„Du wirst erwartet“  K&Q 1.4.10

 

(Mutter, Tochter und Sohn sitzen beim Frühstück. Vater kommt mit einem Brief dazu.)

 

Mutter:            Wer hat denn geklingelt?

Vater:              Der Briefträger.

Mutter.            Haben wir ein Paket bekommen?

Vater:              Nein, ein Einschreiben.

Mutter:             Ein Einschreiben? Ist das von der Polizei? (erhebt ihre Stimme, spricht zum Sohn) Kevin! Hast du wieder was angestellt?

Kevin:              Einmal Jugendstrafe langt. Ich lass mich nicht mehr so schnell erwischen.

Mutter:             Kevin, was hast du ...?

Vater:              (begütigend) Nichts von der Staatsanwaltschaft. Absender ist ein gewisser G  Ott, Hotel „Himmelreich“ in Seligenhausen.

Tochter.           Das klingt ja vornehm.

Sohn:               Das klingt nicht vornehm, das klingt wie die Adresse vom Christkind.

Mutter.            Jetzt mach halt endlich mal auf.

Vater:              (öffnet den Brief und liest) Ist eine Einladung.

Mutter:             Für wen?

Vater:              Für mich natürlich... und für meine Familie.

Tochter:           Zeig mal. (reißt Vater den Brief aus der Hand)

Vater:              (unwillig) Hey, das ist mein Brief.

Tochter:           (begeistert) Da ist ein Bild von dem Hotel drauf. So was hab ich ja noch nie gesehen. Das ist kein Hotel, das ist ein Palast!

Sohn:               Das ist bestimmt kein echtes. Ist das vielleicht eine Werbung von Playmobil?

Tochter:           Quatsch. Das ist echt. (liest) Wir laden Sie zu einem 6 Gänge Menu ein.

Mutter:             Das gibt’s doch nicht.

Vater:              (nimmt den Brief wieder an sich) Doch, das steht so da. Einladung zu einem 6 Gänge Menu in das 7 Sterne Hotel „Himmelreich“.

Sohn:               Haha, 7 Sterne Hotel gibt’s gar nicht. Zumindest nicht bei uns in Deutschland.

Vater.              Ich glaub, du hast recht. Nur das neue Hotel in Dubai, das wirbt mit 7 Sternen.

Mutter:             Das höchste Gebäude der Welt?

Vater.              Genau das.

Mutter             Und was kostet die Einladung?

Vater:              Nichts.

Mutter:            Was?

Vater:              Das kostet nichts, steht da.

Tochter:           Dann nichts wie hin!

Sohn:               Das ist bestimmt nur ein Trick. Die wollen uns dort hinlocken und dann sitzen wir bei irgend so einer Verkaufsveranstaltung. (imitiert eine Stimme) „Und dieser Sockenwärmer kostet für Sie nur 200 Euro!“

Mutter:             Aber wieso schicken die das mit Einschreiben? So viel Porto nur für eine Werbung?

Vater:              Das wäre tatsächlich sehr ungewöhnlich.

Mutter:             Vielleicht ist das ein Aprilscherz. Heute ist doch 1. April.

Vater.              (ratlos) Ich weiß nicht.

Sohn:               Gib mal her. Ich google mal die Adresse.

Vater:              Bitte.

Sohn:               (verschwindet mit Brief) Bin gleich wieder da.

Mutter:             Das kostet nichts, unglaublich. So ein Menu in so einem Hotel kostet doch Unsummen.

Vater.              Wart erst mal ab. Vielleicht  ist das wirklich nur ein Werbetrick.

Mutter:             Hab ich da überhaupt was zum Anziehen?

Vater.              Der ganze Schrank hängt voll, - mit deinen Klamotten.

Mutter:             Aber für so einen Anlass. Ich brauch was Neues.

Tochter:           (träumt) Ich kaufe mir ein todchices Kleid.

Vater:              Und wer soll das alles bezahlen?

