Anspiel zu "Gott rechnet anders" - K&Q vom 16.2.03

Mitwirkende:Richter, Klägerin, Zeugin der Anklage, Rechtsanwalt, der Angeklagte Herr Groß, Gerichtsdiener
Requisiten:mehrere Stühle, ein Tisch, dicke Bücher auf dem Tisch, Talar des Richters

(Per Videobeamer werden die Worte eingeblendet: „Richter Schnuff: Heute: Wir wurden ausgebeutet!“ Entsprechende Musik einer aktuellen Gerichtsendung wird gespielt.)
Gerichtsdiener: Ich bitte die Anwesenden sich zu erheben. (nicht nur Mitwirkenden, auch die Zuhörer, erheben sich)
Richter: Die Gerichtsverhandlung in Sachen Fleiß gegen Groß ist eröffnet. Das Wort hat zunächst die Vertretung der Anklage. Bitte schön, Herr Rechtsanwalt.
Rechtsanwalt: Sehr verehrter Herr Richter, sehr verehrte Damen und Herren. Ich möchte Ihnen in kurzen Worten den Vorfall schildern: Der Angeklagte Herr Groß, hat im letzten Sommer über eine Annonce für einen Monat für sein Hotel mehrere Hotelangestellte gesucht. Kein unüblicher Vorgang, denn es war Hochsaison. Meine Mandatin, Frau Fleiß, hat sich auf die Annonce hin beworben. Sie hat auch eine Stelle bekommen. Pünktlich am 1. August trat sie ihren Dienst an. Sie hat jeden Tag fleißig gearbeitet, hat niemals gefehlt. Dann kam der letzte Tag ihres Arbeitsverhältnisses. Sie freute sich schon auf die Lohnauszahlung. Alle Hotelangestellten, die in diesem Monat bei Herrn Groß gearbeitet hatten, sollten am letzten Abend ihren Lohn in bar bekommen. Doch nun erlebte Frau Fleiß eine böse Überraschung. Sie bekam nur einen Bruchteil des Lohnes, der ihr zustand. Herr Groß hatte sie auf eine gemeine Art und Weise ausgenutzt und sie mit einem Taschengeld abgespeist!
(per Videobeamer werden die Worte eingeblendet: „Rechtsanwalt: Große Gemeinheit!“
Klägerin: (weint während der Worte des Rechtsanwaltes)
Richter: Frau Fleiß, wollen Sie sich selbst zu dem Vorfall äußern?
Klägerin: Gerne, Herr Richter! Also es war so: Herr Groß(wirft dem Angeklagten einen abfälligen Blick zu) saß hinter einem Tisch und zahlte das Personal aus. Zuerst hat er die Leute ausbezahlt, die er nur für ein paar Tage eingestellt hatte. Und dann kamen wir dran, die wir den ganzen Monat im Hotel gearbeitet haben, ja geschuftet hatten. Und wir bekamen den gleichen Lohn! Keinen Cent mehr! Ein klarer Fall von Ausbeutung.
(Per Videobeamer werden die Worte eingeblendet: „Klägerin: Wir wurden ausgebeutet!“
Richter: Haben Sie Zeugen für diesen Vorgang?
Klägerin: Ja, selbstverständlich! Hier, Frau Kellner, hat diese Ereignis so wie ich miterlebt!
Richter: Frau Kellner, schildern sie mal den Vorgang so, wie Sie ihn erlebt haben.
Zeugin 1: Ich habe der Schilderung von Frau Fleiß nichts hinzuzufügen. Es war genauso, wie Frau Fleiß es erzählt hat. Es war schrecklich! Wir waren alle wie geschockt!
(Per Videobeamer werden die Worte eingeblendet: „Zeugin: Großer Schock!“
Richter: Wer sind „alle“?
Zeugin 1: Na alle anderen, die den ganzen Monat im Hotel von Herrn Groß gearbeitet haben. Er hat sie alle um ihren Lohn betrogen!
Richter: Herr Groß, Sie haben die Anklage gegen Sie gehört. Was haben Sie dazu zu sagen?
Angeklagter: Es stimmt, was Frau Fleiß gesagt hat: Alle haben den gleichen Lohn bekommen!
