Anspiel K&Q 7.7.02 - "Alles wird neu"

Familie Schulze beim Abendessen. Mutter deckt auf. Vater liest Zeitung. Sohn und Tochter warten aufs Essen.

SohnPapa!
Vater Du siehst doch, daß ich Zeitung lese.
Sohn(dringlicher) Papa!
MutterLaß doch den Papa seine Zeitung lesen! Er hat einen schweren Tag hinter sich!
SohnAber ich will doch bloß was fragen!
Vater(seufzt) Dann frag halt!
SohnFahren wir dieses Jahr in Urlaub?
Vater(einsilbig) Ja.
SohnWohin fahren wir denn?
MutterDer Papa und ich waren gestern im Reisebüro. Und wir fahren wieder an die Adria nach Bibione.
SohnSuper! Da gibt's doch das gute Eis!
TochterBibione! Jedes Jahr nach Bibione. Könnt ihr nicht einmal woanders hinfahren?
VaterGefällt es dir dort wohl nicht?
TochterDoch. Aber jedes Jahr das Gleiche. Ist doch auf die Dauer öde. Fliegen wir doch einmal nach Thailand oder auf die Malediven!
Vater Sonst noch was! Hast du eine Ahnung, was das kostet! Das können wir uns nicht leisten!
Sohn Sind wir wohl arme Leute, daß wir uns das nicht leisten können?
Vater Dein Papa ist nicht arm. Aber ich verdiene halt einmal nicht soviel wie einer dieser Fußballer, wie ein Beckham oder ein Zidane oder der Figo.
Sohn Ach so.
Vater (träumerisch) In 15 Jahren, da wird meine Lebensversicherung fällig. Mit dem Geld, das ich dann krieg, spendiere euch allen eine Weltreise, garantiert.
Mutter (begeistert) Machst du das wirklich? In 15 Jahren, wie schön!
Tochter (ironisch) In 15 Jahren, wie schön! Weißt du, wie lange das noch ist? Ich möchte halt gern dieses Jahr mal eine Fernreise machen.
Vater (trocken) Vielleicht fall ich ja morgen tot um. Dann kriegt ihr jetzt schon das ganze Geld von der Lebensversicherung. Dann kannst ja mit der Mama und deinem Bruder nach Thailand fliegen.
Mutter Sowas sagt man doch nicht. Wie redest du denn!
Vater Warum soll man darüber nicht einmal reden? Irgendwann müssen wir ja alle mal abtreten.
Mutter Aber doch nicht jetzt! Wir haben doch noch soviel vor. Jetzt, wo du endlich mal befördert worden bist, haben wir doch mehr Geld. Und vielleicht können wir nächstes Jahr doch noch das Bauen anfangen.
Sohn Mama, fahren wir auch nach Bibione, wenn der Papa tot ist?
Mutter Der Papa stirbt doch nicht, Bub.
Sohn Aber er hat doch gerade gesagt, daß er morgen tot umfällt.
Tochter Du kapierst auch nie was. Das hat er doch bloß gesagt, um uns zu ärgern.
Sohn Ach so.
VaterSo, so. Da fährt man mit seiner Familie jedes Jahr nach Bibione und das Fräulein Tochter meint, ich will euch nur ärgern.
Tochter So habe ich das nicht gesagt...
Vater ...Wenn ihr so einen Vater wie unseren Nachbarn, den Herrn Huber hättet, dann könntet ihr überhaupt nicht in den Urlaub fahren. Dann könntet ihr nicht einmal zur Stadtranderholung.
Mutter Der Huber muß übrigens im Krankenhaus sein. Letzte Woche haben sie ihn mit dem Krankenwagen abgeholt.
Vater So, der Huber ist krank? (blättert weiter in der Zeitung, schaut auf einmal betroffen hoch) Frau, stell dir vor, wer gestorben ist!
Mutter Sag schon!
Vater Der Huber, unser Nachbar! Das steht's: Nach langem Leiden in Gottes Frieden eingegangen...
Mutter Laß mich auch lesen! Tatsächlich: nach langem Leiden ...in Gottes Frieden eingegangen...
Vater In Gottes Frieden eingegangen. Das ist ja auch bloß so ein frommer Spruch.
Mutter Wie kannst du nur so reden! Das ist doch unser Nachbar! Der hat schon geglaubt, im Gegensatz zu dir.
Vater Woher willst du wissen, was ich glaube?
Sohn Mama, was heißt denn: ewiger Frieden.
Tochter Das wäre zum Beispiel, wenn du deine dämlichen Fragen nicht mehr stellen würdest.
Mutter Immer mußt du den Kleinen ärgern, immer!
Tochter Weil er halt immer nervt!
Sohn Ich nerv' überhaupt nicht! Ich hab' nur was gefragt!
Tochter So, so, du nervst überhaupt nicht, außer heute und gestern und vorgestern, halt jeden Tag!
Sohn Mama, die soll endlich aufhören!!
Vater (schreit) Ruhe! Und mit euch soll ich in Urlaub fahren! Mit euch zwei Wochen in Bibione, das hält ja keiner aus.
Mutter Schrei doch nicht immer gleich rum.
Vater Ja, ja untergrab' nur den letzten Rest meiner Autorität. Manchmal wünsch ich mir nur noch Frieden. (schaut in die Zeitung, sinniert) "Gottes ewiger Frieden". Hätte vielleicht doch was für sich.
Tochter Wie meinst du denn das schon wieder?
Vater Wie ich das meine? Das kann ich dir schon erklären! Da geht man auf die Arbeit, tut brav seine Pflicht. Und der Chef pfeift einen nur zusammen. Kommt man nach hause, motzen nur die Kinder und die Frau fällt einem in den Rücken. Freut man sich auf den Urlaub, dann geht das Gekeife dort bestimmt weiter. Irgendsowas wie ein ewiger Frieden wär nicht schlecht.
Mutter Und was ist mit deiner Lebensversicherung in 15 Jahren, willst du sie nicht erleben?
Vater Ohne mich könnt ihr das Geld doch viel besser ausgeben.
Mutter (begütigend) Ach komm, Bibione wird bestimmt ganz, ganz supertoll. Wir vertragen uns alle, das Wetter wird phantastisch, das Eis wird gut schmecken. Es wird der Himmel auf Erden!
Tochter Und in Bibione ist auch nicht der Himmel auf Erden. Vielleicht auf den Malediven. Aber nicht mit dem Kleinen!
Sohn Und mit dir auch nicht!
Mutter Jetzt hört doch endlich auf! Immer müßt ihr euch streiten!
Vater Der Himmel auf Erden, - wißt ihr was das für michd wäre? Mit einem Mercedes allein auf der Autobahn mit 180 fahren. Das wäre super.
Tochter Ja, ja bis du an der nächsten Leitplanke hängst.
Vater Das wäre immer noch besser, als dir deine Sprüche andauernd anzuhören. Dann hätte ich endlich meine ewigen Frieden.
Sohn Mama, wo ist denn jetzt ewiger Frieden?
Mutter (seufzt) Das weiß auch nicht. Bei uns ist er auf jeden Fall nicht.

© Dieter Opitz, Hessenstr. 13, 95448 Bayreuth