Sohn:               (kommt zurück, mit aufgeregter Stimme) Das Hotel gibt’s wirklich! (Hält Papiere hoch) Ich hab die Infos gleich ausdrucken lassen. (liest vor) „Das einzige 7-Sterne-Hotel in Europa.“

Tochter:           In Europa? Ich denke, das Hotel ist in Deutschland.

Sohn:               (verdreht die Augen) Deutschland ist in Europa.

Tochter:           Ach so.

Sohn:               (liest weiter) „Bekannt ist das Hotel für seine kostenlosen Abendessen in unregelmäßigen Abständen. Nächster Termin: 27. Juni 2010.“ Das steht auch auf der Einladung drauf.

Vater.              (kopfschüttelnd) Das muss doch einen Haken haben.

Sohn:               So wie das aussieht, hat die Geschichte keinen Haken.

Mutter:             Ja, laden die vielleicht besonders verdienstvolle Menschen ein?

Vater:              Genau! Vielleicht krieg ich einen Orden!

Sohn:               Quatsch. Für was willst du einen Orden?

Vater:              Könnt doch sein!

Sohn:               Also hier steht: „Es werden keine besonders verdienstvollen Leute eingeladen sondern Menschen, die sonst nicht so oft eingeladen werden.“

Vater:              So? Und woher wollen die wissen, dass wir nicht so oft eingeladen werden?

Sohn:               Weiß ich auch nicht.

Mutter:             Aber das stimmt doch. Da letzte mal waren wir bei der Hochzeit von deinem Bruder eingeladen. Und das ist schon 10 Jahre her.

Vater:              So lang schon? – Also ich weiß nicht. Sollen wir wirklich dahingehen?

Sohn:               Ja, warum denn nicht?

Tochter:           Ich versteh den Papa schon. Wer geht denn da schon hin, wo alle wissen, dass wir das letzte mal vor 10 Jahren eingeladen worden sind.

Vater:              Wann ist das noch einmal?

Sohn:               27. Juni.

Vater:              Da spielt doch Deutschland im Achtelfinale.

Sohn:               Das ist doch noch gar nicht sicher.

Vater.              Außerdem: Was soll ich denn da anziehen? Ich hab doch nichts, nur meinen alten Anzug.

Sohn:               In der Einladung steht: „Kommen Sie mit ihren gewöhnlichen Kleidern. Machen Sie sich nicht besonders zurecht. Im Hotel werden Sie passend eingekleidet.“

Vater:              Das auch noch! Mit meinem alten Glump soll ich kommen! Damit ich mich vor allen schämen soll?

Sohn:               Das macht mir nichts aus. Ich komm mit meiner alten, löchrigen Jeans,. Hab eh nichts anderes.

Vater:              Du willst kommen? Wenn die wissen, dass wir nicht so oft eingeladen werden, dann wissen die auch, dass du mal was mit der Polizei zu tun gehabt hast.

Sohn:               Na und? Ist doch toll, dass die mich  trotzdem einladen!

Mutter:             Ich glaub, der Papa hat recht. Ich geh da auch nicht hin. Da muss man sich vielleicht bloß schämen.

Tochter:           Und ich auch nicht. Wenn ich da mein schönes neues Kleid nicht anbehalten darf.

Sohn:               Aber da steht drauf: „Sie werden erwartet!“ .

Vater:              Dann sollen sie halt warten. Ich komm nicht.

Mutter:             Ich auch nicht.

Tochter:           Ich bleib auch daheim und schau Fußball.

Vater:              Du schaust doch sonst nicht Fußball?

Tochter:           Aber am 27. Juni. Das weiß ich heute schon. Wir sind doch auch was Besonderes, nicht bloß „Leute, die sonst keiner einlädt.“!

Mutter:             Eben.

Vater:              Genau.

Sohn:               Und ich geh! Ich freu mich jetzt schon drauf!

 

© Dieter Opitz