Kreuz und Quer Gottesdienst 20.01.02

"Hinter dem Grau"

(Sechs Personen sitzen um einen Tisch herum. Alle, bis auf einen, Herrn Farbe, haben Sonnenbrillen auf.)

Moderatorin: Guten Abend, meine Damen und Herren an den Bildschirmen. Ich darf Sie zu unserer "Fernsehrunde" ganz herzlich begrüßen. Unser Thema heute abend: Hinter dem Grau. Dazu darf ich heute abend vorstellen: Herrn Grau, Frau Grauen, Herrn Dr. Grausam, Herrn Grautkopf und - Herrn Farbe. (Die Personen nicken jeweils bei ihrer Vorstellung). Meine Damen und Herren, wir leben in einer grauen Welt. Der Tisch hier ist grau, die Stühle, auf denen wir sitzen, unsere Kleidung, die Natur, einfach alles. Herr Farbe, Sie sehen unsere Welt ein bißchen anders...
Farbe: Allerdings. Sie ist gar nicht grau. Sie ist bunt. Sie ist voller wunderschöner Farben.
Moderatorin: Könnten Sie uns ein Beispiel für Ihre Sicht der Dinge nennen?
Farbe: Selbstverständlich. Der Tisch hier z. B. ist gar nicht grau. Er ist braun. Die Stühle, auf denen wir sitzen, sind blau. Ihr Kleid ist grün.
Grau Darf ich dazu gleich etwas sagen?
Moderatorin: Bitte.
Grau: Grün, blau, blaun., oder wie das heißt. Was soll das alles? Das sind doch Worte ohne Sinn. Kein Mensch hier in unserer Runde kann sich vorstellen, was diese Worte bedeuten.
Farbe: Aber nur, weil Sie diese Farben nicht sehen können.
Grau: So, und Sie können dieses Grün, Blau und Blaun wohl sehen?
Farbe: Ja. Und zwar nicht nur Grün, Blau und Braun, (betont das r) auch rot und gelb und viele andere Farbtöne.
Grau:
Sie sind wohl was Besseres?
Farbe:
Nein, aber ich habe diese Farben irgendwann einmal in meinem Leben entdeckt.
Moderatorin:
Können Sie uns sagen, wie Sie diese Farben entdeckt haben?
Farbe:
Gerne! Ein guter Freund von mir hat mir von den Farben erzählt. Ich habe ihm zunächst auch nicht geglaubt, was er mir von diesen Farben erzählte. Aber er redete so begeistert von den Farben, die er sah, und er sagte mir auch, daß er die Welt nun mit ganz anderen Augen sieht als vorher. Und da bin ich ins Nachdenken gekommen. Vielleicht gibt es ja wirklich diese Farben?
Moderatorin:
Und wie haben Sie nun diese Farben gesehen?
Farbe:
Ganz einfach. Mein Freund sagte mir, ich sollte wie er meine Brille abnehmen.
Moderatorin:
Ihre Brille?
Farbe:
Ja, meine Brille! Wir alle haben von Kindheit an eine Brille auf, dadurch sieht alles so grau aus. Und wenn man sie abnimmt, dann sieht man erst die Farben!
Grau:
Brille, welche Brille? Ich merke nichts von einer Brille! (rückt nervös an seiner Brille)
Farbe:
Die meisten Menschen denken, diese Brille gehört zu Ihnen dazu. Deshalb merken sie gar nicht, daß sie sie aufhaben. Aber - man kann sie abnehmen! Es geht wirklich! Es ist ganz einfach!
Moderatorin:
Eine interessante These, die sie vertreten! (rückt auch an ihrer Brille)
Grau:
Herr Farbe, wir leben hier in einem grauen Land. Das war schon immer so und wird immer so bleiben. Schon mein Vater, mein Großvater und Urgroßvater haben nur dieses Grau gesehen, nichts anderes, und auch meine Kinder, Enkel und Urenkel werden nichts anders sehen. Und nun kommen Sie daher und behaupten: Es gibt Farben!
Farbe:
Und es gibt sie auch! Viel, viel schönere Farben als dieses öde Grau!
Grau:
(aufgebracht) Wie Sie nur von unserem schönen Grau reden! Unser Grau, das ist doch unsere Welt. Farben würden doch nur Unruhe in unser Land bringen. Doch Gottseidank ist ja bei uns alles Grau in Grau.
Graudkopf:
Mann, das klingt ja voll ätzend, wie Sie das sagen. Mein Grau ist nicht so langweilig wie Ihr Grau. Mein Grau ist absolut cool. Hinter meinem Grau da ist Power. Da vibriert alles. Grau, das ist so stark!
Grau:
Aber ich bitte Sie! Von welchem Grau reden Sie denn?
Graudkopf:
Na, von dem absolut hypermodernen Grau. Grau, das ist so kraß, eine absolut fette Sache!
Farbe:
Aber es ist keine Farbe!
Graudkopf:
Na und! Ich brauche keine Farbe! Grau ist alles.
Moderatorin:
Herr Dr. Grausam, als Sachbuchautor haben Sie sich einen Namen gemacht. Ihr neuestes Buch "Grau - besser als nichts", beschäftigt sich auch mit dem Thema unserer Sendung. Was meinen Sie: Gibt es Farben?
Dr. Grausam:
Mit Sicherheit nicht. Sie sind ein uralter Mythos. Immer wieder gab es Menschen, die behaupteten, es gäbe so etwas wie Farben. Sie haben ihre Meinung nie wissenschaftlich beweisen können. Unsere Welt ist grau, wie man sieht. Etwas anderes gibt es nicht, kann es nicht geben.
Moderatorin:
Die Anhänger des Farbenmythos behaupten steif und fest, diese Farben gesehen zu haben. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?
Dr. Grausam:
Einbildung, nichts als Einbildung. Ein klarer Fall von Farbenwahn. Wissen Sie, diese Farbengläubigen, das sind im Grunde ihres Herzens sehr schwache und unsichere Menschen. Sie kommen in unserer grauen Realität nicht zurecht. Sie wünschen sich Farben zu sehen und schließlich sehen sie sie auch. Die Wissenschaft spricht von Farbhalluzination.
Moderatorin:
Wieviele Opfer dieses Farbenwahnes, schätzen Sie, gibt es?
Dr. Grausam: In nicht so aufgeklärten Ländern gibt es noch relativ viele. Aber in unserem Land sind sie schon recht selten geworden. Aber es gibt sie immer noch. Der Farbenwahn wird wohl noch nicht so schnell aussterben, vielleicht nie.
Moderatorin:
Wie gefährlich ist eigentlich der Farbenwahn?
Dr. Grausam:
Nun, Farbenwahn ist eine Art von Fanatismus. Seine Anhänger lassen sich nicht von ihrer Meinung abbringen. Sie sind intolerant und insofern eine Gefährdung für den gesellschaftlichen Frieden in unserem Land.
Grau:
Genau! Diese Farbenanhänger bringen bei uns alles durcheinander!
Farbe:
Wir wollen doch nichts durcheinander bringen. Wir wollen nur, daß alle Menschen die Farben sehen und sich wie wir darüber freuen.
Grau:
(knurrt) Wir freuen uns schon über unser Grau-


