"Bußhaltestelle" Anspiel Kreuz und Quer 22.11.17

 

(Frau steht auf der Bühne, scheint zu warten, schaut immer wieder auf die Uhr. In der Nähe hält sich Tetzel auf, der immer mal rüber schaut. Mann tritt auf die Bühne und geht zur Frau hin und stellt sich neben sie hin. Luther und Tetzel haben moderne Kleider an.)
 

Mann:             (etwas nervös und zögerlich, wartet etwas.) Das ist doch hier die

                       Bußhaltestelle, oder?

Frau:               Klar. (reicht die Hand), Übrigens: Ich bin die Silke.

Mann:             Und ich der Max. (immer noch zögerlich) Wann ist denn die Abfahrt?

Frau:               (schaut wieder auf die Uhr) In 10 Minuten vielleicht.

Mann:             (schaut sich suchend um) Wo ist denn hier der Fahrkartenschalter?

Frau:               Gibt's nicht.

Mann:             Und wo haben Sie, ähm hast du deine Fahrkarte her?

Frau:               Ich habe sie schon mitgebracht.

Mann:             Ah so? Das geht auch?

Frau:               Klar. Ich hab genug gebüßt in meinem Leben, kann ich dir sagen. Außerdem
                       habe ich jede Menge guter Taten. Das reicht. Und du brauchst wohl noch eine Fahrkarte?

Mann:             Eigentlich schon.

Frau:               Der Typ da, (deutet zu Tetzel), der verkauft welche. Sagt er zumindest.

Mann:             Ah ja, gut, Danke. (schlendert langsam zu Tetzel) Sie verkaufen hier Fahrkarten?

Tetzel:             Wohin wollen Sie denn? Wo wollen Sie aussteigen?

Mann:             Also ich bin übrigens der Max.

Tetzel:             Und ich der Johann. Johann Tetzel.

Mann:             Ich glaub, von dir hab ich schon mal gehört. Kann das sein?

Tetzel:             Kann gut sein. Mich kennen viele Menschen. Also wohin willst du?

Mann:             Na dorthin, wohin alle wollen: Wieder nach hause.

Tetzel:             Kein Problem. Kann dir eine Fahrkarte für dorthin verkaufen.

Mann:             (erleichtert) Das ist gut, Sehr gut. Und was kostet so eine Fahrkarte.

Tetzel.             Kommt drauf an, was du angestellt hast.

Mann:             Angestellt?

Tetzel:             (lacht) Frag nicht so. Mit mir kannst du offen reden. Du denkst, du kommst

                       nicht hause, weil du was angestellt hast. Vielleicht sogar ganz schlimme

                       Sachen. Auf jeden Fall hast du ein schlechtes Gewissen, stimmt's?

Mann:             (nickt schuldbewusst)

Tetzel:             Spuck's aus.

Mann:             Ausspucken?

Tetzel:             Sag's mir, beichte es mir, oder wie du es ausdrücken willst.

Mann:             Das ist zu peinlich. Kann ich's dir ins Ohr flüstern?

Tetzel.             (seufzt) Meinetwegen.

Mann:             (geht zu Tetzel und flüstert ihm was ins Ohr)

Tetzel:             (laut) Na, wird deine Freundin aber sauer sein, wenn sie das erfährt!

Mann:             Psst, nicht so laut. Soll doch keiner hören!

Tetzel:             Schon gut. Also, kauf ihr 10 Rosen. Dann frisst sie dir aus der Hand.

Mann:             (erleichtert) 10 Rosen? Ist das alles?

Tetzel:             Klar.

Mann:             Und krieg ich jetzt die Fahrkarte für nach hause?

Tetzel:             (grinst und hält die Hand auf) Natürlich.

Mann:             (seufzt, zieht seinen Geldbeutel aus der Tasche und holt einen Geldschein raus)

                        Reicht das?

Tetzel:             Ist okay. (legt den Schein in eine Kiste oder Geldkassette) Hier ist die

                       Fahrkarte (zeigt ihm ein Blatt Papier, auf dem mit großen sichtbaren

                       Buchstaben "Ablass" steht. Der Mann will sie schnell nehmen, aber

                       Tetzel zieht sie wieder weg) Ach ja, noch etwas: Das ist doch sicher nicht alles,

                       was du angestellt hast, oder?

