„Back to the roots“  K&Q 18.3.07

 

In lockerer Runde sitzen die Moderatorin der Talkshow „Jansen“ Frau Jansen, sowie die Teilnehmer Sepp Wurzel im Trachtenlook, Mr. Trend, der im Laufe der Talkshow mehrmals sein Outfit wechselt, Frau Dr. Post-Modern (humorlos, mit Brille) und Christian Kreuz.

 

Jansen:             Herzlich willkommen zu unserer Talkshow „Jansen“.  Ungewöhnlich heute unser Sendeort. Unschwer zu erkennen für Sie, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer. Wir befinden uns heute in einer Kirche, im Nikodom von Bayreuth.

                        Unsere Teilnehmer heute: Herr Sepp Wurzel, Frau Dr. Modern-Post

Post-Modern:  (mokiert) Post-Modern, bitte.

Jansen:             Entschuldigung, Frau Dr. Post-Modern, Mr. Trend aus den USA, gerade mit dem Flieger vor wenigen Minuten angekommen und Herr Christian Kreuz. Unser Thema heute: „Gesellschaft ohne Wurzeln?“

Trend:              (mit leicht englischem Akzent) Was für eine Formulierung: „Gesellschaft ohne Wurzeln!“ Absolutely oldfashioned!

Jansen:             Was schlagen Sie vor?

Trend:              „No roots?“ oder so ähnlich. Das klingt doch viel cooler.

Jansen:             Mr. Trend, gleich an Sie die erste Frage: Was sind Ihre Wurzeln, pardon, Ihre „roots“?

Trend:              Roots? Von welchen Roots sprechen Sie? Bäume haben Roots. Bin ich ein Baum? Nein! Ich bin ein Mensch. Menschen haben Füße, okay? Füße sind zum Laufen da, zum sich bewegen.

Jansen:             Man kann auch drauf stehen.

Trend:              Ist das cool? Walken, Joggen, das ist trendy. Aber stehen? Man steht sich seine Beine in den Bauch, heißt das so auf Deutsch? (andere nicken) Ich brauche keine „roots“. Ich bin immer in Bewegung. O sorry! My cellphone! Ich lass mir immer die neuesten Trends per SMS durchgeben. Bin gleich wieder da! (nimmt sein Handy und verlässt den Raum)

Jansen:             Herr Wurzel, wie sieht das mit Ihren Wurzeln aus?

Wurzel:            Das sieht man doch! Meinen Anzug habe ich schon seit Jahrzehnten.  Den Hut hat schon mein Vater aufgehabt. (zeigt ihn in Richtung Post-Modern)

Post-Modern:  (hält sich die Nase zu) Das riecht man!

Wurzel:            (ungerührt) Und der Gamsbart stammt von einer Gams, die hat mein Urgroßvater geschossen,  noch zur Zeit von König Ludwig.

Jansen              Der mit den vielen Schlössern?

Wurzel:            Wer denn sonst? Es lebe die Monarchie!

Jansen:             Sie sind also sehr traditionsverbunden.

Wurzel:            Das kann man sagen. Trachtenanzug, ein Maß Bier, Schnupftabak, jagen, - mit einem richtigen Gewehr natürlich, - und die Monarchie, - die bayerische natürlich. Mit den Hohenzollern, den Saupreußen, wollen wir nichts zu tun haben. Das ist mein Leben.

Trend:              (kommt wieder und trägt ein Nachthemd mit Mütze)

Jansen:             Sie sind schon müde?

Trend:              O no! Das ist jetzt absolut trendy! Das trägt man jetzt!

Jansen:             Herr Kreuz, wie trendy sind Sie?

Kreuz:              Nun, wie Sie wissen, trage ich als Zeichen meiner inneren Überzeugung dieses Kreuz. Ich trage es nicht, weil es trendy ist sondern weil es zeitlos ist.

Trend:              Zeitlos? Wie langweilig! O sorry! My cellphone! Bestimmt ein neuer Trend! Bin gleich wieder da!

Jansen:             „Das zeitlose Kreuz“.  Frau Dr. Post-Modern, wie sehen Sie die Aussage von Herrn Kreuz?

Post-Modern:  Wenn einer etwas als zeitlos bezeichnet, dann ist das eine unglaublich anmaßende Aussage. Zeitlos heißt ja: Das gilt für immer! Das ist finsterstes Mittelalter, zweifellos. Fundamentalismus in der reinsten Form.

Jansen:             Wie sehen Sie das, Herr Wurzel: Ist das Kreuz zeitlos?

Wurzel:            Zeitlos? Das vielleicht nicht gerade. Aber schon sehr alt. Es gehört auf jeden Fall zu unserer bayerischen Kultur dazu.

Jansen:             Eine Aussage, der Sie zweifellos zustimmen, Herr Kreuz.

Kreuz:              Nein, absolut nicht. Das Kreuz gehört nicht zu unserer Kultur dazu

Jansen:             Wie bitte?

Kreuz:              Das Kreuz ist die Grundlage unserer Kultur. Wenn das Kreuz in unserer Gesellschaft keine Rolle mehr spielt, dann geht sie unter.

Post-Modern:  Dafür kommt dann eine neue.

Jansen:             Welche Gesellschaft mit welchen Wurzeln?

Post-Modern:  Welche? Das ist doch uninteressant. Jeder hat andere Wurzeln. Ich die, Sie jene. Manche haben keine. Das ist das Leben. Und alle haben recht.

Jansen:             Alle?

Post-Modern:  Bis auf die, die sagen, nur sie haben recht, diese Fundamentalisten.

Jansen:             Ja glauben Sie denn, Sie haben nicht recht?

Post-Modern:  Ich glaube nicht nur, ich habe recht, wenn ich sage, dass alle recht haben, außer denen, die sagen, dass nur sie recht haben. Ich habe tatsächlich recht! Alles andere widerspricht den Parametern unserer Zeit!

Jansen:             Meinen Sie wirklich: Nur Sie haben recht, wenn Sie sagen, dass alle recht haben, außer denen, die sagen, dass nur sie recht haben und Sie deshalb nach Ihrer eigenen Meinung nicht recht haben dürften?

Post-Modern:  Das ist viel zu einfach, wie Sie das formulieren. Es ist alles viel komplexer.

Trend:              (kommt wieder und trägt ein Nachthemd, einen Hut mit Gamsbart wie Herr Wurzel, eine Brille wie Frau Post-Modern und ein Kreuz wie Herr Kreuz.)

Jansen:             Interessanter Look!

Trend:              (begeistert) Es gibt absolut neue Umfragewerte. Nicht zuletzt auf Grund Ihrer Sendung, Frau Jansen, ist nun absolut in: mein Nachthemd, die Brille von Frau Post-Modern, der Hut von Herrn Wurzel und das Kreuz von Herrn Kreuz. „Alle haben recht!“ heißt dieser Look!

Jansen:             Und wie lange hält dieser Trend?

Trend:              Weiß niemand. Der Trend macht, was er will. Heute so, morgen so. (Nimmt wieder sein Handy) O sorry, my cellphone! (geht weg)

 

                        © Dieter Opitz, Bayreuth