Moderatorin:
Frau Grauen. Was ist für Sie hinter dem Grau?
Grauen:
(geheimnisvoll) Wissen Sie: Ich habe viel meditiert. Ich habe mit allen möglichen Psychotechniken mein Innerstes durchforscht. Und mein Innerstes sagt mir: Ich habe schon oft gelebt. Ich war Kaiserin von China und Maria Stuart, die man leider (macht entsprechende Handbewegung) geköpft hat...
Moderatorin:
Wie traurig.
Grauen:
...Und mein Innerstes sagte mir auch: Hinter dem Grau da ist Plinsch und Plansch.
Moderatorin:
Wie bitte? Plinsch und Plansch? Was ist das? Sind das Farben?
Grauen:
(verzückt) Plinsch und Plansch sind, sind eben Plinsch und Plansch. Die Prinzipien des Seins.
Moderatorin:
Haben Sie Plinsch und Plansch gesehen?
Grauen:
Gesehen? Nein? Nur geahnt, gefühlt, hinter dem großen Grauschleier in meinem Inneren.
Moderatorin:
Aha. Nun gut. Wir wollen nun zum Schluß kommen. Das letzte Wort haben Sie, Herr Farbe.
Farbe.
Danke. Ich habe Ihnen allen einen Blumenstrauß mitgebracht. (greift hinter sich und stellt/legt ihn auf den Tisch)
Moderatorin:
Ach, ist der schön grau!
Dr. Grausam:
Eindeutig grau.
Grau:
Klar.
Graudkopf:
Ein Walkman wär mir lieber.
Grauen:
(schließt die Augen) Von diesem Strauß geht eindeutig Plinsch aus und eine Spur Plansch...
Farbe:
Er ist nicht grau. Er ist nicht Plinsch. Er hat viele Farben wie (beschreibt den Blumenstrauß).Und Sie können sie alle sehen, wenn Sie nur wollen, wenn Sie nur Ihre Brille abnehmen!
Dr. Grausam:
(schüttelt nachdenklich den Kopf) Ein besonders ausgeprägter Fall von Farbenwahn. (rückt seine Brille zurecht)
Graudkopf:
Voll kraß, der Typ, ey. (rückt seine Brille zurecht)
Grau:(entrüstet) Daß Sie sich nicht schämen, Herr Farbe. (rückt seine Brille zurecht)
Grauen:
(hält die Hände vor ihre Brille) Ich sehe jetzt schwarz. Aber ich fühle Plinsch.
Moderatorin:
Was ist hinter dem Grau? Sie, liebe Zuschauer, haben die Antworten unserer Gäste gehört. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen grauen Abend Zuhause! Auf Wiedersehen!