Anspiel Kreuz und quer Gottesdienst 16.5.99

"Man gönnt sich ja sonst nichts!"

Vater: (sitzt vor dem Fernseher, schaut die Übertragung der Lottozahlen) Schon wieder nichts. Jede Woche habe ich meinen Lottozettel ausgefüllt. Und nie einen Sechser, oder nur einen Fünfer mit Zusatzzahl. Einmal einen Sechser: Was könnte ich mir da alles leisten!. Nie mehr arbeiten müssen! Und die Kinder, was könnte ich denen alles schenken! Ach, wenigstens träumen möchte ich davon! (gähnt und schläft ein, Mutter, Tochter und Sohn kommen dazu. Der Traum beginnt: Vater, Mutter, Sohn und Tochter sitzen vor dem Fernseher. Sie schauen die Übertragung der Lottozahlen.)

Vater: Soviel Glück! Das gibt's ja nicht!
Mutter: Das Bügeleisen, das wir vor sechs Jahren beim Kreuzworträtselpreisausschreiben gewonnen haben, war eine feine Sache. Was haben wir uns darüber gefreut! Die Kreuzfahrt in die Karibik, die wir zwei Monate später gewonnen haben, war sehr schön.
Vater: Beim nächsten Preisausschreiben gewinne ich doch glatt einen Porsche.. Aber, was brauche ich einen Porsche? Also habe ich ihn unserem Sohn geschenkt.
Sohn: War schon ein schönes Auto.
Vater: Und dann hat unsere Tochter natürlich auch was gebraucht. Also, was blieb mir anderes übrig: Ich mußte wieder bei einem Preisausschreiben mitmachen. Und da gewinne ich natürlich einen Bungalow mit Swimmingpool. Für meine Tochter!
Sohn: Den neuen Porsche hab ich leider zu Schrott gefahren.
Vater: Hatte nichts gemacht. Zur gleichen Zeit habe ich beim Lotto ein paar hundert tausend Mark gewonnen. Auf den Pfennig genau haben Tochter und Sohn einen Teil bekommen, der Sohn für einen neuen Porsche, die Tochter für ein Segelboot. Für den Rest haben wir dann eine Eigentumswohnung auf Sylt
gekauft.
Mutter: Immer mußt du alles durcheinander bringen. Das war doch erst beim nächsten Lottogewinn. Für den ersten Lottogewinn haben wir uns nur einen Mercedes gekauft.
Vater: Ja, stimmt, du hast recht. Naja, und dann ging's erst richtig los. Den ersten Sechser im Lotto haben wir vor vier Jahren gewonnen. War das schön,unser erster Sechser.
Mutter: Wer konnte denn ahnen, wie's dann weiterging? Erst einmal haben wir uns ein neues Haus gekauft. Da hat sich an nichts gefehlt!
Tochter: Dann haben wir unsere erste Weltreise gemacht, dann haben wir unser Häuschen auf Mallorca gekauft. Und eine Segelyacht. Mehr nicht. Mehr braucht man ja nicht zum Leben.
Sohn:  Den Rest haben wir in Aktien angelegt. Ein guter Tip vom Onkel Albert. Und was passiert. Die Aktien steigen und steigen. Wir sind schon fast verrückt geworden vor lauter Aufregung. Auf einmal haben wir Aktien im Wert von 10 Millionen Dollar!
Vater: Was mache ich mit 10 Millionen Dollar? Also schnell einen Anlageberater engagiert. Der kauft uns Bürohäuser in Frankfurt. Beste Lage. Gerade rechtzeitig, bevor die Aktien wieder gefallen sind.
Mutter: Naja, wenn man einmal mit dem Lottern angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören.. Dann war doch die Zeit, wo der Jackpot so groß war. 15 Millionen. Und was passiert?
Vater: Ausgerechnet wir müssen den Jackpot knacken. Ich habe nächtelang nicht schlafen können.
Sohn: Und was habt ihr mit dem schönen Geld gemacht. Antiquitäten und Bilder habt ihr davon gekauft.
Tochter: Superidee gewesen!
Vater: Wir haben es ja gleich alles wieder verkauft. Aber das eine Bild war so ein wertvoller Van Gogh. Für den haben wir bei einer Versteigerung 30 Millionen Mark bekommen.
Mutter: Also, wir sind das Geld einfach nicht los geworden.
Tochter: Verbrennen kann man es ja auch nicht.
Sohn: Jetzt hab ich schon zwei Porsche, einen Ferrari und einen Rolls Royce.
Tochter: Ganz zu schweigen von meinem Reitstall, meinen Bungalows und meinen Kollektionskleidern.
Vater: Naja, und so langsam sind wir natürlich auch in den Jet Set hineingekommen.
Mutter: Lauter interessante Leute.
Tochter: Jedes Wochenende zum Shopping nach London..
Sohn:  Und jeden Mittwoch zum Pokern nach New York.
Tochter: Und dann diese Modenschauen in Rom und Paris.
Sohn: Und all die Mädchen, die auf einmal hinter mir her sind. Nur wegen dem Geld.
Vater: Apropos Geld. Unser Sechser mit Superzahl. Was machen wir denn jetzt mit dem Geld?
Tochter: Wir könnten es ja einmal spenden. Dann kommen wir wieder einmal in die Zeitung.
Vater: Nein, nein, auf gar keinen Fall. Wer weiß, wo das viele Geld dann hinkommt. Das kriegt dann bloß die Mafia.
Mutter: Was haben wir denn noch nicht? Was fehlt uns denn noch?
Vater: Die Verwandtschaft ist gut versorgt. Sogar unserer Oma haben wir nachträglich noch einen schöneren Grabstein gekauft.
Mutter: Zum Glück muß sie nicht mehr miterleben, was für einen Streß wir jetzt haben.
Sohn: Wir könnten ja eine Familiengruft kaufen.
Vater: Nein, nein, ans Sterben denken wir noch lange nicht. Jetzt wollen wir erst einmal leben.
Sohn: Stimmt eigentlich, eine Gruft brauchen wir noch nicht. Wir haben eigentlich alles.
Tochter: Haben wir wirklich alles? Fehlt uns gar nichts?
Vater: Natürlich haben wir nicht alles. Kein Mensch hat alles.
Sohn: Immer fragt mich einer: hast vielleicht einen Blauen für mich? Ein paar gute Freunde täten uns gut.
Vater: Freunde kann man sich nicht kaufen.
Mutter: Und Gesundheit auch nicht. Wenn mich nur meine Bandscheiben in Ruhe lassen würden.
Tochter: Und das ewige Leben kann man sich auch nicht kaufen.
Vater: Und gute Nerven auch nicht. Die Sorgen wegen dem vielen Geld machen mich noch ganz kaputt.
Sohn: Ihr tut ja so, als ob wir arme Leute wären.
Tochter: Ganz arme Leute.
Vater: Stimmt eigentlich. Aber unseren Nachbarn lassen wir nichts davon merken. Der soll vor Neid noch platzen.
Tochter: Wie es innen aussieht, das geht keinen was an.
Mutter: Und was machen wir jetzt mit unserem Geld?
Sohn: Da fragen wir unseren Anlageberater. Der wird schon was wissen.
Vater: Der will ja auch leben.
Vater: Aber eines sag ich dir, füll mir bitte keinen Lottoschein mehr aus!
 (Mutter, Sohn und Tochter verlassen wieder die Bühne. Der Vater erwacht aus seinem Traum)
Vater: Hab ich ein blödes Zeug geträumt.