert mehr.

Mutter:            Und wieso hast du uns die ganze Zeit nichts gesagt?

Sohn:              (begütigend) Ich wollt euch schonen. Reicht doch, wenn ihr euch nur einmal aufregt.

Vater:              (ironisch) So eine edle Gesinnung!

                       (Tür geht auf, Tochter kommt erschöpft rein)

Mutter:            Wo kommst du denn her?

Tochter:          Von der Arbeit.

Mutter:            Du hast so lange arbeiten müssen?

Tochter:          Nein. Bus verpasst.

Mutter:            Du hast doch ein Auto.

Tochter:          Ist heute früh nicht angesprungen. Dann musste ich mit dem Bus fahren. Kam               

                       natürlich zu spät auf die Arbeit. Der Chef war mieser Laune. Das neue Projekt                       

                       läuft nicht. Dann beim Mittagessen habe ich mir das Kleid mit Ketschup                                   

                       vollgesaut. Heute Nachmittag hieß ich bei den Kollegen nur noch "Ketschup-             

                       Lady". Und jetzt habe ich noch den Bus verpasst und musste heim laufen.                       

                       Mit steht's bis hier. (macht entsprechende Handbewegung)

Mutter:            Nicht nur dir. Sogar noch höher (macht entsprechende Handbewegung)

Vater:              Genau.

Sohn:              Ähm. Ich glaub, die Gelegenheit ist günstig: Ich hätt' da noch eine Kleinigkeit.              

                       Ihr müsst noch zwei Verweise von letzter Woche unterschreiben…

(Vater und Mutter stehen sprachlos da)

 

© Dieter Opitz