Anspiel "Komm wie du bist", Kreuz&Quer vom 24.3.05

(Vater, Mutter, Sohn und Tochter bereiten sich auf die Konfirmation des Sohnes vor. Der Sohn hantiert verzweifelt mit der Krawatte herum. )

Sohn:Mama!
Mutter:(eilt herbei, mit besorgter Stimme) Was ist denn, Bub?
Sohn:(kommt beim Binden der Krawatte nicht zurecht) Die blöde Krawatte. Hilf mir mal!
Mutter:Also da kann ich dir auch nicht helfen. Da brauchen wir den Papa. (ruft mit verzweifelter Stimme) Ewald! Komm schnell! Wir brauchen dich!
Vater: (kommt) Ich komm ja schon. Wen muss ich denn ins Krankenhaus fahren?
Mutter:Wenns so weitergeht, kannst du mich fahren, und zwar ins Bezirkskrankenhaus. Ich dreh bald durch. Erst ist ein Fleck auf meinem Kleid. Ich musste mich noch einmal total umziehen. Und dann kann der Bub seine Krawatte nicht binden. Ich frag mich , was die heute in der Schule lernen. Und die Tochter hat noch vor fünf Minuten im Bett gelegen. Wir kommen noch zu spät  zur Konfirmation von unserem Sohn. Die Schande!
Vater:Also, was soll ich jetzt machen? Dich ins Bezirkskrankenhaus fahren? Oder das Kleid in die Reinigung? Oder am Sonntag früh den Lehrer von unserem Buben anrufen, warum er ihm das Krawattenbinden nicht beigebracht hat? Oder den Pfarrer, dass er noch ein wenig warten soll, weil wir heute später kommen?
Mutter:(lacht gekünstelt) Haha, natürlich dem Buben seine Krawatte binden, was denn sonst, du Witzbold.
Vater:Wieso muss der Bub auch unbedingt eine Krawatte umbinden? Eine Fliege wäre doch viel chicer.
Mutter:Du wirst doch eine Krawatte binden können!
Vater:Freilich, gib einmal her. Das muss ich an meinem Hals machen.
Mutter:Mach schnell, die Oma müssen wir ja auch noch abholen.
Vater:Ja, ja. Wir schaffen schon noch alles.
Tochter:(kommt noch etwas verschlafen wirkend auf die Bühne, leger gekleidet mit Jeans)
Mutter:(entsetzt) Stefanie, du willst doch nicht in dem Aufzug zur Konfirmation von deinem Bruder gehen?!
Tochter:(trocken) Wieso denn nicht?
Mutter:(schnappt nach Luft) Wir gehen in die Kirche, meine Tochter! Zu einem festlichen Anlass! Ja, willst du denn in Jeans und Pullover zum Abendmahl gehen?
Tochter:Ich hab doch noch einen Mantel drüber. Das sieht doch keiner. Außerdem frage ich mich wirklich, was das Abendmahl mit festlicher Kleidung zu hat.
Mutter:Ja, das ist doch wohl das Wichtigste! Du kannst doch nicht so abgeranzt durch unsere Kirche zum Altar vorlaufen!
Tochter:Das kann ich schon.
Mutter:Ewald? Sag doch du auch was! Schau doch deine Tochter an! Die kann doch nicht so in die Kirche und zum Abendmahl gehen!
Vater:(kämpft mit der Krawatte) Bin ich der Experte fürs Abendmahl? Frag doch deinen Buben. Der hat doch das jetzt erst gelernt, oder, Matthias? Hat der Pfarrer was von einer abgeranzten Jeans gesagt?
Sohn:(überlegt) Ich glaub nicht. Aber ich kann ihn ja heute noch fragen.
Vater:(zur Mutter) Na also.
Mutter:Ja, soll dann deine Tochter in diesem Aufzug in die Kirche gehen?
Vater:Das muss sie doch selber wissen. Mir ist das egal. Diese blöde Krawatte!
Mutter:Das ist wieder mal typisch für dich. Ich glaube, du würdest auch, wenn du könntest, in deinem Trainingsanzug zur Konfirmation deines Sohen gehen.