Mann:             (zögerlich) Ja, da gäbe es schon noch was.

Tetzel:             Spuck's aus!

Mann:             (seufzt) Also gut. (flüstert wieder etwas ins Ohr von Tetzel)

Tetzel:             Tsss, Tsss, Tsss. Sachen machst du. Es war dein Vater, sagst du, dem du …

Mann:             (hält Tetzel den Mund zu) Sei doch ruhig! Was soll ich tun?

Tetzel:             Eine Flasche Wein tut's sicher.

Mann:             Mach ich. Krieg ich jetzt meine Fahrkarte?

Tetzel:             Klar, aber der Tarif ist natürlich jetzt ein bisschen teurer: (hält die Hand auf.)

Mann:             (seufzt) Was bleibt mir anders übrig. (gibt Tetzel einen weiteren Geldschein in

                       die Hand) So, jetzt aber her mit der Fahrkarte.

Tetzel:             Nicht so ungeduldig, junger Mann. Erst alles ausspucken, alles.

Mann:             Na gut, Da gibt es noch ein, zwei, vielleicht drei Sachen, die noch

                       erwähnenswert sind. (Flüstert Tetzel wieder ins Ohr, der die "Beichte"

                       kopfschüttelnd zur Kenntnis nimmt)

Tetzel:             Also ich würde mal sagen: Dich bei allen natürlich entschuldigen und dann in

                       Zukunft zu ihnen immer nett sein, hörst du immer!

Mann:             (ängstlich) Immer? Ob ich da schaffe?

Tetzel.             Dein Problem. Könnte schon klappen.

Mann:             Jetzt krieg ich aber die Fahrkarte. (öffnet schon den Geldbeutel)

Tetzel:             Natürlich greift bei dir jetzt der Tarif für besonders schwere Fälle.

Mann:             Wieviel?

Tetzel:             Gib mir mal deinen Geldbeutel. Ich such  mir was raus. (entnimmt alle Scheine

                       und gibt den leeren Geldbeutel zurück, sowie den Fahrschein.)

Mann:             (erleichtert) Endlich.

Tetzel:             (schüttelt seine Geldkassette und sagt) Wenn das Geld im Kasten klingt…

Luther:            (kommt auf die Bühne) Du siehst so aus, als ob du bei mir mitfahren wolltest.

Mann:             (aufgeregt) Nach hause?

Luther:            Genau. Nach hause. Der Bus steht auf der anderen Straßenseite.

Mann:             Hier die Fahrkarte. (gibt sie Luther)

Luther:            (gibt sie wieder zurück) Die ist ungültig.

Mann:             (erregt) Ungültig? Das gibt es nicht! Sie hat mein ganzes Geld gekostet!

Luther:            (zu Tetzel) Hast du wieder einen für dumm verkauft?

Tetzel:             (zuckt die Achseln) Die Leute wollen es so.

Luther:            (zu Max) Es stimmt. Die Karte ist ungültig. Die Karte nach hause könntest du gar nicht bezahlen.

Mann:             Ja, aber ich will nach hause!

Luther:            Keine Angst! Diese Karten für "nach hause" sind alle schon bezahlt! Du musst

                       nichts mehr zahlen.

Mann:             Ich versteh nur Bahnhof.

Luther:            Vor langer, langer Zeit, schon vor 2000 Jahren, hat einer alle Fahrkarten

                      bezahlt. Er ist sogar dafür gestorben.

Mann:             Ist das wahr?

Luther:            Klar, ich kann es dir in den Beförderungsbedingungen zeigen. (Hält eine Bibel
                       hoch) Da steht alles drin.

Mann:             Ich darf wirklich umsonst mitfahren?

Luther:            Wie oft soll ich es dir noch sagen.

Mann:             Ich fahr natürlich mit. Übrigens: ich bin der Max.

Luther:            Und ich heiße Martin, Martin Luther. (zu Silke) Und was ist mit dir? Willst du

                       auch mitfahren?

Frau:               Du verlangst wirklich nichts?

Luther:            So sind die Beförderungsbedingungen. So steht es geschrieben.

Frau:               (schüttelt den Kopf) So was gibt es nicht. Da ist was faul. Ich fahr da nicht mit.

Luther:            Wie du willst. (zu Max) Aber wir fahren jetzt nach hause.

 

© Dieter Opitz