Anspiel Kreuz und quer 23.1.00

"Kein Schwein ruft mich an!"

1. Frau: Sie wünschen?
2. Frau: (etwas zaghaft) Ich möchte gerne eine Annonce aufgeben
1. Frau: Haben Sie den Text dabei?
2. Frau: Ja. Ich habe ihn aufgeschrieben.  (verschämt) Es ist eine Kontaktannonce.
1. Frau:  In ihrem Alter? Sie sind doch höchstens 20!
2. Frau:  (flüstert fast) 19.
1. Frau:  In Ihrem Alter, da bin ich mit meinem Karl - Otto Händchen haltend durch den Hofgarten spazieren gegangen.
2. Frau: Bis vor ein paar Wochen habe ich das auch gemacht. Natürlich nicht mit Ihrem Karl - Otto sondern mit meinem Hans - Günther.
1. Frau: (mitfühlend) Ich verstehe. Und jetzt wollen Sie auf diese Weise einen Neuanfang ... Also, ich wünsche Ihnen viel Glück.
2. Frau: (den Tränen nahe) Danke. Dabei hätte ich das dem Hans - Günther gar nicht zugetraut.
1. Frau: War er so gemein?
2. Frau: Mit der Sabine, meiner besten Freundin, meiner ehemaligen Freundin natürlich, geht er jetzt.
1. Frau: Das ist ja direkt tragisch. Also, mein Karl - Otto hat zwar keine Freundin, aber er hat seinen Fernseher, seinen Fußball und sein Flaschenbier. Wissen Sie, das ist noch viel schlimmer.
2. Frau: Aber Sie haben Ihren Karl _ Otto wenigstens noch. Aber ich  habe meinen Freund und meine Freundin verloren.
1. Mann: Und ich verliere gleich die Geduld. Ich möchte nämlich auch eine Anzeige aufgeben und mir nicht stundenlang irgendwelche sentimentalen Geschichten anhören.
1. Frau: (empört) Ich versuche einer einsamen Seele Trost zu spenden und Sie sprechen von sentimentalen Geschichten. Unerhört! Da sieht man wieder mal, wie die Männer sind! Sie sind wohl nie einsam?
1. Mann: Nein, natürlich nicht. Ich habe doch meinen Computer. Habe mir gestern wieder einen neuen gekauft. Pentium III, 700 Megahertz, wenn Ihnen das was sagt. Und meinen alten will ich verkaufen. Deshalb bin ich hier. Will eine Anzeige aufgeben. Hier bitte, steht alles da drauf. (legt einen Zettel auf den Tisch.)
2. Frau: Also ich verstehe nicht, wieso Sie mit Computer nie einsam sind. Mit einem Computer können Sie doch nicht reden. Der ruft Sie auch nicht an, und Sie können ihn nicht anrufen.
1. Mann: Das nicht, aber es ist sehr unterhaltsam mit ihm. Es gibt so viel interessante Computerspiele. Da brauchen Sie keinen Menschen. Die stören eher. Außerdem habe ich einen Internetanschluß. Das können Sie gar nicht glauben, wie viele Neuigkeiten man da erfahren kann. Übrigens kann man übers Internet sich mit vielen Menschen unterhalten. Was meinen Sie, wen ich letzte Woche kennengelernt habe: Bill Clinton, Micky Maus, Batman und die 101 Dalmatiner.
1. Frau:  Wie bitte?
1. Mann:  Das sind natürlich nur Decknamen. Die echten Namen kenne ich nicht, ich weiß auch nicht wo sie wohnen und wie sie leben. Aber das ist ja egal. Hauptsache, man kann ein bißchen miteinander quatschen. Liebeskummer oder so etwas gibt es da natürlich nicht.
2. Frau:  Aber so ein Talk im Internet ist doch sehr anonym, wenn man nicht einmal seinen Namen kennt.
1. Mann: Das macht die Sache nur reizvoll.
1. Frau: Und Sie brauchen also gar keinen Menschen?
1. Mann: Ganz ohne geht's natürlich nicht. Ich wohne zwar allein, aber meine Wäsche bringe ich meiner Mutter schon noch vorbei.
1. Frau: Das ist mal wieder typisch. Fürs Waschen und Bügeln braucht ihr Männer uns. Sonst nicht.
2. Mann: Fürs Kochen und Geschirr spülen brauchen wir die Frauen schon auch noch.
2. Frau: Das hat mein Karl - Günther auch immer gesagt. Die Männer sind doch alles gleich. Wollen sich nur von uns Frauen bedienen lassen.
1. Frau: Und so eine Frau wollen Sie sich wohl mit einer Annonce angeln: häuslich, Heimchen am Herd...
2. Mann: Nein, nein. Von Frauen habe ich genug. Mein bester Freund ist das Auto. Ich will mit gerade wieder ein neues kaufen. Wie jedes Jahr. Und das alte will ich per Annonce verkaufen. Vorausgesetzt ich komme heute noch dazu.
2. Frau: Ich könnte ja mal meine Annonce aufgeben.
1. Mann: Gute Idee.
2. Frau:  Ich diktiere Ihnen mal den Text. "Einsame Seele (19 Jahre alt) sucht nach einer großen Enttäuschung einen treuen Freund, der es ernst mit ihr meint."
2. Mann: Darf ich Ihnen mal einen kleinen Tip geben? Auf diese Anzeige meldet sich nur ein deutscher Schäferhund. Der ist nämlich ein treuer Freund. Außerdem: Wer will schon eine einsame Seele?
2. Frau: Abe ich bin doch einsam!
2. Mann: Natürlich. Wir alle sind hier einsam. Aber das gibt man doch nicht zu, klar?
2. Frau:  Na, dann machen Sie doch mal einen Vorschlag!
2. Mann: Wie wär's damit: "Junge Frau, attraktives Äußere, 19 Jahre, sucht einen coolen Typen zwecks gemeinsamer Freizeitgestaltung."
2. Frau: Aber ich will doch gar keinen coolen Typen. Ich will jemand, der für mich da ist, der mir zuhört, mit dem ich mich gut unterhalten kann, der nicht gleich wieder wegläuft, wenn er eine andere sieht, die ihm auch gefällt.
2. Mann: Ob Sie so einen Menschen finden?
2. Frau: Nach dem Gespräch hier mit Ihnen beiden glaube ich das selbst bald nicht mehr. (nachdenklich) Ich glaube, ich lasse die Sache mit der Anzeige. Ich kaufe mir lieber einen deutschen Schäferhund.