Tochter:Mama, komm, das sind doch bloß Äußerlichkeiten. Außerdem, ich kann doch auch in der Bank sitzen bleiben. Wieso muss man denn überhaupt zum Abendmahl? Sag mirs Mama!
Mutter:Man muss, weil ... (überlegt) weil man halt muss. Das gehört halt dazu. Das hat schon immer dazu gehört.
Tochter:Tolle Antwort, echt.
Vater:Matthias, du musst das doch jetzt wissen: Wozu ist denn das Abendmahl da?
Sohn:(überlegt) Das Abendmahl, das Abendmahl, ich glaube das ist gut fürs Gedächtnis?
Mutter:Fürs Gedächtnis?
Sohn:Es heißt doch: Solches tut zu meinem Gedächtnis...
Mutter:Ich glaube, da hast du irgendwas falsch verstanden.
Sohn:(strahlt) Mir fällt doch noch was ein: Das Abendmahl ist zur Vergebung der Sünden da, hat unser Pfarrer gesagt.
Vater:Welche Sünden denn bitteschön? Wir haben doch keine Sünden! Zumindest ich nicht! Ich bin nicht einmal in der Verkehrssünderkartei in Flensburg. (leiser) Zumindest nicht mehr. Und Mutter: Bist du eine Sünderin?
Mutter:(schaut pikiert) Was sagst du da für Sachen!
Vater:Beim Essen hast in letzter Zeit gesündigt. Mal schauen, ob du noch aufs Konfirmationsbild draufpasst. Aber die modernen Kameras haben ja eine Panoramafunktion.
Mutter:Ewald!
Vater:War doch bloß Spaß!
Tochter:Sünde gabs doch bloß im Mittelalter. Vergebung der Sünden, das kann doch heute beim Abendmahl keine Rolle mehr spielen.
Sohn:(ängstlich) Geht ihr dann wohl nicht zum Abendmahl?
Vater:Keine Angst, meine Sohn. Der Pfarrer soll immer so einen guten Wein nehmen, habe ich gehört. Allein deshalb lohnt es sich.
Tochter:Der gute Wein kann ja wohl nicht das Entscheidende beim Abendmahl sein.
Mutter:Ob guter oder schlechter Wein, auf jeden Fall ziehst du dich um.
Tochter:Das werde ich nicht tun.
Mutter:(aufgelöst) Dann, dann bleibe ich zu hause.
Vater:Ich bleibe auch gleich zu hause, wenn ich denn blöden Strick da nicht gleich hinkriege!
Sohn:(ängstlich) Muss ich wohl alleine zu meiner Konfirmation?
Tochter:Ich geh schon mit. Aber nur mit der Jeans.
Mutter:(weint) Womit habe ich so eine Tochter verdient!
Vater:(wirft wütend die Krawatte auf den Boden) So ein Glump! Sag mal, Matthias, hat der Pfarrer was von einer Krawatte gesagt?
Sohn:(überlegt) Ich glaube nicht.
Vater:Dann schau ich mal nach, ob ich eine Fliege finde, die dir passt.
Mutter:(hysterisch) Du kannst doch jetzt nicht noch eine Fliege suchen! Wir kommen hoffnungslos zu spät! Du, du spinnst doch!
Vater:So, ich spinne? Wenn ich mich noch weiter mit der Krawatte abquäle, dann kommen wir zu spät, du dumme Kuh!
Mutter:Was hast du gesagt?
Vater:Ich sag es nicht noch einmal. Du hast es genau gehört.
Tochter:Echt ätzend, Papa.
Papa:Die Mama hat angefangen. Und du brauchst gar nichts sagen: Du bist wohl unserer Heilige!
Mutter:(heult) Neben dich setze ich mich heute nicht in der Kirche.
Vater:Mach, was du willst. Ich hol jetzt eine Fliege.
Tochter:Und so wollt ihr jetzt wohl zum Abendmahl?
Sohn:(begütigend) Die können schon. Das Abendmahl ist doch zur Vergebung der Sünden da, hat der Pfarrer gesagt, und ich glaube, der Jesus auch.
© 2005 by Dieter Opitz