Anspiel zum "Kreuz und quer - Gottesdienst" am 24.1.99

"Holt mich raus!"

(Im Altarraum sind einige Tische zusammengestellt. Nach vorne sind sie mit Decken oder etwas Ähnlichem abdeckt. In der Mitte ist ein Loch. Die Tische bilden die Bühne, auf der die einzelnen Personen agieren.)

Stimme: Holt mich raus! Warum holt mich denn hier keiner raus!
Muslim: Ist hier jemand?
Stimme: (lauter)Ja, hier, hier unten!
Muslim: (bückt sich) Mann, geht das tief runter!
Stimme: Endlich ist jemand da! Ich hab schon gedacht, kein Mensch holt mich hier raus!
Muslim: Moment mal, vom Rausholen war nicht die Rede! Wie bist du überhaupt hier reingekommen?
Stimme: Das tu doch nichts zur Sache! Hol mich raus!
Muslim: Ich muß erst wissen, warum du in diesem Loch bist!
Stimme: Blöde Frage! Ich bin natürlich reingefallen! Meinst du, ich bin freiwillig hierein geklettert? Ich hab nicht aufgepaßt. Hab nicht auf meinen Weg geachtet. Und schon war ich drin.
Muslim: Heißt das, daß du selber an deiner Lage schuld bist?
Stimme: Ja, ja, natürlich. Ich war wirklich zu dämlich, daß ich da reingefallen bin. Aber jetzt hol mich raus.
Muslim: Wenn du wirklich selber dran schuld bist, kann ich dich nicht rausholen.
Stimme: Wie bitte? Das ist doch nicht dein Ernst!
Muslim: Doch. Du hast nicht aufgepaßt. Und Allah hat dich dafür bestraft. Füg dich in dein Schicksal. Das ist Kismet. Vielleicht ist Allah dir ja noch einmal gnädig.
Stimme: Aber du kannst mich doch nicht hier drin lassen!
Muslim: (Ist schon weitergegangen:)
Stimme: Holt mich raus!
Buddhist: (kniet nieder) Ach du Armer! Ich kann dir helfen!
Stimme: Super! Hast du wohl ein Seil oder so was ähnliches dabei?
Buddhist: Nein, meinst du, ich laufe immer mit einem Seil in der Gegend herum?
Stimme: Nein, natürlich nicht. Aber du sagtest doch gerade, du kannst mich rausholen!
Buddhist: Habe ich nicht gesagt. Ich habe gesagt, ich kann dir helfen.
Stimme: Ja, aber mir ist doch nur geholfen, wenn du mich rausholst!
Buddhist: So einfach ist das nicht. Du bist in einer mißlichen Lage. Okay. Was dir jetzt wirklich hilft, ist eine Bewußtseinsveränderung.
Stimme: Aber dann bin doch immer noch in diesem blöden Loch.
Buddhist: Stimmt. Aber wenn du dich entspannst und meditierst, dann ändert sich dein Bewußtsein. Du merkst dann, die Welt, die dich umgibt, ist nur Schein. Sie ist unwirklich, nicht wichtig.
Stimme: Das Loch, in dem ich sitze, ist nicht unwirklich. Es ist dunkel und kalt und feucht. Wenn das nicht wirklich ist.
Buddhist: Du täuschst dich! Du brauchst ein neues Bewußtsein, und dann wirst du irgendwann einmal von deinen Leiden erlöst. Dann kommst du ins Nirwana.
Stimme: Ja, und wann wird das der Fall der sein.
Buddhist: Vielleicht nach ein paar tausend Jahren, wenn du Glück hast, geht es auch ein bißchen schneller.
Stimme: Wie bitte? Dann bin ich doch längst tot!
Buddhist: Natürlich. Du wirst immer von neuem geboren werden, bis dein Bewußtsein sich ins Nirwana auflöst. Das dauert natürlich eine Weile
Stimme: Beim Nescafé geht das sich Auflösen aber schneller. Ich brauche keine Veränderung meines Bewußtseins. Ich brauche eine Veränderung meiner Lage.
Buddhist: Wie du meinst. Ich wollt dir nur helfen. (geht weiter)
Stimme: Holt mich raus! Holt mich doch endlich raus!
Cooler Typ: (kommt vorbei, bleibt stehen) Mann, da ist ja einer unten. Muß ja cool sein, in so 'nem Loch.
Stimme: Ist sogar ziemlich kühl.
Cooler Typ: Mann, in so'n Loch zu springen, muß cooler wie Bunjeejumping sein.
Stimme: Ich bin da nicht hineingesprungen. Ich bin doch nicht irre. Ich bin da hineingefallen.
Cooler Typ: Ach so. Dann gefällt es dir also nicht da unten?
Stimme: Kann man wohl sagen.
Cooler Typ:  Paß auf. Ich hab' heute meinen guten Tag. Ich leihe dir für ein paar Stunden meinen Walkman. Ich habe 'ne absolut coole Musik drin. Tut dir sicher gut. Bläst dein Gehirn mal richtig durch. Auf meinem Rückweg hole ich meinen Walkman wieder ab. Okay?
Stimme: Ich brauche deinen blöden Walkman nicht, Ich will hier raus!