(Per Videobeamer werden die Worte eingeblendet: „Angeklagter: Geständnis?“
Richter: (überrascht) Wie bitte?
Klägerin: (erregt) Da sehen Sie, Herr Richter, da gibt dieser Mann ja selber zu, was für ein Lump er gewesen war!
Zeugin 1: Gib uns unseren Lohn, du Geizhals!
(Per Videobeamer werden die Worte eingeblendet: Tumult im Gerichtssaal!“
(Die beiden Frauen machen Anstalten, auf den Angeklagten loszugehen)
Richter: Aber meine Damen, ich bitte Sie, beruhigen Sie sich doch! Beruhigen Sie sich! Wir sind hier in einem Gerichtssaal. Ich verfüge eine Ordnungsgeld in Höhe von 50 Euro gegen Sie!
(Die Frauen lassen wieder vom Angeklagten ab.)
Richter: Ich nehme an, Herr Groß, Sie sind mit Ihrer Aussage noch nicht am Ende. Angeklagter: Das stimmt, Herr Richter. Also, die Leute, die drei Tage in meinem Hotel gearbeitet haben, bekamen den gleichen Lohn wie die, die einen ganzen Monat dort angestellt waren. Es waren 3000 Euro. Ein ordentlicher Lohn, wie ich meine.
Richter: 3000 Euro?
Angeklagter: Ja.
Richter: (ungläubig) Dann hätten Frau Fleiß und Frau Kellner 30.000 Euro im Monat verdient?
Angeklagter: Nein, vereinbart waren im Monat 3000 Euro. Die haben Frau Kellner und Frau Fleiß auch bekommen.
Richter: Und die anderen, die nur ein paar Tage in ihrem Hotel gearbeitet haben, haben auch 3000 Euro bekommen?
Angeklagter: Genau so ist es.
Rechtsanwalt: (aufgebracht) Der Angeklagte lügt! Das macht doch kein Mensch. Keiner bezahlt einem den Lohn für einen Monat, wenn er nur ein paar Tage gearbeitet hat!
Richter: Herr Groß, können Sie Ihre Aussage beweisen!
Angeklagter: Natürlich. Hier ist der Arbeitsvertrag von Frau Fleiß und Frau Kellner. (reicht dem Richter die Papiere)
Richter: (prüft die Papiere) Sie haben recht. Hier steht 3000 Euro. Frau Fleiß: Sagen Sie mir bitte, wieviel Euro haben Sie bekommen.
Klägerin: (kleinlaut) 3000 Euro. Aber eigentlich wären uns viel mehr zugestanden. Das ist doch ungerecht, wenn alle das gleiche bekommen!
(Per Videobeamer werden die Worte eingeblendet: „Überraschende Wende!“
Richter: Eine solche Ungerechtigkeit ist keine Straftatbestand. Sagen Sie mal Herr Groß, wieso sind Sie denn so ...so großzügig?
Angeklagter: Das ist eine Anweisung meines Chefs. Sie müssen wissen, unser Haus gehört zu einer weltweiten Hotelkette. Der Besitzer ist gewisser G. Ott.
Richter: G. Ott? Dieser Name kommt mir irgendwie bekannt vor.
Angeklagter: Sie alle müßten von G. Ott schon etwas gehört haben.
(Per Videobeamer werden die Worte eingeblendet: „Wer ist G. Ott?“
Richter: Aber wieso ist denn dieser G. Ott so großzügig?
Angeklagter: Nun, das ist ein Geheimnis meines Chefs. Herr G. Ott hat ein Buch verfaßt, in dem er seien Prinzipien festgehalten hat. Darf ich Ihnen einen kleinen aufschlußreichen Abschnitt vorlesen?
Richter: Bitte!
Angeklagter: (liest aus der Bibel „Hoffnung für alle“ Matthäus 20, 1-16)
Richter: Ich danke Ihnen für diese aufschlußreichen Aussagen ihres Chefs. Bitte erheben Sie sich. Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: Der Angeklagte ist freigesprochen. Die Kosten des Verfahrens trägt die Klägerin. Die Sitzung ist geschlossen.

© 2003 Dieter Opitz