Cooler Typ: Mann, bist du schlecht drauf. Mit solchen Leuten hab ich gar nicht gern zu tun. Verderben einem nur die gute Laune.
Stimme: (schreit) Ich will hier raus! Kapierst du das nicht!
Cooler Typ: (beleidigt) Aggressiv wird er auch noch. Und dem hätte ich beinahe meinen Walkman geliehen. Wer nicht gut drauf ist, der kriegt von mir nichts! (geht weiter)
Stimme: Bleib doch da, ich hab's nicht so gemeint. Ich will doch nur, daß mich hier einer rausholt!
Betrunkener: (stolpert durch die Gegend) Hoppla, jetzt wäre ich doch beinahe in dieses Loch gefallen. Das hätte bös ausgehen können.
Stimme: He, du da oben! Hol mich doch bitte raus!
Betrunkener:  Du spinnst wohl! Ich kann mich selber kaum noch auf den Beinen halten. Wie soll ich dich in dem Zustand rausholen? Dann liege ich auch noch da unten in diesem Loch. Das ist mir viel zu gefährlich.
Stimme: Dann hol doch wenigstens Hilfe!
Betrunkener: Und wer hilft mir? Ich brauch doch auch Hilfe! Das sieht man doch. Ich kann dir höchstens meinen Flachmann runterwerfen. Guter Stoff drin. Wärmt dich, du vergißt alles, - wenigstens für eine Zeitlang. Willst du?
Stimme: Ich will hier raus!
Betrunkener: Na, dann eben nicht. Vielleicht findest du ja noch einen Dummen, der sich wegen dir die Hände schmutzig macht.
Stimme: Versprich mir, du holst Hilfe, ja? Bitte, bitte!
Betrunkener: (wankt weiter)
Stimme: Er ist einfach weitergegangen. Holt mich denn keiner raus?
Esoteriker: (Kommt vorbei und spricht ins Loch) Deine Stimme klingt aber sehr verzweifelt! Ist doch gar kein Grund dazu vorhanden!
Stimme:  Du hast gut reden. Du bist ja nicht in diesem Loch.
Esoteriker: Irgendwie sind wir alle in einem Loch. Aber das ist nicht so schlimm.
Stimme: Nicht so schlimm?
Esoteriker: Ja, take it easy, sag ich mir immer wieder. Denke positiv!
Stimme: Was soll denn an meiner Lage positiv sein?
Esoteriker: Nun, du bist allein, dir geht keiner auf die Nerven. Du bist in einer Lage, die etwas Besonderes ist.
Stimme: Na, das ist ein Trost.
Esoteriker: Wenn dir das nicht hilft. Ich hab auch ein Pendel dabei oder Tarotkarten. Hilft echt, wenn man daran glaubt! Die Karten zeigen dir die Zukunft, das Pendeln beruhigt ungemein. Ich mach dir einen Freundschaftspreis: Hundert Mark Ach ja, und dein Tageshoroskop! Ich trag es immer bei mir! Welches Sternzeichen bist du denn?
Stimme: Was soll mir denn mein Horoskop helfen? Und die Karten, und das Pendel? Ich will hier raus!
Esoteriker: Ja, interessiert dich denn nicht deine Zukunft?
Stimme: Doch aber momentan brauche ich etwas anderes. Ich brauche jemand, der mich hier rausholt!
Esoteriker: Warum hast du das nicht gleich gesagt! Das kann ich natürlich nicht? Kann ich Wunder tun? Außerdem habe ich keine Zeit mehr.
Stimme:  Wieso holt mich denn hier keiner raus!
Pessimist: Man ist das 'ne bescheuerte Lage, in der du bist. Wenn ich da unten wäre, hätte ich mir schon längst die Kugel gegeben.
Stimme: Hol mich raus. Du bist meine letzte Rettung!
Pessimist: Wieso willst du eigentlich raus? Da unten hast du wenigstens deine Ruhe. Die Welt, in der wir leben, ist doch beschissen! Mach lieber Schluß!
Stimme: Wie bitte?
Pessimist: Mach Schluß. Es gibt nichts Besseres.
Stimme: Und wieso hast du dann noch nicht Schluß gemacht?
Pessimist: Wenn's mir so schlecht ginge wie dir, hätte ich schon längst Schluß gemacht, glaub mir. Aber momentan habe ich mich für die zweitbeste Möglichkeit entschieden.
Stimme: Und die wäre?
Pessimist: Selbstmitleid. Zieht einen so richtig runter.
Stimme: Unten bin ich ja schon. Tiefer geht's gar nicht.
Pessimist: Na, also, du siehst es schon selber ein, wie dreckig es ist dir geht. Willst du es jetzt tun?
Stimme: Was denn?
Pessimist: Na, Schluß machen! Ich hab hier einen Revolver. Ich kann dir sagen, wie man es am besten macht. Du mußt nur ...
Stimme: (verzweifelt) Hör auf! Ich will davon nichts hören! Ich will hier raus!
Pessimist: (schüttelt den Kopf) Ein hoffnungsloser Fall. Er glaubt wirklich, daß er hier rauskommt. Da kann ihm keiner helfen.